Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 12 (9.2.1893)
- Date
- 1893-02-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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218 Spitzer mit dem Hinweise auf sein neues Domicil verweigerte. Der Comitats-Verwaltungs-Ausschuß bestätigte auf Grund des § 50 des Gemeinde-Statuts das Erkenntniß der Gemeinde. Der Cultusminister hob diesen Beschluß auf und wies die Gemeinde mit ihrem Begehren ab, weil jeder Israelit nur zu den Lasten jener Cultusgemeinde beizusteuern verpflichtet ist, auf deren Gebiet er wohnhaft ist. England. London. In einem jüngst am Newcastler Gerichtshöfe verhandelten Proceß, in welchem ein Jude Kläger war, erlaubte sich der Vertheidiger des Angeklagten einige etwas ehrenrührige Ausdrücke über die Juden fallen zu lassen. Ihm dieses verweisend, äußerte sich der ehrwürdige Recorder (höchster Richter in Criminalsachen) wie folgt: „Sie machen einen sehr unchristlichen Angriff auf Leute, vor welchen ich die höchste Achtung emvfinde. In meiner Berührung mit jüdischen Landsleuten habe ich dieselben stets höchst ehrenwerth und hochherzig gefunden. Sie mögen vielleicht einem begegnet sein, der nicht allzu gewissenhaft in seiner Handlungweise ist; das finden wir aber in allen Classen. Ihre lieblosen Bemerkungen sollen aber bet Beurtheilung des vorliegenden Falles keinen Einfluß auf mich üben." London, 14. Dez. Dr. Robert Spence Watson, der bekannte Politiker und Freund des Premieministers Gladstone, bespricht in der soeben erschtenenen Nummer des „Speaker" das unlängst veröffentlichte Buch des Amerikaners Harold Frederick über Rußland, das unter dem Titel „The New Exodus: A Study of Israel in Russia“ zur Ausgabe gelangt ist und viel gelesen wird. 225000 menschliche Wesen zum Mindesten, sagt der Verfasser, sind im Jahre 1892 (nur bis zum Oktober gerechnet) aus ihrem Heim und ihrer Heimath vertrieben worden. Dr. Waston bemerkt, daß die unmenschliche Behandlung, welche die russischen Juden erfahren, in der Geschichte des Hauses Romanoff als eine besonders schwarze That hervorsteche. Die große Majorität des jüdischen Volkes in Rußland ist mäßig, fleißig, geduldig, arbeitsam und — verglichen mit den Russen in ihrer Stellung — gebildet und den Wissenschaften ergeben, und — es ist kaum glaublich — loyal bis "zu den Grenzen absoluter Dummheit, setzt er hinzu. Dasselbe, meint der Kritiker, kann man von den Juden in den anderen Theilen Europas sagen. Dr. Watson empfiehlt das Buch Allen, die sich über die Verbrechen, welche gegen die Juden in Rußland während des Jahres des Heiles 1892 begangen worden, unterrichten wollen. Das Unheil, welches durch die skandalösen Mat-Gesetze Jgnatieff's angerichtet worden, ist viel größer als all das Unglück, das zur Zeit des großen amerikanischen Krieges irgend eine der kriegführenden Parteien zu erleiden hatte. Der Verfasser des Buches stellt fest und erhärtet seine Behauptungen mit unwiderleglichen statistischen Beweisen, daß, wo die Juden an Zahl überwiegen, dort die russischen Bauren, am wohlhabendsten sind. Wo das Land im Besitz eines Juden ist, da ist es besser bebaut und wird werthvoller. -£• Vermischtes. -4- Berlin. Nach dem Rechenschaftsbericht des Frauenvereins der Jsr. Synagogengemeinde pro 1892 wurden nutzer der Waisenpflege, die in nächster Zeit noch immer größere Anforderungen an den Verein stellen wird, vorzüglich Wittwen und Kranke zu Euren und Badereise angemessen unterstützt. Unter den Einnahmen sind 200 M. als Legat des seligen Herrn Jsaac Packscher zu verzeichnen. Ein fester Fond von 2500 M. ist bei der Reichsbank deponirt. Die Einnahme betrug 2132 M. denen 1518 M gegenüberstehen. — Der Rechenschaftsbericht des Talmud-Vereins D"£’ ITOn weist eine Einnahme 7702 M. auf, die bis auf 3359 M. verausgabt wurden. Wiesbaden. Ueber eine „unangenehme Verwechselung" findet sich in einer Wiesbadener Correspondens der „Barmer Ztg." eine höchst interessante Erzählung. Danach habe auf einer nassauischen Eisenbahnstation „einer unserer obersten Staatsbeamten" das Zusammenreisen mit einem Herrn, den er für einen „Juden" ansah, in lebhafter Weise verweigert, weil sein „Nationalgefühl" das nicht zulasse. Hinterher aber stellte sich heraus, daß der angebliche „Jude" „einer unserer höchsten evangelisch-kirchlichen Würdenträger" war. Und dieser soll sich auch durch die Entschuldigen des „Staatsbeamten" nicht haben abhalten lassen, weitere Schritte in dieser Sache zu thun. Hierauf erhielt die Frankfurter Zeitung vom Herrn Regierungs-Präsidenten in Wiesbaden, Herrn von Tepper-Laski folgende Zuschrift: „Die Frankfurter Zeitung reproduzirt in ihrer Nr. 34 unter „Wiesbaden, 2. Februar" eine Nachricht der „Barmer Zeitung", wonach einer der hiesigen „obersten Staatsbeamten" das Zusammenreisen auf der Eisenbahn mit einem Herrn, den er für einen „Juden" ansah, verweigert haben soll, weil sein Natioualgefühl dies nicht zulafle. Nachträglich habe sich herausgestellt, daß der angebliche Jude einer der höchsten hiesigen evangelisch-kirchlichen Würdenträger gewesen. Die Frankfurter Zeitung bemerkt dazu, die Erzählung der „Barm. Zeitung" würde noch interesanter sein, wenn das Blatt den ihm „doch jedenfalls bekannten" Namen des „obersten Staatsbeamten" nennen wollte. Ich kann nicht dieser Aufforderung zur Namesnennug an die „Barmer Zeitung" nur anschließen, damit der Beamte, welchen jenes Blatt mit seiner völlig aus der Lust gegriffenen Erzählung zu verdächtigen beabsichtigte, in die Lage versetzt wird, gegen dasselbe strafrechtlich einzuschreiten. Wiesbaden, den 4. Febr. 1893. von Tepper-Laski, Regierungspräsident." Der Fabrikant Herr Carl Helft in Bleicherode welcher bereits 20 Jahre als Stadtverordneter fungirt, wurde in der letzten Stadtverordneten - Sitzung einstimmig zum Vorsitzenden gewählt. — Alexandrien, 19. Januar. Die von unserem Correspondenten übermittelte Nachricht, daß der Advocat, Herr Fernand Cramieux, das lucrative Amt eines Secretärs der hiesigen isr. Gemeinde übernommen, ist dahin zu berichtigen, daß Herr Crömieux diese Stelle unentgeltlich versieht.