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Der Israelit · 1893-02-02 · Heft 10 (2.2.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 10 (2.2.1893)
Date
1893-02-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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178 anschließen, schon dieser Umstand läßt klar erkennen, daß weithin die Empfindung verbreitet ist, als ob doch ein erheblicher Theil der Antisemiten nicht aus Bosheit, Neid und Niedertracht, sondern aus andern weit ehrenhafteren Motiven zu den antisemitischen Anschauungen sich bekennt. Ich sage ausdrücklich: aus ehrenhafteren Motiven. Denn es ist nicht unehrenhaft, wenn Jemand einer Meinung, die er angenommen hat, auch öffentlich Ausdruck gibt und für seine Meinung, — selbst wenn sie eine irrige ist — erhebliche Opfer bringt. Das thun aber die Antisemiten, soweit sie guten Glaubens sind. Die Führer der Partei — mit denen ist es freilich eine ganz andere Sache. Die sind zum großen Theil intelligent genug, um zu wissen, daß die Juden nicht die Schuld tragen an der schlechten wirthschaftlichen Lage. Sie wissen auch, daß durch Gewaltmaßregeln gegen die Juden und gegen das in jüdischen Händen b findliche Kapital nicht die mindeste soziale Erleichterung herbeigeführt würde, und weil sie dies sehr wohl wissen, dennoch aber das Gegentheil fortwährend in demagogischer Weise predigen, kann man von ihnen mit Fug und Recht behaupten, daß sie Betrüger sind und aus niederen Trieben heraus sich an einer Bewegung betheiligen, die Deutschlands Schande ist und Deutschlands Unglück werden kann. Aber auch hier möchte ich noch Ausnahmen gelten lassen. Es gehört ja so wenig dazu, Antisemiteuführer zu werden. Sogar ein ziemlich beschränkter Mensch kann dieses Ziel erreichen, und solchen beschränkten, aber im Grunde genommen, ehrlichen Menschen möchte ich um keinen Preis Unrecht thun. Die Leute, die aus mangelnder Erkenntniß zum Antisemitismus gekommen sind, müssen wir eines Besseren zu belehren, müssen wir aufzuklären suchen. Das ist freilich keine leichte Sache. Die Herrschaften sind in der Regel etwas schwer von Begriff und es erfordert vielen Fleiß, ihnen auch nur die geringsten Kenntnisse zu vermitteln. Die Aufgabe wird aber leichter für uns, wenn wir selbst das, was wir andern beibriugen sollen, möglichst klar erfaßt, wenn wir unser Wissen gänzlich in uns verarbeitet haben. Nur derjenige vermag andere mit Erfolg in ein Wissensgebiet einzuführen, welcher dieses Gebiet völlig beherrscht. Wer selbst über die Ursachen der auf volkswirthschaftlichem Gebiete sich vollziehenden Vorgänge noch im Unklaren ist, der wird nimmermehr im Stande sein, dcn falschen ökonomischen Vorstellungen des Antisemitismus entgegenzuwirken. Diese Vorstellungen aber, mögen sie von dem einzelnen Antisemiten als bewußte Unwahrheiten weiter getragen, oder möge er von ihrer Richtigkeit sich überzeugt halten, gerade sie sind die nimmer versiegende Quelle, aus welcher der antisemitischen Bewegung fortwährend neue Kräfte zuströmen. Um nun jeden Anhänger der auch von mir vertretenen Abwehrbestrebungen in die Lage zu versetzen, daß er mit Aussicht auf Erfolg den antisemitischen Wahnvorstellungen entgegentreten kann, aus diesem Grunde hauptsächlich habe ich in den voraufgegangenen Kapiteln einen gedrängten Abriß der sozialen Entwickelung zu geben versucht. Ich verfolgte hierbei allerdings noch ein anderes Ziel. Ich wollte unsere jüdischen Mitbürger dadurch, daß ich manchem unter ihnen Aufklärung zu geben versuchte über Dinge und Vorgänge, deren theoretische Ergründung sonst ihrem Jnteressenkreis fernliegt, über die aber schließlich in unserer sozialpolitisch erregten Zeit doch ein Jeder sich eine Meinung bilden sollte — hierdurch wollte ich unsere jüdischen Mitbürger in ihrem Bestreben, die richtige Stellung zu den übrigen Staatsangehörigen zu gewinnen, nach Maßgabe meiner schwachen Kräfte unterstützen. * * * 9lad) dem bisher Gesagten ist die Antwort auf die Frage der Taktik, die wir bei der Bekämpfung des Antisemitismus zu befolgen haben, eigentlich schon gegeben. Es geht daraus hervor, daß wir die beschränkten aber ehrlichen Anhänger des Antisemitismus dadurch, daß wir ihnen unsere Anschauungen in verständiger und anständiger Weise vortragen, sie von ihren Jrrthümern abbringen, daß wir sie belehren und bekehren uns bestreben. Das geschieht aber nicht, indem wir diese Leute beschimpfen und vor den Kopf stoßen. Diesen Fehler begehen wir aber naturgemäß, wenn wir in allen Antisemiten schlechte Menschen und Schurken erblicken. Aus dieser falschen Auffassung der Menschen und der Dinge, die sich in unseren Reihen vielfach vor findet, erklären sich viele der Mißgriffe, die auf dem Gebiete der Bekämpfung des Antisemitismus bisher begangen worden sind. Ein großer Theil der philoscmitischen Tagespresse hat bis jetzt für den Antisemitismus nur Hohn und Spott gehabt. Das allerqröbste Geschütz wurde unterschiedslos gegen alle Antisemiten aufgefahren und — die Ehrlichkeit verlangt, daß ich dies hier besonders hervorhebe — es wurde nicht einmal immer mit anständigen Waffen gekämpft. Beispiele für diese Behauptung will ich nicht beibringen, der Leser wird ihrer ohnehin mehr als genug kennen. Eine solche Art der Kampfesführung muß natürlich den Gegner verbittern und jeder Belehrung vollends unzugänglich machen. Unsere jüdischen Mitbürger müssen dann hinterher alle die Sünden ausbaden, die andere aus einem falschen Eifer

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