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Der Israelit · 1893-02-02 · Heft 10 (2.2.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 10 (2.2.1893)
Date
1893-02-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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xxxrv. Jahrgang. Erste Beilage zu M 10 öts „Israelit". Leitender Artikel. Vorschläge zur Bekämpfung des Antisemitismus. IV. j (Schluß) In den bisherigen Ausführungen über dieses Thema war ich hauptsächlich bemüht, den Nachweis j zu erbringen, daß ohne ein tieferes Eindringen in : die Gesetze, nach denen die gesellschaftliche Entwicke- \ lung sich vollzieht, an eine aussichtsvolle Bekämpf-? ung des Antisemitismus nicht gedacht werden kann. Die Antisemiten brauchen sich nicht besonders zu : ereifern — und sie thun dies auch gar nicht — wenn irgend ein Philosemit, bei dem der gute Wille mit dem Mangel an Können uns versöhnen; muß, ihnen entgegentritt mit der niederschmetternden Behauptung, daß nur der Neid und die Bos-!heit sie zu Antisemiten mache und daß ein anständiger Mensch unmöglich Antisemit sein könne. Diese Auffassung ist wirklich zu naiv, als daß sie antisemitischersetts anders als mit Spott und Hohn ausgenommen zu werden verdiente. Wir Gegner des Antisemitismus haben schon mehr Grund, dieser kindlichen Auffassung einmal | ordentlich ins Gesicht zu leuchten; denn sie ist unz ter uns viel stärker vertreten, als man glauben sollte. Für Leute, die nicht gerne denken, die es : lieben, eine Meinung, welche sich in die geläufige Form eines tönenden Schlagwortes kleiden läßt, als eigene Anschauung zum Besten zu geben, ist es gar zu bequem, sich zu dem vorerwähnten Stand-; Punkt zu bekennen. Der Standpunkt selbst aber ist unhaltbar. Mehr noch als das: er ist geradezu gefährlich. Erstens ist es nicht wahr, daß Neid und Bosheit; immer die Haupttriebkräfte des Antisemitismus sind. Jeder von uns kennt den einen oder andern Anti-; semtten, auf den diese Behauptung nicht zutrifft. , Solcher Leute gibt es unzählige. (? Red.) Der Anhang . des Antisemitismus rekrutirt sich zum großen Theil aus Angehörigen des Handwerkerstands. Unser Handwerker aber ist an und für sich nicht gerade ein : neidischer und schlechter Mensch. Er ist zufrieden,; wenn er halbwegs sein Auskommen hat und nur der Mangel eines bescheidenen, aber gesicherten Einkommens in Verbindung mit der mangelnden volkswirthschastlichen Einsicht treibt ihn dem Antisemitismus in die Arme, weil er von ihm eine Verbesserung seiner Lage erwartet. Die antisemitische Kritik der bestehenden Zustände ist volksthümlich insofern, als sie keine schwierige Denkarbeit von denen verlangt, denen sie vorgetragen wird. Der nothleidende Kleinbürger sieht diesen oder jenen Inden, der es zu Reichthum gebracht hat; die unzähligen Juden, die nichts ihr eigen nennen und schwer um des Lebens Nothdurft zu ringen haben, sieht er nicht, weil sie nicht auffallen. Die gerade bei kleinen Leuten stark vertretene Neigung zum Generaltsiren thut dann das Ihrige, und so ist es erklärlich, daß solch' ein redlicher aber beschränkter Mann schließlich die Juden ohne Unterschied verantwortlich macht für die soziale Misöre, indem er dabei von der doppelt irrigen Annahme ausgeht, daß „Jude sein" und viel Geld haben, gleichbedeutend ist, sowie daß alle Juden, welche Geld haben, dieses auf unlautere Wese erworben haben. In diesen grundlegenden Jrrthümern wird der Mann dann noch bestärkt durch die Thatsache, daß unter den zahlreichen Nichtjuden, die über großes Vermögen verfügen, der Einzelne lange nicht so sehr auffällt, wie dies unter den relativ wenigen begüterten Juden der Fall ist. Zieht man außerdem noch den Umstand in Betracht, daß manche Angehörige des jüdischen Stammes sich schon äußerlich durch besondere Raceneigenthümlichkeiten von dem Gros ihrer Umgebung unterscheiden, so kann es gar nicht auffällig erscheinen, daß gerade auf unsere jüdischen Mitbürger sich das Augenmerk derer ganz besonders richtet, die Umschau halten nach den Ursachen der wirthschaftlichen Nothlage, unter der breite Bevölkerungsschichten so schwer zu leiden haben. Diese Leute können zu Antisemiten werden und dabei doch durchaus anständige, bürgerlich ehrenwerthe und rechtschaffene Leute bleiben. Dies wolle man vor allen Dingen im Auge behalten. Thun wir dies, so werden wir gefeit sein gegen manche taktische Fehler, die sich bisher die Freunde und Vorkämpfer der Abwehrbewegung zu Schulden kommen ließen. Nur dann, wenn man auf dem hier angedeuteten Standpunkt steht, läßt sich überhaupt der Kampf gegen den Antisemitismus rechtfertigen. Wenn alle Antisemiten moralische Kretins wären, so wäre gegen sie einfach nicht anzukämpfen. Sie würden dann ja doch nicht zu bekehren sein, würden sich jeglicher bessern Erkenntniß hartnäckig verschließen und würden einfach bei dem probaten Maxime bleiben: „Der Jude wird verbrannt!" Der Umstand, daß es eine Abwehrbewegung gibt und daß immer weitere Volkskreise (und zwar nicht nur jüdische Volkskreise) dieser Bewegung sich

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