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Der Israelit · 1893-02-06 · Heft 11 (6.2.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 11 (6.2.1893)
Date
1893-02-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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199 Menschen sind so schlecht, daß ich sie kniefälligst bitte, nach dem, was sie nicht ungefragt erhorchen und erspähen können, nicht zu forschen, nicht mit einer Miene zu verrathen, daß Sie sich für das Schicksal der Familie Fränkl mehr als irgend ein Anderer, Unbetheiligter interessiren. Geben Sie sich Niemandem, auch dem Edelsten, Besten nicht, zu erkennen, denn wenn auch er selbst vertrauungswürdig ist, so kann er doch, ohne es zu wollen, etwa durch ein im Schlafe gesprochenes Wort Ihr Geheimniß verrathen. Auch wenn Sie durch eine glückliche Fügung den Aufenthalt Ihrer Mutter und Schwester erführen, dürften Sie sie nicht aufsuchen , dürften ihnen nicht schreiben. Schreiben Sie überhaupt an Niemanden, nicht einmal an Jonas Mayer, bei dem Sie, wie Sie mir erzählten, Ihr Vermögen liegen haben. Er selbst ist vollkommen zuverlässig; aber er hat zahlreiche Commis und der hohe Preis, der auf Ihre Häupter gesetzt ist, übt eine große Verlockung aus. Bedenken Sie stets: daß ein unbedachtes Wort, eine Miene, ein Erbleichen, über Ihr Leben, über das Leben Ihres Vaters, Ihrer Mutter, Ihrer Schwester entscheiden kann! Bedenken Sie, daß es keine irdische Macht auf Erden gibt, die Sie oder die Ihrigen vor einer Auslieferung schützen würde. Kein Potentat in ganz Europa würde diese dem Markgrafen verweigern; wen ein Potentat als Verbrecher bezeichnet, der wird von allen andern Potentaten, ohne weitere Prüfung als solcher angesehen. Folgen Sie meinem Rache, bleiben Sie in dieser Angelegenheit vollkommen unthätig und vertrauen Sie auf Gott, der wenn er nur will — wie? das weiß ich freilich nicht — Alles zum Guten wenden kann!" „Bunim Eschwege rieth Ihnen in der That das Beste!" sprach Wertheimer. „Ich erkannte es und so endlos schwer es mir auch fiel, habe ich doch seinem Rathe gefolgt. — Zu Eschweges und meinem eigenen Erstaunen, fühlte ich mich schon einige Tage, nachdem ich das Bewußtsein wieder erlangt hatte stark genug, mein Asyl, dessen Enge mir unerträglich wurde, zu verlassen. „Die Nacht, an deren Ende ich von meinem Waldverstecke scheiden sollte, war Eschwege von seinem Sohne begleitet, zu mir gekommen. Er brachte mir die große Summe Geldes, die er bei mir gefunden und bisher bei sich aufbewahrt hatte und mehrere Dinge, die er über mein Ersuchen in der nahegelegenen Stadt für mich gekauft hatte. Einen Jägeranzug, den ich sofort anlegte und ein paar Pistolen und Munition für diese, die einem Manne, der, wie ich, bei seiner Wanderung abgelegene Nebenwege benützen mußte, unter Umständen sehr nothwendig werden konnten. Noch vor Tagesanbruch verließ ich allein die Höhle und schritt einem ungewissen Ziele, einer ungewissen Zukunft entgegen. — Es wäre vergeblich, wollte ich es versuchen, die entsetzliche Traurigkeit, das Gefühl der grauenvollsten Vereinsamung, der Verzweiflung, das meine Seele erfüllte, zu schildern.?^Je^länger ich darüber nachdachte, desto überzeugter hielt ich mich davon, daß Vater, Mutter, Schwester und der erprobte Freund todt wären und die Sorge und Angst um mich noch ihre letzten Lebensmomente verdüstert hatte — und ich — ein Verfolgter, ein Vervehmter, sollte fortleben wollen? Was war das für ein Leben, für ein Dasein, wenn ich bei dem Anblicke eines jeden wildfremden Menschen, den ich mein Lebenlang früher nicht gesehen, den ich nie beleidigt, nie geschädigt, dem ich ganz gewiß, würde er in Lebensgefahr gerathen, gern mit Gefahr meines eigenen Lebens gerettet hätte, — wenn ich bei dem Anblicke eines jeden-mir fremden.Menschen mir denken mußte, wenn der Mensch nur wüßte, wer Du bist.würde er Dich an Rad und Galgen bringen!" „Das sind in der That bittere Gedanken", meinte Markbreitcr, „die einem Menschen das Leben bis zur Unertragbarkeit vergällen können!" „Als der Morgen anbrach, befand ich mich auf der großen Kaiserstraße. Es war Zetzt Zeit das Morgengebet zu verrichten, Tfillin*) anzulegen — aber wäre ich hierbei auf offener Straße überrascht worden, hätte man sofort erkannt, daß ich kein Jäger sei; eben so wenig konnte ich dies in einer Herberge thun und selbst bei Glaubensgenossen durfte ich dies nicht wagen, diesen hätte meine Verkleidung auffallen müssen, es wäre ihnen leicht geworden zu errathen, wer ich sei. Es war dies eine jener zahllosen Schwierigkeiten, an die ich früher nicht gedacht hatte und die sich im Laufes meiner langen Wanderschaft unzähligemal^ wiederholten. Aber als ich etwas später, auf meinem Wege doch ein abgelegenes, dichtes Gebüsch fand, in welchem ich meine Andachtsübung ungestört verrichten konnte, betrachtete ich dies als ein schwaches Zeichen sich mir von Neuem zuwendender Gotteshuld, und als ich dann weiter schritt, konnte ich doch leise vor mir hinsprechen.- Trotz alledem ist mein .Glaube unerschüttert; ich bau' doch auf Dich mein Gott und Herr! .... Ich wollte so^rasch ^'als möglich au die ungarische Grenze gelangen. Ich legte den weiten Weg unter den^größten Schwierigkeiten zurück. So lange ich mich noch auf deutschem Boden befand, wagte ich nicht die Jägerkleidung abzulegen und mich als Juden zu bekennen, erst als ich die böhmische Grenze überschritten, legte ich gewöhnliche 1) Philakterien, Gebetriemen, welche die Juden an Wochentagen des Morgens beim Gebete anlegen.

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