Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1893)
- Date
- 1893-01-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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158 ihren Höhepunkt erreicht, als eine Epidemie das Lager der Belagerer zerstörte und sie zwang sich zurückzuziehen. Zum Andenken an diese Befreiung haben die damaligen Rabbiner diesen Purim Cherif eingeführt, den das Volk mit dem Namen Purim Kidebouni, das heißt den salschen Purim, um ihn von dem wirklichen Purim von Esther zu unterscheiden, benannt hat. Es giebt noch einen zweiten, falschen Purim, gleichfalls im Monat Tebet, das ist Purim Borghell. Folgendes ist der Ursprung desselben. Gegen 1792 (5553) lehnte sich ein gewisser Borghell, ein gebürtiger Georgier und großer Seeräuber, gegen seinen Herrscher Ali Pascha Karamanli auf, griff Tripolis mit seinen Schiffen an und eroberte es. Der Sieger hatte eine Heerde Galeereusclaven als Armee; die Stadt wurde niedergebrannt und geplündert; die Israeliten hatten viel zu leiden. Dem Caid Abr. Halfon, Chronikschreiber dieses Krieges, wurde ein Sohn auf offenem Platze verbrannt und in dem Klagelied (Kinna), das er darüber schrieb, erzählt er alle Grausamkeiten der Barbaren. Es dauerte dies zwei Jahre, die Karamanli benutzte, um eine Armee zusammenzubringen und die Stadt zurückzuerobern. Diese beiden falschen Purims unterscheiden sich kaum von anderen Wochentagen; nur die jüdischen Läden sind geschlossen, und in der Synagoge werden einige Gebete, wie an Jahreszeiten, hergesagt. > vermischtes. Crumstadt bei Darmstadt, 10. Jan. Es war ein sehr schmerzlicher Gang, von dem soeben die sammtlichen Gemeindemitglieder sowie auch eine große Anzahl Theilnehmender aus allen umliegenden Orten zurückgekehrt sind, sie halten einer edlen frommen Israelitin, Frau Blimchen Bruchfeld zu ihrer letzten Ruhestätte begleitet. Sie war ein wahres Vorbild echt jüdischer Frömmigkeit, im Stillen übte sie große Wohlthaten, wenn es ihr möglich war fehlte sie nie in unserer Synagoge. Nicht allein ihrem Gatten und Kindern ist sie nun entrissen, unsere ganze Gemeinde verliert in ihr eine fromme wohlthätige Frau. Im Trauerhaufe sprach unser verehrter Herr Rabbiner Dr. Marx aus Darmstadt tief empfundene und zu Herzen gehende Worte. Möge der l. G. dem Gatten, den Kindern und Verwandten seinen Trost spenden. 6. Berlin, 23. Januar. Der jüdischen Gelehrtenwelt ist gestern einer ihrer bedeutendsten Mitarbeiter entrissen worden. Dr. David Cassel, der verdienstvolle Literarhistoriker, ist nach einem kurzen schmerzlosen Krankenlager in ein besseres Jenseits hinübergegangen. Der Verewigte, einer der ausgezeichneten Gelehrten, welche Gr. Glogau der Judenheit geboten, hat eine Fülle von belehrenden, von einer tiefen Gründlichkeit zeugenden Artikel in den jüdischen und vielen politischen Zeitschriften veröffentlicht. Seine Uebersetzung und Commentirung des Kusari, seine kurzgefaßie Literaturgeschichte, die Sabbatvorträge für den Jugendgottesdienst, sowie sein hebräisches Wörterbuch erfreuen sich der Anerkennung aller Gebildeten. Seine größere Literaturgeschichte blieb unvollendet. — Dr. C. war eine bei allen religiösen Parteien beliebte und hochgeachtete Persönlichkeit. Seine Vorträge an dem Bet-Hamidrasch und anderen Instituten wurden von dem stets zahlreichen Auditorium mit vielem Interesse angehört. Der Verblichene war bis vor wenigen Jahren Dirigent eines Waiseninstitutes und in den letzten Jahren Docent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums. Dr. C. erreichte das Alter von 75 Jahren. Die jüdische Wiffenschaft wird in dem Verewigten stets einen ihrer edelsten und treuesten Kämpfer würdigen und geziemend verehren. rv'uyin Ulnt, 14. Januar. Am Eref Schabbos den 25. rDD wurde eine edle, fromme Frau von ihrem diesseitigen Leben nach längerem schweren Leiden abberufen. Frau Hannchen Bach geb. Herz, ein Muster jüdischer Frauen, eine Zierde ihrer Familie, hauchte an diesem Tage im Alter von 65 Jahren ihre reine Seele aus. „Edel, hilfreich und gut" war diese Frau. Von der Liebe und Achtung, deren sich die Verstorbene erfreute, legte ihr großes Leichcnbegängniß beredtes Zeugnitz ab. Am Grabe würdigte Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Fried die Verdienste der Dahingeschiedenen in beredten Worten. Möge ihr in jenem Leben vergolten worden, was sie hinieden verdient hat. 8. Mailand. Die jüdische Gemeinde in Genua hat einen herben Verlust erlitten. Ihr hervorragendes Mitglied, Commendatore Adolf Bingen, wurde während er einer Sitzung des Wohlthätigkeits-Comitös präsidirte, von einem Schlaganfalle betroffen, dem er auch augenblicklich erlag. Der Verstorbene, der auch Gemeinderath, Mitglied der Handelskammer, Verwaltungsrath der mittelländischen Bahnen, Directionsmitglied der Nationalbank rc. war, wurde mit seltenen Ehren zu Grabe geleitet. — Die jüdische Cultusgemeinde in Mailand hat ihrem kürzlich seines hohen Alters wegen zurückgetretenen Rabbiner Ariani in Würdigung seiner der Gemeinde während seiner achtunddreitzigjährigen Amtsthätigkeit geleisteten Dienste eine jährliche Pension von 2400 Lire angewiesen. Der Emeritirte zeigte sich sehr erfreut über diese ihm von seiner früheren Heerde bewiesene Erkenntlichkeit. Feuilleton. „Fürstengunst/' Erzählung von S. Kohlt, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird aufs Strengste verfolgt werden. Uebersetzungsrechte Vorbehalten. <48. Fortsetzung.) „Ich hatte in der Thal in meiner furchtbaren Aufregung an die Zahlung dieser Summe vergessen, aber natürlich nicht die Absicht gehabt, sie dem Kerkermeister vorzuenthalten. Deidelsheimer hob meinen Vater in den Wagen, rief dem Kutscher zu: Fahr' so rasch als Du kannst, wenn wir in zwei Stunden die Grenze überschritten haben, bekommst Du, so wabr Gott lebt, noch fünfzig Dukaten über das bestimmte Fahrgeld, mir aber rief er zu: Um Gottes willen befriedigen Sie den Mann und kommen Sie uns so bald als möglich nach. Der Wagen rollte fort, und ich rief dem Kerkermeister zu: Ich will Euch ja keinen Kreuzer behalten .... kommt zu mir aufs Eis, wir haben es ja so bedungen! Ich trau' mich nicht zu Euch. Auf der Eisfläche, heulte der Kerkermeister in wilder Wuth. . . . . Ihr müßt herüberkommen oder .... Ich schritt nun dem Ufer, wo sich Winador und seine zwei Gehilfen befanden, zu, ich reichte ihm das Packet, in welchem die 24,000 Gulden abgezählt waren und wollte mich rasch entfernen, aber die mißtrauischen Menschen wollten mich nicht eher fort-