Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1893)
- Date
- 1893-02-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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173 mehr Recht die christlich-soziale für einen Hödel, der, wie gerichtskundig ist, zu ihren Mitgliedern gehörte, als das Judenthum für Anschauungen, wie sie jener Artikel enthält, verantwortlich machen dürfen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 29. Januar. Es wird unsere Glaubensbrüder im deutschen Reiche gewiß interessiren, zu erfahren, daß an der Spitze der Wiener Cultusgemeinde nun ein Norddeutscher, Herr Gustav Simon, ein Berliner Kind, steht. Nachdem nämlich unser bisheriger Cultusvorsteher, Wilhelm Ritter von Guttmann, dieses Ehrenamt niedergelegt, hat dessen Stellvertreter, genannter Herr Simon die Leitung unseres Gemeindewesens übernommen. Herr Gustav Simon kam vor ungefähr vierzig Jahren nach Wien, um sich hier eine Existenz zu gründen. Das Glück war ihm besonders günstig, denn er erwarb sich hier Vermögen und Ehren, wurde Chewrah Gabbah, Gemeinderath der Stadt Wien, Mitglied des Cultusvorstandes und schlkeßich Leiter der Wiener Cultusgemeinde. Herrn Simon war aber auch in einer andern Hinsicht das Glück sehr günstig, denn er hat eine Lebensgefährtin gefunden, von der man wirklich sagen kann: nsö hipn nsq. Dieselbe entstammt der hochachtbaren Familie Jafeh (ns*) in Preßburg, einer Familie, deren Mitglieder stets bekannt waren, als np-ra wjn, pikt »fya ,rnw nnwi 'w v'NON Bei Frau Simon wird so koscher hausgeführt, wie bei einem orthodoxen Rabbiner und obgleich Frau Simon schon längst einen Ehrensitz im Seitenftetter Tempel haben könnte, so zieht sie es doch vor, in die kleine und entlegene Schönlatern-Synagoge zu gehen, weil es dort noch streng orthodox zugeht und weil sie dort so beten kann, wie sie es in ihrem väterlichen Hause vor sich gesehen hat. Ihre Kinder hat sie zu streng religiösen Juden erzogen, und mußten sie, solange sie noch im väterlichen Hause waren, täglich alle religiösen Pflichten erfüllen. Wenn jene Frau die beste ist, von der man am wenigsten spricht, so ist Frau Simon gewiß die allerbeste Frau Wiens, denn von ihr wird fast nie gesprochen, da sie nicht die Oeffentlichkeit liebt und schon glücklich ist, wenn sie zu Hause zwischen ihren vier Wänden Gott dienen und nach seinen Geboten leben kann. Möge nun Frau Simon, die auch eine große, wenn auch stille Wohlthäterin der Armen ist, noch ein recht langes, freudenreiches und ungestörtes Eheleben beschicken sein. Sie ist und bleibt eine Zierde der Wiener jüdischen Frauen! Budapest. Ein schreckliches Unglück hat sich dieser Tage in der jüdischen Gemeinde Zenta (Südungarn) ereignet. Die Gattin des dortigen Schammes (Tempeldieners), Frau Hermann Ney, ließ am Sabbat 14. v. beim Schlafengehen die Petroleumlampe brennen, die auf ihr Bett fiel und Alles in Brand steckte. Die arme Frau ist vollständig zu Asche verbrannt. Ein 14jähriges Mädchen, das sich im selben Zimmer befand, lief in die Küche, wo der Vater mit den übrigen sechs Kindern schlief. Der erschrockene Gatte machte vergebliche Versuche, seine Gattin den Flammen zu entreißen; er erlitt hiebei selbst schwere Brandwunden. Ein Kind der verbrannten Frau wurde von einem Verwandten, dem hiesigen Spediteur M ax Taußki, zu sich genommen, drei andere Kinder dürften im jüdischen Waisenhause Aufnahme finden. Rußland. Petersburg. Ein am 11. Juni 1892 vom Kaiser sanctionirtes Gesetz entzog den Israeliten ihre Rechte als städtische Wähler, dagegen gewährte es ihnen das Recht, als dem Rath beigegebene Delegirte ernannt zu werden, unter der Bedingung jedoch, daß die Zahl der Delegirten nicht mehr als ein Zehntel der Gesammtzahl der Räthe betrage. Der „Novoie Vremia" vom 18/30. November wird aus Rostof a/Don geschrieben, daß die Juden, auf Befehl des Ministers des Innern, künftighin nicht mehr in den Stadtrath der Städte Rostof, Nahichewan und Taganrog selbst als Hilfsdelegtrte zu ernennen seien. Andererseits wird der nämlichen Zeitung aus Simpherophol geschrieben, daß, auf Befehl des Ministers des Innern, die Zahl der Juden als Delegirte im neuen Stadtrath von 10 auf 1 herabgesetzt werden müsse. Zu den den Israeliten feindlich gesinnten Zeitungen gehört an erster Stelle das „Journal de Wilno". Der „Woskhod" vom 22. November/5. Dezemb. sagt: Wenn die Localbehörden zu Zeiten müde werden, „den Juden wegzujagen", so erhebt sich jene Zeitung, um den Haß zu schüren und die schlimmsten Instinkte der Menge aufzureizen." Wenn man daher in diesem Blatte eine Beschreibung des Elendes unter den Israeliten liest, darf man annehmen, daß das Bild nicht zu stark aufgetragen ist, und dennoch könnte kein Mensch von Gemüth folgende im „Woskhod" wiedergegebene Beschreibung ohne Rührung lesen. Die Armut unter den jüdischen Handwerkern und Arbeitern hat ungeheure Dimensionen erlangt. Ein jüdischer Schuster ernährte sich viele Wochen hindurch lediglich von rohen Kartoffeln: er wurde schwer krank. Ein anderer, Weber seines Standes, fiel todt von Schwäche neben seinen Webstuhl. Das Herz bricht, wenn ich an all' das Elend dieser weißen Neger denke. Einige unter ihnen arbeiten 18 Stunden hindurch, sich nur 3 Stunden Schlaf gönnend, und