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Der Israelit · 1893-02-06 · Heft 11 (6.2.1893) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 11 (6.2.1893)
Date
1893-02-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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197 zugestellt werden. Als besonders geeignet zu solcher Verbreitung dürften sich empfehlen: Die Zeitung „Mittheilungeu aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" von Lic. Spalding in Berlin, und eine soeben in 6. Auflage in Neuwied erschienene Schrift „Das Judenthum und sein Recht" von Dr. Walter Poh'.mann. Der billige Preis des Letzteren (50 Pfg.) und die Bereitwilligkeit der Verlagsbuchhandlung (Louis Heuser, Neuwieda. Rh.) bei größeren Partien bedeutende Preisermäßigung zu gewähren, lassen die Schrift noch besonders zur Massenverbreitung geeignet erscheinen. Soldin, den 29. Januar- Unsere Stadt, die, abgerechnet von dem halben Dutzend anerkannten Antisemiten, den eigentlichen Antisemitismus nur den Namen nach kannte, hat vor einigen Tagen Gelegenheit gehabt, denselben in seiner ganzen Größe kennen zu lernen u»d ihn von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Der Erfolg, den die Antisemiten im Arnstv lde-Friedeberger Wahlkreise davon getragen, scheint ihnen den Weg nach weiteren Eroberungen geebnet zu haben. Wie ein Blitzschlag verbreitete sich in den ersten Tagen voriger Woche die Nachricht, daß am 25. d. Mrs. hier eine große Anlisemitenversammlung stattfinden werde. Ungeachtet, daß ein diesbezügliches Inserat in den beiden hiesigen Lokalblättern erst am 24. Abends bezw am 25. Vormittags publik wurde, war der Saal drückend voll. Nicht unerwähnt will ich lassen, daß die Versammlung in demselben Lokal abgehalten wurde, wo sonst die Freisinnigen ihre Versammlungen tnne haben. Der Redner war der bekannte Reichstagsabgeordnete und Antisemitenhauptling Ludwig Werner aus Kassel Das Thema tvar: Das Judüithum und der deutsche Bl ittelstand. Der erste T heil seines Vortrages galt der Judenfragc im Allgemeinen, wobei er mit den erdenklichsten Ausfällen gegen die Juden, ja selbst gegen die getauften Inden Herzog. Im zweiten Theilc seines Vortrages entwickelte er das Programm der antisemitischen Partei. Was aber dem Vortrage erst die Krone anfsetzte, war die Aufforderung an die Versammlung, in Anbetracht der in Aussicht stehenden Auflösung des Reichstags, demnächst einen Antisemiten in den Reichstag zu schicken. In der Diskussion such e ein sozialdemokratischer Redner an der Hand der Geschichte zu beweisen, daß die Ehristen des Mittelalters die Juden in den Handel und in den Wucher getrieben. Im klebrigen, führte Redner aus, seien unter den Christen :vcit mehr Wucherer und Betrüger, als unter den Juden. Sodann ergriff der Kantor Goldmann das Wort zu einer kurzen, aber kernigen Rede: „Meine Herreit! Es war nicht meine Absicht, in dieser Versammlting als Redner auszutreten; allein die Art und Weise, mit welcher Gehässigkeit und Feindseligkeit der erste Redner hier auftrat, nöthigt mich das Wort zu ergreifen. Seit Jabrhunderten lebten die hiesigen Juden mit ihren christlichen Mnbürgeru in bester Eintracht und Einmüthigkcit, bis eiu Mann aus weiter, weiter Ferne in unsere Mark drang, um die bisherige Ruhe und Frieden zu stören und zu vernichten und die friedliebenden Bürger gegen einander aufzuhetzen, Nickt nur als Jude protestire ich dagegen, sondern als Mensch, und mit mir dürfte auch ein großer Theil rechtdenkender Christen fern, der das Treiben der Antisemiten verwirft und verurtheilt. Wir leben in einem großen Staate mit einem mächtigen Kaiser und einer Regierung, die stark genug ist, die Rechte des Volkes allein, ohne Einmischung der Antisemiten, wahrzunehmen und aufrecht zu ballen. Der Herr Abgeordnete Werner hat im Verlaus seines Vortrages gewagt, über den Talmud herzugehen und ihn in gerade nicht zarter Weise anzugreifen. Wie kann aber ein Mann, der den Talmud nur vom Hörensagen kennt, auf dessen Gebiet er ein vollständiger Ignorant ist, ihn in solcher schnöden Weise behandeln? Als Talmudkundiger kann ich Ihnen betheuern, daß das von frommen, auf der höchsten Stufe der Tugend gestandenen Männern verfaßte Riesenwerk von Gottesfurcht und Nächstenliebe vollständig durchdrungen ist. Die Devise des Talmuds ist: „Recht, Wahrheit und Frieden!" Und ein solches Werk suchen die Antisemiten zu verponen und in den Schmutz zu werfen? Ich glaube mit Bestimmtheit behaupten zu dürfen, daß Herr Werner nicht einmal im Stande ist, ein Wort aus dem Talmud lesen zu können. Unter den vielen in diesem Saale ausgebreiteten antisemitischen Zeitungen und Flugblättern befindet sich auch ein Flugblatt, betitelt: „Talmud-Auszug Schulchan-Aruch". Dieses Blatt habe ich mir gleich nach seinem Erscheinen zu verschaffen gesucht, ich verglich die angeführten Paragraphen mit denen des „Schulchan-Aruch", und, wie ich voraussetzte, so war es: die meisten Paragraphen waren erfunden, erlogen, aus der Luft gegriffen, während die übrigen entstellt, dem eigentlichen Sinn des „Schulchen-Aruch" nickt entsprechend.*) Das sind die Mittel, das die Waffen, mit denen die Herren Antisemiten gegen uns zu Felde ziehen. Sie dürfen nicht glauben, meine Herren, daß die Führer der Antisemiten es auch so aufrichtig mit dem Volke meinen, wenn sie auch durch schöne Worte betheuern, das Wohl des Volkes läge ihnen am Herzen; thatsächlich wollen sie nur ihren eigenen Nutzen daraus ziehen und Kapital für sich schlagen. Der Eine, dessen Verhältnisse zerrüttet, ein Anderer, der nach Namen und Ruf geist, alle Diese werfen sich den Antisemiten in die Arme. Zum Schluffe rufe ich Ihnen die Worte des Propheten ststistkachi 2.10 zu: „Haben wir nicht Alle Einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen? Warum ist Einer wider den Anderen treulos?". Die Erwiederung des Herrn Werner auf die Rede des Herrn Goldmann war eine unwesentlich schwache. Nach Schluß der Versammlung brachte ein jugendlicher Land' psarrer ein Hoch auf Herrn Werner aus, wobei ein beträchtlicher Theil der Versammlung sich betheiligte. Hierauf wurde zur Bildung eines „Sozialen Reformvereins" geschritten. Das Ergebniß war über fünfzig Unterschriften. □ München im Kisslev 4653. Eine hiesige jüdische Filma besitzt ein „General-Depot" von der in einer Trikotagen-Fabrik in Chemnitz i. S. fabrizirtcn sogenannten „W oll-Lei nen-Unterkleidung" (—! utsy», 5. B. 22, 12.) Wir brauchen die geehrten Leser des „Israelit" wohl nicht darauf aufmerksam zu machen, daß uns Israeliten dergleichen „Unterkleidung oder Oberkleidung durch das Gottesgesetz Verbote» ist." Allein jetzt sprechen sich auch nichtisraelitische Autoritären bereits gegen das Tragen von (— D*Kb3) entschieden au§. In einem sehr verständlich geschriebenen Artikel der hiesigen „N. N." heißt es: „Zwei sehr beachtenswerthe Gründe müssen gegen das „Tragen" von „Wolle- und Leinen-Kleidung" angeführt werden. Zllnächst sei es eine widernatürliche Verbindung zweier Stoffe, die ihrer inneren Struktur d. h. (Aufbau und Zusammensetzung der Urstoffe) Ge gensätze sind. (Wolle ist thierische Hornsubstanz, *) Diese meine Behauptung bin ich zu jeder Zeit bereit, vor jedem Gerichtshof mit einem Eide zu bekräftigen. Golbmann.

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