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Der Israelit · 1893-02-13 · Heft 13 (13.2.1893) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 13 (13.2.1893)
Date
1893-02-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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sie sich durch ihre Aufführung dessen würdig machen." (Tana Debe Elijahu, Cap. 9.) „Oeffnet euch ihr Thore, damit das gerechte Volk eintrete" (Jesaja 26, 2); es heißt nicht, damit die Priester, Leviten, die Israeliten eintreten, sondern damit eintrete das gerechte Volk, so heißt es auch (Psalm 33, 1): „Freut euch ihr Gerechten des Ewigen" und nicht, freut euch, ihr Priester, Leviten und Israeliten, um zu sagen, daß der Nichtisraelite mit einbegriffen ist. So heißt es auch: Thue, o Gott, Gutes den Guten (Psalm 125, 4) es heißt nicht: Thue Gutes den Priestern, den Leviten und Israeliten, sondern den Guten; denjenigen, deren Herz redlich ist, um zu lehren, daß der Nichtisraelite mit einbegriffen ist." (Siphra zu III. B. M., Cap. 18.) So glücklich sich daher der Jude schätzen mußte, eine Zeit zu erleben, die von seinen Idealen so manches verwirklichte, so wenig konnte ihn diese Verwirklichung berauschen und daher auch keine Ernüchterung folgen, wenn die Zeit in ihr Gegentheil umschlug. Sein von den Lehren des Gottesgesetzes erleuchteter, von den Erfahrungen seiner eigenen Geschichte geschärfter Blick traut keiner Zeit und fürchtet keine. Die Zeit, ihr wirklicher und vermeintlicher Einfluß nimmt in seiner ganzen Welt- und Lebensanschauung nicht den bedeutsamen Platz ein, der ihr in der unsrigen eingeräumt wird. Während wir voll sind von dem Einfluß, den die Zeit auf jeden Einzelnen so nachdrücklich ausübt, daß sich ihm keiner entziehen kann, reichen sich in der jüdischen Geschichte vom ersten Juden bis hart an unsere Gegenwart die hehren vereinzelten Heldengestalten durch Jahrtausende die Hand, welche der ganzen Zeit ihre Richtung gegeben haben. Wo dagegen ein geschichtliches Interesse nicht an diese ihre berufenen Träger, sondern an die Zeit geknüpft wird, da erblickt die jüdische Weisheit darin die Signatur für die Darstellung weh- und leidvoller Geschichtsepochen, ms irx 'c»a »m idkw D’po Diese ängstliche, unablässige Rücksichtnahme auf die Zeit ist die „Zeit-Krankheit" par excellence, unter welcher das Judenthum seit seinem Bestände am meisten gelitten hat. Die Zeit ist wankend und schwankend, vergänglich und veränderlich wie das Wetter. Die französische Sprache hat für beide Begriffe ein und dasselbe Wort. Durchschnittlich alle zwanzig Jahre ändern sich Geist und Geschmack der Zeit, und die Schlagwörter, in welche sie sich kleiden. Sie und ihre Anforderungen bilden daher keinen sicheren Boden, keinen unwandelbaren Maßstab für unsere Pflicht. Es gibt dieser Unbeständigkeit und Veränderlichkeit der Zeit gegenüber nur einen einzigen, unveränderlichen Werthmesser unseres sittlichen Verhaltens, das ist Gott, der d’Jdth o’ny ruttfö, dessen mächtige Hand den Wechsel der Zeiten und die Aenderung der Zeitläufte lenkt und auch den Maßstab für das, was Recht ist, hoch über die Flucht der Zeiten hält, üspö mo ts inixn. Dieser unveränderliche Maßstab ist Gottes Wort, wie es in Gottes Thora niedergelegt ist. Sie ist das einzige, das dem Wechsel der Zeiten nicht unterworfen ist, sie ist sich treu geblieben, seit den Jahrtausenden, die zwischen ihrer Offenbarung und dem heutigen Tage liegen, nun 't*w min nx: px .btnv* ’ja 'irö npo nw nrx minn Diese wenigen Voraussetzungen genügen, um die principielle Leugnung und Verkennung des Judenthums zu würdigen, die dem ganzen Bestreben zu Grunde liegt, unsere Thora der Zeit gemäß zu reformiren! Das Ewige, Göttliche, Unwandelbare dem Zeitlichen, Menschlichen, Veränderlichen, ja nach der Forderung des Tages zu accomodiren, die Zeit als Maßstab der Thora anzusehen, das heißt unseren Lebensnerv unterbinden, heißt die Thora aufheben. Und dieses Attentat auf das ewige, göttliche Gesetz unseres Lebens ist geschehen. Im Namen der Zeit, in Hinweis auf ihre wirklichen und vermeintlichen Anforderungen haben große jüdische Gemeinden und ihre Führer dem alten, ernsten Gesetze, das sie seit Jahrtausenden getragen, geringschätzig den Rücken gekehrt, haben der Zeit geschmeichelt, haben sich ihr in die Arme geworfen, und haben allen Ernstes geglaubt, getragen von dieser Zeit könnten sie Gott und seines Wortes leichten Herzens entrathen. Da zeigt sich nun die erschütternde, göttliche Waltung mo u» mo in unseren Tagen in ihrer ganzen ergreifenden Furchtbarkeit. Die Zeit, die ganze Zeit, an allen Ecken und Enden erhebt sich gegen ihre Schmeichler. Sie nennt die ihr huldigenden jüdischen Menschen lästig und aufdringlich und weist sie ab, weist sie auf ihren verlassenen Hort zurück, und wir könnten noch fragen, was unsere Zeit fordert? So dürften wir gar nicht fragen. Was unsere Thora in solcher Zeit fordert, das müßte der Gegenstand unserer Sorge sein. Wir haben aber die Frage an der Spitze dieser Zeilen dennoch in diese Form gekleidet, nicht nur deßhalb, weil sie so eher auf Beachtung hoffen darf, sondern weil unsere Zeit thatsächlich in all ihren betrübenden Erscheinungen dasselbe fordert, was unsere Thora verlangt: Die volle rückhaltloseRückkehr zu unserer jüdischen Pflicht. (Fortsetzung folgt.)

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