Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 13 (13.2.1893)
- Date
- 1893-02-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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237 Paris hat in Folge eines jüngst gefaßten Consistorialbeschluffes, eine allen Anforderungen entsprechende m«Q hotw. Die seit Jahrzehnten schwebende, unseren gewissenhaften Glaubensbrüdern viel Sorge verursachende Schechitafrage hat endlich durch Anstellung von drei o’iun o’taniff eine glückliche Lösung gefunden. — Selbst eine unter Leitung des Herrn Simon Altmann stehende Specialfleischerei, die nur mühsam durch Privatmittel erhalten werden konnte, erhält nun ihren Fleischbedarf von der Consistorialschechita. Jeder, der wie wir, mit den religiösen Verhältnissen der hiesigen Gemeinde vertraut ist, wird diese Errungenschaft in ihrer ganzen Tragweite zu würdigen wissen und sowohl dem toleranten Vorgehen des Pariser Consistoriums als auch denjenigen, die für die gute Sache seit vielen Jahren kämpfen, ihren Beifall nicht versagen können. — Hoffnungsvoll können wir nun auch der in Frage stehenden Neuorganisation zur strengen Ueberwachung der Pariser Metzger entgegensetzen. > Vermischtes. -4- Berlin. Das Kuratorium der von der Familie Reichenheim begründeten Stiftung „Mädchenheim", welche junge bedürftige Mädchen aus den gebildeten Ständen ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses für einen künftigen Beruf ausbildet, hat in seiner letzten Sitzung vier bedürftige junge Mädchen in die Stiftung ausgenommen. Die Zahl der seit dem Bestehen der Stiftung ausgenommen Zöglinge hat die Höhe von 100 erreicht. 78 von diesen, und zwar 40 christliche und 39 jüdische, haben bereits die Anstalt verlassen und eine sichere Lebensstellung gefunden. Die Zöglinge, verwaiste junge Mädchen im Alter von 14—18 Jahren, erhalten Erziehung, Pflege und Ausbildung. Mit der Aufnahme von nur vier Pfleglingen begann die Stiftung ihre wohlthätige Wirksamkeit im Jahre 1874. Jetzt hat sie einen steten Bestand von 22 Zöglingen. Als neues Mitglied ist Stadtschulrath Professor Dr. Bertram in das Kuratorium eingetreten. Berlin, im Januar. Ein hiesiges Blatt bringt die nachfolgende Erzählung von dem Wohlthätigkeitssinn eines Berliner Glaubensgenoffen zur Veröffentlichung. Bei einem vielbeschäftigen Kaufmann, der neben seiner Erwerbsthätigkeit als Ehrenamt die Verwaltung von Wohlthätigkeits- Anstalten der hiesigen jüdischen Gemeinde seit Jahren übernommen hat, ließ sich dieser Tage ein alter Herr melden, als sich ider Geschäftsmann gerade zu einem dringenden Ausgang anschickte. In aller Eile richtete der Kaufmann seinen Blick auf den Ankömmling, dessen schlichter Anzug einen Unterstützungsbedürftigen zu verrathen schien, und ziemlich kurz lautete die Frage nach seinem Begehr. Schüchtern bemekte der alte Herr, er habe eine Wohlthätigkeitsspende vor. „Wie viel wollen Sie geben?" — klang es im Geschäftston zurück — „vielleicht dreißig Mark? — „Nein, ich hatte mir mehr vorgesetzt! — „Nun, fünfzig, hundert Mark, — oder stiften Sie doch ein Bett, das kostet 300 Mark." — „Ich hatte mir eine bestimmte Summe vorgesetzt und habe sie auch zur Stelle. Es sind — Hunderttausend Mark." — Der erstaunte Kaufmann hatte plötzlich Zeit und gebrauchte sie auch, um die Sprache wieder zu gewinnen. Er hieß den seltenen Wohlthäter Platz nehmen und setzte ihm auseinander, daß er zur Annahme einer fo bedeutenden Schenkung nicht ohne Weiteres befugt sei, daß dazu erst die Genehmigung nachgesucht werden müffe, daß eine Eingabe nothwendig sei. „Dann beeilen Sie die Schritte nach Möglichkeit," bemerkte schlicht der Vertröstete, „ich fühle, daß ich schwächer werde und mochte die Freude, die ich mir bereiten will, selbst genießen." Der Vorsteher versprach thunlichste Beschleunigung, und in der Thal ist die Genehmigung zur Annahme der großherzigen Stiftung bereits nachgesucht. Der Spender ist ein Rentier, der in der Potsdamer Straße wohnt, sehr einfach lebt und außer seinem Hange zur Wohlthätigkeit keine kostspieligen Neigungen kennt. Oels i. Schl., im Januar Der Vorsteher unserer Gemeinde, Herr Amtsgerichtsrath Dr. Borchert, ist als Landgerichtsrath nach Neiffe berufen und verließ Anfangs Januar unsere Stadt. Das Scheiden dieses Mannes wird von der ganzen Stadt im höchsten Grade bedauert. Denn Herr Dr. Borchert gehört zu denjenigen, die hohe Begabung mit außergewöhnlicher Liebenswürdigkeit verbinden. Er bekleidete viele Ehrenämter: er war Kreistagsabgeordneter, Vorsitzender des Kriegervereins und erster Vorsteher der jüd. Gemeinde. Bei jeder öffentlichen Feier, an welcher die Notabeln der Stadt sowie auch die Offiziere theilnahmen — bei der Enthüllung von Denkmälern und der Feier des Kaisers Geburtstags im Krieger-Verein — fungirte er als Festredner und erntete Beifall. Dabei ist Herr Dr. Borchert Jude mit Leib und Seele. Es ist kein Wunder, daß die hiesige jüdiche Gemeinde, deren Zierde er gewesen, den Schmerz seines Scheidens ganz besonders empfindet. Sie hielt es deshalb als Pflicht, ihrem langjährigen ersten Vorsteher zu Ehren ein Festessen zu veranstalten, an welchem sich sämmtliche Gemeindemitglieder betheiligten. Prag Am 1. December 1867 wurden in der Generalversammlung der Mitglieder der Großen Hofsnyagoge, in welcher der bereits verstorbene Präses der isr. Cultusgemeinde-Repräsentanz Herr Dr. Ludwig Tedesko den Vorsitz führte, die Herren B. S. Bondy, Adolf Brandeis und Herfchmann Lieberls gewählt. Nachdem nun jHerr Bondy mit Herrn Brandeis, der mittlerweile nach Wien übersiedelt ist, zwanzig Jahre hindurch gemeinschaftlich als Vorsteher wirkte, und Herr Lieberls während jener Zeit gestorben ist, verblieb Herr V. S. Bondy in seinem Ehrenamte, so daß es am 1. December v. I. 25 3at)te geworden sind, daß er dasselbe bekleidet. Ein Vierteljahrhundert Ausdauer in einem jüdischen Ehrenamte wäre schon an und für sich ein Verdienst, allein dasselbe wird noch dadurch erhöht, daß der Jubilar selbstlos und mit aufrichtiger Hingebung stets bestrebt war, den Ruhm des altherwürdigen Gotteshauses zu wahren, den Gottesdienst zur Ehre Gottes würdig zu fördern. In die Zeit der langjährigen Wirksamkeit Bondy's als Vorsteher der Großen Hofsynagoge fällt aber auch die Restaurirung und der theilweise Umbau derselben, die in erster Reihe ihm, sodann auch der Mitwirkung seiner damaligen obgenannten Mitvorsteher zu danken sind. In Anerkennung und Würdigung der großen Verdienste des Jubilars um die Große Hofsynagoge hat nun die Gemeinde derselben am Samstag^beim Morgengottesdienst mit der Sabbath-Chanukafeier gleichzeitig die Jubelfeier ihres ersten Vorstehers, verbunden, anläßlich welcher Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld die Festpredigt gehalten hat. Die Synagoge selbst war entsprechend ausgeschmückt und vor dem Tabernakel zum ersten Male eine portative Marmortafel, versehen mit einer auf das ersprießliche Wirken des Jubilars Bezug habenden hebräischen Inschrift, angebracht. Peft. Einer mit vieler Gründlichkeit ausgearbeiteten statistischen Arbeit des Directors Josef Körösi entnehmen wir nachstehende hochinteressante Daten: Von den drei Confeffionen in Ungarn zeigen die Katholiken und Israeliten