Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 13 (13.2.1893)
- Date
- 1893-02-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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236 Zeiturrgs«achrichterr mtb Corresporrdeuzeu. Deutschland. Kassel, im Januar. Es wird so viel darüber geschrieben und geredet, was wir gegen das Anwachsen des Antisemitismus thun können, aber davon, daß die outen Rathschläge der jüdischen Zeitungen und Redner in Tbaten umgesetzt werden, ist noch blutwenig zu bemerken. Da liest man unter Anderem fortwährend: Lasset Euere Kinder keine Kaufleute, sondern Handwerker werden. Wenn man nun diesen Rath vielfach auch noch nicht befolgt, so sollte man doch wenigstens annehmen, daß die schon bestehenden Handwerker von ihren Glaubensgenossen genügend unterstützt werden, aber weit gefehlt, ein jüdischer Handwerker ist heute schlimmer daran, wie der niedrigste Taglöbner. Da ist z. Bin hiesiger Stadt ein jüdischer Conditor, nebenbei bemerkt, der einzige jüdische Conditor am Platze; Kassel besitzt eine Gemeinde von 800 jüdischen Familien, da sollte man doch denken, daß ein jüdischer Conditor seine Familie sorgenfrei zu ernähren im Stande wäre. Das ist aber leider nicht der Fall. Die Gemcindemitglieder kaufen ihren Bedarf lieber bei Nichtjuden. Christen kaufen ihren Bedarf nicht in jüdischen Conditoreien. Juden kaufen ihren Bedarf bei Christen, wie soll da ein jüdischer Geschäftsmann Frau und Kinder ernähren, die hohe Ladenmietbe, Steuern k. erschwingen? Sollen die jüdischen Handwerker mit Gewalt wieder dem Handel in die Arme geworfen werden? Es ergeht daher an unsere Gemeindemitglieder die dringende Mahnung, die jüdischen Handwerker, soweit dies in ihren Kräften steht, zu unterstützen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Budapest, 30. Januar. Der Ungarisch-israelitische Handwerks- und Ackerbauverein hielt gestern unter dem Vorsitze seines Präsidenten Dr. Armin Reumann eine Ausschußsitzung. Zwölf Zöglinge des Vereins, darunter ein Taubstummer, wurden freigesprochen. Der Tischler Fabian Brunner sprach der Vereinsleitung seinen Dank aus. Der Vorsitzende meldet den Beitritt von 18 neuen Mitgliedern an, unter denen wir blos den Architekten Josef Puch er, Dr. Ladislaus Gorova und die Neuhäusler israelitische Gemeinde namentlich anführen wollen. Dr. Neumann berichtet, daß der Stiftungsbrief über die große, 70,000 fl. betragende Pollak'sche Stiftung zur Unterstützung angehender Meister bereits unterfertigt sei. Derselbe erliegt derzeit sim Ministerium. Zur Erwerbung eines Vereinshauses, in welchem eventuell das projectirte Lehrlingsheim untergebracht und dessen Grundsteinlegung am Jubiläumstage des halbhundertjährigen Bestandes des Vereins vorgenommen werden soll, wurde unter dem Präsidium des Herrn Berthold Weiß ein Comite entsendet. — Für das Baroß- Denkmal wurden auf dem Bogen des Vereins 25 fl. gezeichnet. — Von der nordungarischen Kohlenbergbau-Aktiengesellschaft erhielt der Verein eine Spende von 50 fl. — Endlich hat der Ausschuß beschlossen, aus sanitären Gründen den Vereinszöglingen, 300 an der Zahl, Badekarten auf Kosten des Vereins verabfolgen zu lassen. Fünfkirchen, 29. Januar. Gestern, am 28. d. M., starb hier der älteste Israelit unserer Gemeinde, Herr Salomon Sachs, im Alter von 104 Jahren. Der nunmehr Verblichene gehörte früher zn den wohlhabendsten und wohlthätigsten Bürgern unserer Stadt. Er war schon seit acht Jahren an das Bett gefesselt, ohne darum seine geistige Rüstigkeit eingebüßt zu haben. Vor vierzehn Tagen traf ihn das Unglück, daß ihm seine Gattin im Alter von achtzig Jahren starb. Der „alte Sachsl", wie der Verstorbene hier genannt wurde, folgte nun als treuer Ehegatte seiner Ehegenossin bald in das Grab nach. Griechenland. Zante. Traurige und herzerschütternde Nachrichten liegen uns heute von der Insel Zante vor, wo ein Erdbeben die gleichnamige Stadt mit den umliegenden Dörfern fast gänzlich zerstört hat. Die Einwohner müssen nun im Freien lagern. Denselben fehlt es aber nebst Lebensmitteln an den nöthigen Kleidern zum Schutze gegen die mit dem Erdbeben dort ganz unerwartet eingetretene Regenzeit. Zante besitzt nach Korfu die zweitgrößte jüdische Gemeinde auf den griechischen Inseln, da sich dort nahezu zweihundert jüdische Familien befinden, die auch ihr eigenes Ghetto haben. Die griechische und die italienische Regierung haben sich schon beeilt, Kriegsschiffe mit Zelten, Lebensmitteln, Bettdecken und Kleidern nach dieser Insel zu senden, um so deren Bewohnern das Elend ein wenig zu erleichtern. Frankreich. Paris, 21. Schewat. Wenn in unserem fortschrittlichen und dennoch uns etwas mittelalterlich anheimelnden fin de siöcle, im Innern einer großen jüdischen Gemeinde, ein allgemeines Bestreben, unsere heiligen Traditionen streng zu beobachten, sich kund gibt, so können wir dies mit umso gröberer Freude begrüßen, als ja der innere Friede, gestärkt durch ein gemeinsames Festhalten an die segenbringende Ueberlteferung unserer frommen Ahnen, als einziges Palliativ gegen alle Angriffe von Außen, von irDDn anempfohlen wurde. —