Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1893)
- Date
- 1893-02-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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179 I heraus sich zu Schulden kommen ließen. Wenn 8 irgend ein philosemitischen Anschauungen huldigendes I Organ der politischen Presse eine Taktlosigkeit be- I geht, wird dieselbe sofort den Inden zur Last gelegt, I die doch vielfach von solchen ungeschickten Vertheif digern nichts wissen wollen. Auch fragen in solj chen Fällen die Gegner herzlich wenig danach, daß I man die Juden als solche unmöglich mit irgend einer der politischen Parteien iderrtlfisireu und mithin auch nicht für die Sünden und Ungeschicklichkei en der Parteipresse verantwortlich machen kann. Vielleicht würde es sich empfehlen, wenn unsere jüdischen Mitbürger, soweit sie Abonnenten solcher Zeitungen sind, die den Antisemitismus bekämpfen — besonders dann, wenn diese Blätter von Juden j geleitet werden — allen ihren Einfluß, den sie als Abonnenten und manchmal auch als Inserenten? haben, dahin geltend machten, daß sie die Rcdac-; tionen veranläßten, in ihrem Kampfe gegen den \ Antisemitismus sich der allergrößten Sachlichkeit und eines feinen Taktes zu befleißigen. Dadurch würden die Blätter selbst, dadurch würden die Juden und würde die Sache, der wir alle unsere! Kräfte weihen, nur an Ansehen gewinnen. Man i würde sich im gegnerischen Lager daran gewöhnen, unseren Ausführungen, schon weil sie in eine anständige und sachliche Form sich kleiden, diejenige Beachtung zu widmen, die sie verdienen. Wie die Dinge jetzt liegen, ist durch mancherlei Fehler, die in dieser Hinsicht begangen wurden, die Stimmung im gegnerischen Lager eine sehr verbitterte. Bon Iden „Judenschützern" und „Judenknechten" wollen die Antisemiten Nichts wissen. Sie verschließen sich ihren Vernnnftgründen, so daß der Kampf, welche von dieser Seite geführt wird, zunächst völlig resulj tatlos bleibt. Mit diesem Zustand der Dinge können die Führer des Antisemitismus sehr zufrieden sein. Ihnen muß daran liegen, daß ihre Anhänger für die Beweisführung der Gegner nur taube Ohren haben, denn nur unter dieser Voraussetzung kann i ihr Weizen blühen. Wir aber sollten ihnen das Hetzgewerbe doch nicht noch erleichtern. Aus diesem Grunde müssen wir alle ernstlich darauf bedacht! sein, daß wir die vorhandene Erbitterung nicht un- ' nütz schüren. Was irgend in unsern Kräften fleht, müssen wir aufbieten, um diejenigen Beziehungen j zwischen uns und den gutgläubigen Parteigängern - des Antisemitismus herzuflellen, die nun einmal i unerläßlich sind, wenn wir mit Erfolg sollen arbeiten können. Wohlgemerkt: nur zwischen uns und denjenigen Antisemiten, von denen wir annehmen dürfen, daß sie guten Glaubens sind, müssen wir unter allen Umständen diese Beziehungen herzustellen versuchen. Den Verführern des Volkes gegenüber ist dagegen mitunter eine gute Dosis Rücksichtslosigkeit und Derbheit sehr wohl angebracht. Ich persönlich gehöre gewiß nicht zu den Leisetretern, diesen Juden den feigen Rath geben, sie sollten sich alleUnfläthereien und alle Niederträchtigkeiten ruhig gefallen lassen — aber ich möchte auf ^ber; andern Seite doch nicht unterlassen, ganz energisch 'darauf hinzuweisen, daß bei aller Schlüsse, die der Abwehr innewohnt, die äußere Form derselben auch .hier vielfach doch eine geziemendere sein kann, als sie es in gar vielen Fällen bis jetzt gewesen ist. Die Form der Verteidigung >mtz.der Natur des Angriffs und den Absichten.' des Angreifers möglichst angepaßt werden. Sollten wir es gar über uns gewinnen können, in diesem Kampfe dem Gegner mit den Waffen eines höheren Anstandes und einer überlegenen Bildung entgegenzutreten, so würde das sicherlich nicht zum Nachtheil der Abwehrbewegung ausschlagen. Wie sich, wenn man die von mir entwickelten Anschauungen und Grundsätze für berücksichtigenswerth hält, der Kampf im Einzelnen zu gestalten haben würde, das will ich hier nicht weiter erörtern. Mau kann besonders über die direkten Kampfcsmittel verschiedener Ansicht sein. Ein Allheilmittel giebt es auf diesem Gebiete nicht. Die Idee, durch Flugschriften und^ Wanderredner den Antisemiten entgegenzuarbeiten und entgegentreten zu lassen, halte ich nichts für unpraktisch. Nur müssen die Flugblätter populär geschrieben und doch in einem anständigen Ton gehalten sein. Sie dürfen keinerlei Gereiztheit verrathen und nicht gehässigen Inhaltes sein. Dagegen könnte ein Gran Humor nicht schaden. Und was von den Flugblättern gilt, das gilt auch von den Rednern. Ferner wäre sehr erwägenswerth die Frage, ob nicht auch auf dem Gebiete der erzählenden Volksliteratur sich eine wirksame Propaganda entfalten ließe. Wenn man bedenkt, wie ganz anders Erzählungen vom Volke ausgenommen werden, wie spannend geschriebene Geschichten von ihm förmlich verschlungen werden,Iso ist man sehr geneigt, diese Frage bejahend zu beantworten. Der Antisemit Pickenbach gibt einen Lieferungsroman: „Der letzte Jude" heraus, der ihm persönlich viel Geld einbringen und der Partei neue Anhänger zuführen soll. Ich sehe nicht ein, weshalb eine vernünftig geleitete Abwehrbeweguug nicht desselben Mittels sich bedienen sollte, um das Ohr derjenigen Volksklassen zu gewinnen, die für eine nüchterne, wenn auch populäre, sachliche Auseinandersetzung nicht zu haben sind. Bei allem aber, was wir thun und lassen, um > den Antisemitismus zu bekämpfen, dürfen wir nicht