Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1893)
- Date
- 1893-02-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 schloß sich die Thüre und es ward einen Moment wieder dunkel, bis von Neuem das Licht einer kleinen Lampe, die ein eintretender Mann angezündet, den engen Raum dürftig beleuchtete. „Wer seid Ihr? was wollt Ihr? wo bin ich? Wie so bin ich hierhergekommen?" frug ich stürmisch. „Gott sei Lob und Dank!" erwiederte der Mann, sich mir mit der Lampe nähernd, so daß ich jetzt zu meiner großen Beruhigung die ehrlichen Züge des wackern Bunim erkannte, „Sie sind genesen! dann wird, so hoff' ich, der allmächtige, allgütige Gott noch alles zu Gutem wenden. — Sie kamen genau heute vor drei Wochen in mein Zimmer und sielen wie leblos um, sie konnten nicht mehr sprechen und erst später erfuhr ich, was Sie zu mir geführt. — Vor allem sagt mir, rief ich, habt Ihr etwas von meinem Vater, meiner Mutter, meiner Schwester gehört? Leben sie, sind sie ertrunken, sind sie dem Markgrafen in die Hände gefallen? Das Letztere ganz gewiß nicht! erwiederte Bunim Eschwege; das Erstere kann ich weder bejahen noch verneinen; — aber lieber, junger, gnädiger Herr, Sie haben seit drei Wochen gar keine Nahrung zu sich genommen, nur einige Tropfen Suppe oder Wasser, die wir, meine Frau und ich, wenn es uns möglich war, uns zu Ihnen in den Wald herauszustehlen, mühsam einflößten. Fühlen Sie nicht das Bedürfniß etwas zu essen? Wir müssen ja trachten, daß Sie recht bald zu Kräften kommen! Ich habe jedenfalls ein gebratenes Huhn und ein Fläschchen Wein mitgebracht. Eschwege hatte Recht gehabt, ich fühlte heftigen Hunger, griff hastig nach dem Dargereichten und frug verwundert: Ihr müßtet Euch in den Wald hinausstehlen? liege ich denn nicht in Euerer Wohnung? Nein! erwiederte Eschwege zögernd, verlegen, wir wußten Sie nirgends so sicher unterzubringen als hier in dieser Höhle, die ich zufällig entdeckt habe und die außer mir und meinem Weibe keinem Menschen bekannt ist. Ich vermuthe, daß sie einst dem Räuberhauptmann Nickel List als Versteck gedient hat. Die Holzthüre, die er für diese angefertigt, ist von Strauchwerk so überwuchert, daß sie ganz unerkennbar ist. — Setzen Sie sich auf Ihr Lager, das wir so bequem als eben möglich war, herzurichten uns bemühten und will ich Ihnen alles, was ich erfahren, erzählen. Ich höre, erwiederte ich in höchster Spannung, und Bunim Eschwege begann: „Als Sie vor drei Wochen mein Zimmer betraten und ohne ein Wort gesprochen zu haben, wie leblos umsanken, waren wir tödtlich erschrocken. Ich und mein Sohn brachten Sie zu Bette und beim Entkleiden fanden wir eine große Summe Geldes, in einem Lederbeutel, den Sie am bloßem Leibe trugen, ich habe sie bei mir aufbewahrt. Ich schickte meinen Sohne Towije nach der nächsten Stadt nach einem Arzte, aber unser Towije kam unverrichteter Sache zurück, die Flüsse in der ganzen Umgebung waren ausgetreten, die Brücken abgerissen. Später dankten wir Gott dafür, daß er es so gütig gefügt; denn wäre der Arzt gekommen, es wäre Ihr sicheres Verderben gewesen. Wir standen rathlos an Ihrem Bette! Sie waren fieberkrank und grause Wahnbilder quälten Ihre Seele, Sie riefen, „herab mit einem Sprung in den Strom", dann „Ich befehle Dir's, im Namen des einig einzigen Gottes, verfluchter Strom; gib Deine Opfer wieder!" und solche Dinge mehr, das uns schier graute. Meine Frau ist sehr klug und sprach sogleich zu mir, „der junge Herr scheint aus Ansbach gekommen zu sein, — und es ist ihm doch bei Todesstrafe verboten, das Fürstenthum zu betreten, der liebe Gott weiß, was er dort Furchtbares erlebt haben mochte. Keinesfalls kann es etwas schaden, wenn Niemand etwas erfährt, daß wir einen kranken Gast haben. Wir legen ihn hinauf in die gute Oberstube, die wir nur zweimal des Jahres, an den Sederabenden r) benützen — und bald erkannte ich wie vernünftig meine Frau gerathen. Wenige Tage daraus, am nächsten Sonntag brachten die Bauern unseres Dorfes, als sie aus der Kirche des nächsten Fleckens, zu dem sie eingepfarrt sind, kamen, eine merkwürdige Neuigkeit mit, die von der Kanzel herab verkündigt worden war. Der ehemalige Fürther Oberrabbiner, Hirsch Fränkl, der in dem nahegelegenen Schwabach im Ansbach'schen schon seit fünf Jahren im Mauerthurm an der Kerkerwand geschmiedet sitzt, hätte um mitternächtiger Stunde, seine Fesseln gesprengt, das Dach seiner Zelle durchbrochen, aus dieser durch die Luft geflogen und wäre spurlos verschwunden. Der Kerkermeister und seine beiden Gehilfen, hatten dies ausgesagt und darauf den Eid geleistet und auch die Schildwache es beschworen. Diese hätte ihrer Pflicht gemäß auf die in der Luft emporschwebenden Gestalt des Rabbi geschossen; aber die Kugel wäre von dieser abgeprallt. Der Rabbi aber sei fünf Jahre lang ganz ruhig im Thurme gesessen und hatte, da ein eiserner Ring um seinen Körper geschmiedet und seine Gefängnißzelle über dem Wasser schwebte, gar keine Macht über die Geister, die ihm früher dienstbar waren, und hatte diese augenscheinlich nur dadurch wieder erlangt, daß sein Sohn, seine Gattin und seine Tochter, die, trotzdem ihnen das Betreten Ansbach'schen Bodens unter Todesstrafe untersagt war, doch, wie dies nachträglich durch Zeugen erwiesen wurde, in der Nähe seines Kerkers zu gelangen wußten, und ihm 1) Die ersten zwei Abende des Passafestes.