Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1893)
- Date
- 1893-02-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448326--35686-2483682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
174 können sich doch nur auf das kümmerlichste ernähren. Sie wohnen in schmutzigen, schlecht gelüfteten, alten Buden, überall Schmutz, innen wie außen; in denselben wohnen 3—4, 5 bis zu 6 Familien, und eine jede von ihnen zählt eine Menge kleiner Kinder. Man denke sich hinzu, daß diese Hütten weder Betten, Tische, Stühle, noch sonst was aufweisen, daß alles auf dem schmutzigen und feuchten Boden hockt, und Sie werden sich annähernd ein Bild machen können von der verzweifelten Lage dieser Unglücklichen. Wenige Handwerker können sich rühmen, daß sie das tägliche Brod zur Ernährung ihrer Familie verdienen; niemals, selbst nicht am Sonnabend, bekommen sie Fleisch zu kosten; heute Wasser und Brod, morgen Brod und Wasser u. s. w. Um sich einen genauen Begriff von dem Elend dieser Beklagenswerthen zu machen, die das Schicksal furchtbaren Leiden geweiht hat, genügt es, die Sterblichkeitszaht bei den Juden mit der der übrigen Bevölkerung zu vergleichen. Die Juden sterben hier wie die Fliegen! Selbst wenn die Geschäfte besser gehen, wenn der Lohn sich etwas bessert, wenn es nicht an Bestellungen fehlt, können sich die jüdischen Handwerker niemals satt essen; daraus allein können Sie sich eine Vorstellung machen von ihrem jetzigen Elend, wo es an Arbeit fehlt und die Geschäfte brach liegen. Portugal. Lissabon. Ich habe vor Kurzem dem „Israelit" gemeldet, daß mehrere russisch-jüdische Familien, die sich in Argentinien angesiedelt hatten, von dort wieder ausgewandert sind, um sich im südlichen Afrika, aus der Hochebene von Mossamedas, die zum Königreiche Portugal gehört, niederzulassen, und habe ihnen die portugiesische Regierung jede mögliche Unterstützung zu ihrem Culturwerke zugesagt. Letztere hat auch getreulich Wort gehalten, denn sie ließ den Neueingewanderten ein fruchtbares und auch wasserreiches Gebiet in der Umgebung der Stadt Kavangara zur Ansiedelung darauf anweisen und wurden die Ländereien den neuen Ansiedlern zu einem mäßigen Pachtschilling überlassen. Die Regierung half auch diesen Ansiedlern für die dortigen klimatischen Verhältnisse sich höchst geeignete Wohnhäuser zu erbauen', die zwar aus Holz bestehen, aber ihren Bewohnern am Tage genügenden Schutz gegen die brennenden Strahlen der afrikanischen Sonne bieten, unrin der Nacht wieder ein gutes Obdach gegen die Kälte — die Nächte in Südafrika sind ungemein kalt — und die Raudthiere gewähren. Daß die Neueingewanderten frei und offen ihren jüdischen Glauben bekennen können, brauche ich nicht besonders hervorzuheben, denn nicht nur im Mutterlande Portugal, sondern auch in dessen Colonien herrscht volle religiöse Toleranz und kann jeder dort Gott nach seiner eigenen Ansicht verehren. Die Neueingewanderten haben sich daher schon ein Gotteshaus gebaut und auch einen eigenen Friedhof angelegt, um dort dem Tag der Auferstehung entgegenzuschlummern. Haben diese Einwanderer in Argentinien spanisch gelernt, so lernen sie jetzt wieder portugiesisch oder eigentlich den Dialekt, der in den portugiesischen Colonien Südafrikas gesprochen wird, und in den sich auch Hunderte von Worten aus den Sprachen der dortigen einheimischen Bevölkerung vorfinden. > Vermischtes. Leipzig. Am 4. Januar wurde dahier ein Verein für jüdische Geschichte und Literatur gegründet. Herr Dr. Moritz Brasch hielt an diesem Tage in dem neubegründeten Verein vor einem zahlreich erschienenen Publikum einen Vortrag über Gabriel Rießer, der allgemeinen Beifall fand. In den provisorischen Vorstand wurden die Herren Rabbiner Dr. Porges, Dr. Magnus, Alphons Jacobson, Dr. Moritz Brasch und Jacob Blumenfeld gewählt. Bendorf a. Nh., 4. Januar. (Unlieb verspätet.) Am Sabbat Chanukah wurde in der israelit. Heil- und Pflege- Anstalt von Jacobi in Sayn bei Coblenz eine neue Gesetzrolle eingeweiht. Diese Gelegenheit wahrnehmend, zeigten die Leiter der Anstalt, daß in ihr noch echt jüdisch-religiöses Leben vorhanden ist, indem sie das Fest zu einem recht weihevollen und würdigen gestalteten. Nachdem in der dortigen Synagoge unter voller Betheiligung der Patienten die Einweihung vor sich gegangen war, versammelten sich zahlreiche Freunde und Bekannte des Hauses zu einem opulenten Mahl, welches Alle in froher Stimmung lange beisammenhielt. — Herr Lehrer Alexander aus Bendorf am Rhein hielt die Festrede. Er betonte, anknnpfend an die Geschichte vom Chanukah, wie man zu allen Zeiten innerhalb des Judenthums für die edelsten Güter der Väter gekämpft und gerungen und für deren Erhaltung Gut und Blut eingesetzt habe. Er zeigte, wie es Alle mit Freuden erfüllen müsse zu sehen, wie man jetzt noch angesichts der drohenden Gefahr dem Judenthume treu anhängt und für dasselbe sorgt. Der Vortrag fand den Beifall der Versammelten. Feuilleton. „Fürstengunst." I Erzählung von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird aufs Strengste verfolgt werden. Uebersetzungsrechte Vorbehalten. (49. Fortsetzung.) „Das letzte Erlebniß — wie viel Zeit seitdem \ verflossen, konnte ich nicht bemessen — verdeutlichte j sich mir nach und nach zu vollen Klarheit! . . . . j mein Vater war aus dem Mauerthurm entflohen j und er und Mutter und Schwester waren — so j mußte ich annehmen, ertrunken oder von ihren Ver- | folgern eingeholt, wieder in die Gewalt des Mark- ] grafen gefallen — und ich? .... ich war ja j zu Bunim Eschwege geflüchtet, — aber von da da ab erloschen meine Erinnerungen und ich glaubte, ich säße in einer engen, finstern Zelle eines Ansbach'schen Gefängnisses, in dem man mich vielleicht — nachdem, was ich erlebt hatte, schien mir nichts mehr undenkbar — verhungern lassen wollte! „Ich verlebte in dieser qualvollen Stimmung wohl ein, zwei Stunden, als sich in meiner Nähe; ein leichtes Geräusch bemerkbar machte, es öffnete sich eine Thüre, ein Lichtstrahl huschte herein, dann <