Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1893)
- Date
- 1893-02-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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203 setzung und geschmackvoller Ausstattung enthaltend, reiht sich nicht nur den besten Gaben dieser Art, wie wir sie einem Lrop. Zunz, M. Sachs, Abraham Geiger, M- Kayserling, Ad- Sulzbach, Js. Kaempf u. A. zu danken haben, ebenbürtig an, sondern überragt sie hinsichtlich künstlerischer Formvollendung und Vertiefung in die Originale bei weitem noch. Hätte der berühmte Paul de Lagarde die Hellersche Sammlung gesehen, er hätte sicher sein absprechendes Urtheil über die jüdische Poesie nicht in der Schärfe abgegeben, wie er es wenige Jahre vor seinem Tode gethan hat. Wenn der Forscher auf verschiedenen Zweigen der Prosaliteratur der Juden oft recht öde Wege gehen und unfruchtbare Gegenden durchstreifen muß, so zeigt ihm dagegen die Poesie, wenigstens die aus der Zeit vor den Epigonen, wo -sie noch nicht an die arabische Makamendichtung sich anschließt und nur in Verkünstelung der Form, vor allem des Reims besteht, oft recht liebliche Auen, an denen er Herz und Geist erquicken und manche duftende Blume pflücken kann. Bei den Dichtern aus dieser Zeit finden wir frischen Fluß, hohen Flug der Gedanken und kühne Begeisterung. Zwar sind die Themata, die zur Behandlung kommen, fast durchweg religiöser Natur — es kommen in der That nur wenige weltliche Lieder vor — aber gerade dieser Umstand gibt der Dichtung ihr eigenthümliches Gepräge. Alles Sinnen und Denken gruppirt sich um Gott, den Schöpfer und Regierer der Welt, um seinen Dienst und seine Verehrung, um die heiligen Feste und Tage, um die Herrlichkeit des ehemaligen Tempels, um das göttliche Weltgericht und der Seele Rechenschaft vor ihrem allmächtigen Richter. Bisweilen ruht des Dichters Auge auch auf der trüben Gegenwart, die nur Furcht, Angst und Schrecken in sich birgt und kaum den Geist frei aufathmen läßt- Man muß unbedingt ein religiös gestimmtes Gemüth mitbringen, um die mittelalterlichen Dichtungen der Juden voll und ganz würdigen zu können. So ist auch die Heller'sche Sammlung nichts anderes, als ein solches religiöses Heiligthum, der andachtsvollen Seele und Gemeinde zur geistlichen Erquikkung und Erhebung dargereicht. Heller hatte bereits die Weltliteratur durchwandert und aus dem Quell der indischen und persischen Poesie ebenso getrunken, wie aus dem der Griechen und Römer, der Deutschen, Engländer und Italiener, ehe er sich der Muse seines Stammes zuwandte. Wohl hatte er deren Klänge und Weisen in der Kindheit Tagen verspürt, aber der vorwärtsstrebende Mann bekümmerte sich daun nicht mehr um sie- Erst als der Mahnruf des Prof. I)r. Kaufmann immer mächtiger in sein Ohr drang, entschloß er sich, sein poetisches Talent dieser Muse zu weihen. Und wahrlich, Heller war wie kein andrer, berufen, der Dolmetscher der alten Weisen seines Volkes zu werden und ihnen neue Form und neues Leben zu geben. Wenn Uebersetzen heißt: den Geist, der das Wort in einer Sprache producirt hat, in einer anderen Sprache zu reproduciren, so trifft das in des Wortes eigentlicher Bedeutung bei Heller zu. Er hat den Doppelkampf, den jeder Dichter zu kämpfen hat. nämlich den mit dem Dichter und mit der Sprache, auf sich genommen und rühmlichst bestanden. Bei ihm hat die „Seelenwanderung" stattgefunden, von der Bernays gelegentlich der Shakespeare'schen Uebersetz. durch Schlcgel-Tieck spricht, die Seele der alten Dichter ist in den neuen übergegangen. Reim und Rhythmus verursachen Heller keinerlei Schwierigkeit, sondern ’ wie auf Befehl eilen sie herbei, um sich von ihm gebrauchen zu lassen. Da begegnet uns nichts Gesuchtes und Gekünsteltes, nichts Auffälliges und Gemachtes; es ist Alles so, als müßte es so sein, als könnte es gar nicht anders sein. Einige Proben mögen das Gesagte illustriren. So heißt es gleich im ersten Gedichte der Sammlung: „Krank die Glieder, Sink ich nieder, Das Gefieder Müd und lahm. Kann ich weiter, Da mir Leiter, Freunde, Streiter Elend nahm? Geht's zur Rüste? Ach, wer's wüßte! In die Wüste Treibt mich Gram. Feinde heben Sich, gegeben Ist mein Leben Ihrer Wuth. Unter ihnen Muß ich dienen; Selbst die Mienen Höhnt die Brut" u. s. w. Trefflich kommt ferner das Lied: „Selig in Gott" S. 225 zum Ausdruck: „Zum Quell der Wahrheit ist mein Streben, Trum graut mir vor dem eitlen Leben. Nur meinen König möcht' ich schauen, Vor keinem andern werd' ich beben. O säh ich selig ihn im Traume, Schlief' ewig, nie mich zu erheben! Hab ich im Herzen tief fein Antlitz, Was kann die Welt dem Auge geben? Und endlich in den Strophen der Gedichte: „Gerichtstag Vorabend" S. 173 hören wir den ernsten Ton unsres Liedes: „Die8 irae, dies illa“ wieder: „O Tag voll Zorn und Pein, Wie fährt, gedenk ich dein, Der Schreck mir durch's Gebein! Ha, mich zerwühlt mein Schmerz! Mein Vater sieht ein Herz, Verneint, verstockt wie Erz. In meiner Sünde Haft, Von Sünden ganz erschlafft, Wie geb' ich Rechenschaft?' u. s. w. Bei dem Lobe, das wir dem Dichter zollen, soll aber nicht gesagt sein, daß sich nicht mitunter auch Härten im Ausdruck, lose Constructionen, mit denen sich die Grammatik kaum glatt abfinden dürfte, und in vereinzelten Fällen selbst falscher Sprachgebrauch Vorkommen. So hätte, um nur ein Beispiel dieser Art anzusühren, Prof. vr. Kaufmann die Strophe in „Gesetzeslnst" von Jbn Esra S. 16 „Nicht empor Aug' und Ohr, Alles wird sich klären, Gott wird dich Sicherlich Jedes Wunsch's gewähren." unbedingt nicht durchlaffen sollen. Im ganzen sind es 35 Dichter, die Heller bearbeitet hat, viele sind nur mit wenigen Proben, manche sogar nur mit einer einzigen vertreten. Nur von Abraham Jbn Esra, Salomon Jbn Gabirol und Jehuda Halevi sind eine größere Anzahl von Gedichten vorgeführt, von ersterem 13, von dem zweiten 15, von dem letzteren 86. Daß der Divan des Jehuda Halevi so eingehende Berücksichtigung gefunden hat, ist ein hervorragendes Verdienst der ganzen Sammlung. Sind doch gerade die Gedichte dieses Dichters ein echter Zeitspiegel. Ein ernster Geist und eine schwermüthige Stimmung weht uns aus denselben entgegen. Manches klingt resignirend, weltflüchtig und pessimistisch, was bei der ge-