Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1893)
- Date
- 1893-02-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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171 Herr Justizrath Mayer ist allerdings von seiner 56 Mitglieder zählenden Fraction für den stellvertretenden Vorsitz in derStadtverordneten-Versammlung vorgeschlagen worden; er erhielt aber im Ganzen nur 24 Stimmen, weil er durch sein inzwischen von mir aufgedecktes zweideutiges Verhalten in der Frage der von der jüdischen Gemeindevertretung beschlossenen Adresse an den Kaiser das Vertrauen verloren hatte, und zwar mehr noch seiner christlichen als seiner jüdischen Fraktionsgenossen. Letztere wußten zum Theil, sagten es aber nicht, in welchem Maße zweideutig das Verhalten des Herrn Mayer gewesen, und daß er die ihm als Vorsteher der jüdischen Gemeinde anvertrauten Interessen , um seines persönlichen Ehrgeizes willen preisgegeben hatte. Deßhalb wollten einzelne jüdische Stadtverordnete Herrn Mayer auch nicht mehr als Fractionsvorsitzenden haben. Andere, weniger genau unterrichtet, stimmten für ihn. Es wäre ja möglich, daß Herr Mayer der Meinung gewesen ist, nicht Ehrgeiz veranlasse ihn, sich um einen hervorragenden städtischen Ehrenposten zu bewerben, sondern der Wunsch, vor aller Welt zu zeigen, daß wenigstens die Stadtvertretung Berlins vorurtheilsfrei genug ist, an ihre Spitze einen Juden zu stellen. Solche Vorurtheilslosigkeit herrscht tatsächlich in der Berliner Stadtvertretung. Wäre in der Stadtverordnetenversammlung ein für den Vorsteherposten in ganz besonders hervorragendem Maße befähigter Mann, die Wahl siele unbedingt auf ihn, er sei Jude oder Katholik oder Protestant. Wenn aber nur das bescheidene Mittelmaß der Eignung sich findet, so verlangt es meines Erachtens in jetziger Zeit der Tact, daß die jüdische Minderheit sich zurückhält und einen Bewerber aus der Mehrheit wählt. Ich gebe ohne Weiteres zu, daß man hierüber auch anderer Ansicht sein kann, und Herrn Mayer trifft kein Vorwurf, daß er anderer Ansicht gewesen. Herr Mayer hat aber um seiner Candidatur willen sein Thun als Vorsteher der jüdischen Gemeinde modififirt, und das gereicht ihm zum Vorwurf! Er selbst hatte die Absendung einer Adresse an den Kaiser empfohlen, in den Repräsentantenversammlungen vertreten, von ihm selbst rührt der klägliche Entwurf her, der von der Volkszeitung treffend als „Schutzjudenpetition" bezeichnet worden ist; und als er wahrnahm, daß diese „Schutzjudenpetition" von freisinniger und demokratischer Seite übel angesehen wurde, da verleugnete er sein eigenes Werk und rief den Anschein hervor, als sei er ein Gegner der Adresse überhaupt, deren Absendung er verhindern werde. Er hat auch die Absendung verhindert, die er anfänglich betrieben. Wäre er im Vorhinein Gegner einer Adresse gewesen, so war er in feinem Recht; da er aber aus persönlichen Rücksichten vom Saulus zum Paulus geworden, noch dazu zu einem Paulus, der es gar nicht wahr haben wollte, daß er je ein Saulus gewesen, so hat er doppelte Schuld auf sich geladen! In dem Artikel der „Allgemeinen Zeitung des Judeuthums" heißt es an einer anderen Stelle: „Der Kampf, der sich gegen die Adreffe, gegen die Gemeindeverwaltung, ja hauptsächlich gegen den Vorsitzenden derselben, der seit Jahrzehnten mit nie ermatteter Kraft die große Arbeitslast der Gemeinde trägt, wurde in erster Reihe ausschließlich von Zeitungen geführt, deren Leiter oder Herausgeber Juden sind." Ich nehme an, daß hier nur Ungeschicklichkeit des Ausdrucks vorliegt, nicht geflissentliche, auf Verschleierung der Wahrheit abzielende Undeutlichkeit. Nicht gegen die Adreffe ist gekämpft worden, sondern gegen die Mayer'sche „Schutzjudenpetition", von der allein die Oeffentlichkeit durch eine Jndiscretion etwas erfahren. Nicht gegen die Gemeindeverwaltung und hauptsächlich gegen den Vorsitzenden derselben ist gekämpft worden, sondern dagegen, daß Herr Mayer um seiner städtischen Candidatur willen seine Auffassungen und Handlungen als Vorsteher der jüdischen Gemeinde modifizirte, und dagegen, daß die Gemeindeverwaltung sich von seiner Eigenwilligkeit ins Schlepptau nehmen ließ, dagegen endlich, daß die Repräsentantenversammlung — ganz gewiß nicht im Sinne der Mehrzahl ihrer Wähler — ihren eigenen Auftrag und Beschluß und dessen Mißachtung verschluckte und kopfntckend zustimmte, da Herr Mayer alles für ein „Mißverständniß" erklärte! Ist es doch dahin gekommen, daß die Repräsentantenversammlung nach drei Wochen ihr Sitzungsprotokoll umstieß, das von dem Beschluß der Absendung einer Adresse sprach, obwohl mittlerweile der Vorstand selbst eine öffentliche Erklärung erlassen hatte, in der gesagt war, daß er „aus Ehrfurcht vor der allerhöchsten Person" von der Ausführung jenes — nun gar nicht ertheilten — Auftrages Abstand genommen habe! Irgendwo hat hier die Wahrheit Schiffbruch gelitten; und mich dünkt, es ist klar, wer der Pilot gewesen, der den Schiffbruch veranlaßt hat. Da einmal davon die Rede ist, daß Herr Mayer „seit Jahrzehnten mit nie ermatteter Kraft die große Arbeitslast der Gemeinde trägt", so möge auch hierüber noch ein Wort gestattet sein. Daß Herr Justizrath Mayer im Dienste der jüdischen Gemeinde eine große Arbeitslast trägt, will ich nicht bestreiten, da es behauptet wird. Ich getraue mich aber zu behaupten und mache mich stark, es zu beweisen, daß er erfolgreiche Arbeit nicht geleistet hat. Zwar alles büreaukratische Werk ist anscheinend in guter Ordnung. Auch der Gottesdienst ist, wenngleich in unzureichendem Maße und in einseitiger Richtung, leidlich geregelt. Das Be-