Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 13 (13.2.1893)
- Date
- 1893-02-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Fluch ausklingt, nicht auf die Hilfe gegen unsere Kränkung und Beeinträchtigung, sondern auf die Führerlosigkeit, auf den Mangel an jeder Leitung und Anweisung für den Weg, dessen mannhaftes Einschlagen genügte, um dem Blinden den Staar zu stechen, damit er sich selber seiner Augen wieder bediene! So lange die Zustände, vor denen wir Rettung suchen, nicht voll und klar geschaut werden, können sie nicht gewürdigt, muß die Gefahr unter- und überschätzt werden. Wir finden deßhalb wiederholt in dem von Gott getragenen Geschick der Menschen, daß in den Stunden der Noth dem Bedrängten nur die Augen geöffnet werden brauchten und die Rettung war vollzogen. Wenn die aus dem Hause ihres Herrn in die Wüste gewiesene Hagar weinend und verzweifelnd ihr nach einem Trünke lechzendes Kind dem Tode geweiht glaubt, so sprudelt die Quelle bereits neben ihr, aber ihre Verzweiflung macht sie dafür blind, nx xtani d'ö ixa Nim rw*y nx 'x nps’i .ij/jn nx ptem d’d nenn „Gott öffnet ihr die Augen, sie sieht den Wasserborn, geht und füllt den Schlauch mit Wasser und gibt ihrem Kinde zu trinken." (I. B. M., 21, 19.) Wollen wir mit unbefangenem, klarem Blick unsere Zeit und uns in ihr begreifen, so müssen wir aus ihr heraus, auf ein höheres Niveau treten, als sie selber repräsentirt. Auf unseren, von Gott selber uns angewiesenen unwandelbaren Standpunkt, auf die Höhe unserer von Gott gebotenen Pflicht müssen wir uns stellen, für deren augenerleuchtende Kraft Jahrtausende zeugen — rrm» ma 'n mso o»ry — und von ihr getragen, die Bitte wagen: ■ymnö nx^öJ himni »J’y hi „Oeffne meine Augen, damit ich Wunderschaue aus Deiner Thora." (Ps. 119, 18.) Von diesem Standpunkte erscheinen die betrübenden Vorgänge, welche sich gegen die gesammte Judenheit fast allenthalben geltend machen, sofort in einem ganz anderen, und zwar in viel milderem Lichte. Wer inmitten unserer Zeit steht, und nur in ihr steht, von ihr sich widerstandslos tragen läßt, ihrem Geist und seinen Anforderungen prüfungslos alles opfert, was damit in Widerspruch erscheint, wem daher der jeweilige Zeitgeist das Höchste, der Maßstab und Gradmesser selbst für das Gottesgesetz ist, das die Norm unseres Lebens und Strebens bilden soll, der steht angesichts der traurigen Geschehnisse vor einem beängstigenden, unlösbaren Räthsel. Vor hundert Jahren hat die damalige Zeit die Menschenrechte proklamirt, hat die Freiheit, die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen durch alle Lande gerufen, vor diesem Rufe erbebten die Zwingburgen der Gewalt, der Tyrannei und des Menschenhasses und fielen in Trümmer. Vor diesem Ruf fielen die Schranken, welche der tausendjährige Wahn zwischen Juden und Nichtjuden aufgerichtet hatte. Die Herolde dieses Rufs bückten sich hinab zu dem gefesselten Bruderstamm, lösten ihm die Fessel und erklärten ihn frei und allen anderen Menschen ebenbürtig. Ein Jahrhundert ist seitdem hingegangen und der längst begraben geglaubte Klassen- und Racenhaß ist neu erwacht, sucht die alten Schranken wieder aufzurichten, die zertrümmerten Zwingburgen wieder aufzubauen und alle einheitlichen Errungenschaften in Frage zu stellen, auf welche die civilisirte Menschheit so stolz war. Wie ist es möglich? Ein solcher Rückschritt ist in der That schmerzlich für jeden Menschenfreund, unsäglich hart aber für seine nächsten Opfer, für uns Juden. Aber er büßt, wie gesagt, viel von seiner Härte ein, wenn man ihn vom jüdischen Gesichtspunkte aus beurtheilt. Wohl bedeutete die Proklamirung der Menschenrechte für alle Freunde einer in Freiheit und Gleichheit verbrüderten Menschenfamilie ein großer, ungeahnter Fortschritt. Wohl begreift es sich, daß gerade die jüdischen Menschen einer Zeit huldigten, die solche Forderungen auf ihr siegreiches Banner geschrieben, daß sie mit Einsatz ihrer ganzen Kraft bestrebt waren, den Platz würdig auszufüllen, der ihnen nun angewiesen worden war. Aber während alle Welt, berauscht von diesen neuen Wahrheiten, in steigender Begeisterung ihre Consequenzen zog, mußte sich der von dem Geiste seines Gottesgcsetzes durchdrungene Jude sagen: Neu waren ihm diese Wahrheiten nicht. Sie waren ihm seit Jahrtausenden geläufig, sie stehen ja fast auf jeder Seite seiner Bibel, seine Propheten haben sie ja mit den glänzendsten Farben geschildert und seine Weisen haben ihnen das Wort in einer Weise geredet, die sonst nirgends erreicht wurde. Daß alle Menschen einen Vater haben, der alle zu Brüdern macht, mit dieser Wahrheit beginnt seine Thora und mit ihr klingt die Prophetie seines letzten Propheten aus. (Maleachi, II., 10.) Hundertfach sprechen es seine heiligen Bücher in allen Variationen aus, daß ein Gesetz und ein Recht für den Erstgeborenen wie für beit Fremden gelte, daß die Verwirklichung dieser Gedanken, die Verbrüderung aller Menschen, das letzte Ziel der ganzen Menschheit sei. Und wie haben seine Weisen dieser Wahrheit in dem verkannten, verlästerten Talmud herrlichen, feierlichen Ausdruck verliehen! „Ich rufe Himmel und Erde als Zeugen, daß alle Menschen ohne Unterschied des Geschlechts, des Glaubens und des Standes, sei er Israelit oder Götzendiener, Sklave oder Freier, fähig sind, die Eingebung des heiligen Geistes zu empfangen, falls