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Der Israelit · 1893-01-30 · Heft 9 (30.1.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 9 (30.1.1893)
Date
1893-01-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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159 (lassen, als bis der Kerkermeister das Geld gezählt und richtig befunden hatte, das aber dauerte bei der Ungeübtheit des Zählenden sehr lange. Warum frug ich entrüstet, seid Ihr nicht, wie es besprochen, > war, zu mir auf die Eisfläche gekommen? Wenn I ich böse Absichten gegen Euch gehabt hätte, wärt 1 Ihr ja Drei gegen Einen gewesen! Wir haben I nicht Sie, wir haben gefürchtet, daß die Eisfläche § bersten würde! Ich erschrack, daß sich mir das Blut | im Herzen vereiste. Deidelsheimer hatte während Iber Fahrt davon gesprochen, daß seit zwei Tagen ein Witterungswechsel eingetreten, daß es wärmer geworden und fortwährend geregnet hätte; wäre ich nicht ausschließlich von dem Gedanken beseelt gewesen, meinen Vater glücklich aus dem Kerkerthurm zu bringen, hätte ich schon früher auf den |1 Gedanken verfallen müssen, daß die schmelzende Eisj decke unter der Last des Wagens, oder auch ohne g diese zusammenbrechen könnte! Ich blickte angstvoll I nach dem Flusse, auf dem sich mein Vater, meine I Mutter, meine Schwester, mein treuester, ergebenster I Freund befanden! Hat es, seit Gott die Welt erj schuf, je einen Menschen gegeben, der unerwartet j einen solch furchtbaren Verlust in einem Momente 3 zu befürchten hatte?! Ich wollte meine Stimme zur (Macht des grollenden Donners verstärken, meine Lieben zu warnen, aber so weit mein Auge reichte, war weder ein Wagen noch ein Mensch auf der J Spiegelfläche des Stromes zu sehen, Herr und Gott! rief ich in wahnsinnigster Verzweiflung. Das I kannst Du mir und den Meinen nicht zusügen, I das hätten wir — so wahr Du ewig lebst — j] nicht um Dich verdient! jj „Ich finde Ihre Aufregung erklärlich", meinte [j Wertheimer in seiner ruhigen, milden Weise, als ji wolle er den leicht verschleierten Vorwurf, den |j Fränkl gegen die Vorsehung erhob, entschuldigen, i „Ich eilte, trotzdem ich es noch heute nicht begreife, daß mich meine zitternden Füße trugen, wie von Feinden verfolgt, das Ufer entlang, hoffend z die Meinen zu erreichen, bevor der voraussichtliche! Eisgang eingetreten; der Zeitpunkt des Ein- | tretens deffelben ließ sich ja nicht genau vorherbestimmen, es konnte bis dorthin immerhin eine | geraume Zeit Vorgehen und die Meinen sich dann mit Gottes Hilfe schon gerettet auf festem Boden; befinden — aber nachdem es ringsumher gespenster-! Haft geklirrt hatte, ertönte plötzlich ein gewaltiger | Knall und jählings begann es, sich auf der todten | Eisfläche furchtbar zu regen, sie barst in tausenden von großen und kleinen Blöcken, die sich geisterhaft emporrückten, von den anstürmenden Wafferfluthen erfaßt wurden, mit diesen zu ringen schienen, schließlich überwunden, von den Wogen und dem anprallenden Eisgeröll fortgeschleudert wurden. Es war für mich der grauenvollste Anblick, den es nur geben konnte! . . . Wenn sich meine Lieben in dem Momente noch auf dem Stromesrücken befanden, dann waren sie rettungslos verloren — dann hätte sie nur ein Wunder, fast größer noch als Kriasjamsuf,1) retten können und mit meinem gebrochenen Muthe und meinem zerrissenen Herzen war ich nicht in der Stimmung zu glauben, daß der unerforschliche Gott uns dieses Wunder erwiese! .... Ich war in meinem wilden Laufe endlich auf der Heerstraße anaelangt, als ich den Huffchlag rasch gallopirender Pferde vernahm. Ich warf mich in ein Gehölz und ließ die Reiter an mir vorbei jagen. Es waren Ansbach'sche Dragoner, ich wußte nicht woher sie kamen, wohin sie reiten, möglich war's, daß sie meinen Vater verfolgten, gewiß, daß er verloren wäre, wenn sie ihm begegneten. Erst, nachdem sich die Reiter entfernt hatten, trat ich aus dem Gebüsche. Kurze Zeit hatte ich alle Fassung verloren, wilde Verzweiflung, wie sie nur die vollste Rathlosigkert hervorzurufen vermag, lemächtigte sich meiner, wohin ich meinen Blick wenden mochte, starrte mir allüberall Verderben, Unheil, Graus entgegen! . . . „Einen Augenblick hatte ich die Absicht ein Dasein, das mir unertragbar geworden, abzuwerfen und hätte ich sicher gewußt, daß alle meine Familienglieder todt, ich hätte dem Entschlüsse sofort die That folgen lassen; aber der Gedanke, daß sie sich doch am Leben befinden könnten und ich die Pflicht habe, mich um ihretwiellen zu erhalten, hielt mich davon ab.Vor Allem wollte ich mir Gewißheit darüber verschaffen, ob Gott die Meinen durch ein Wunder gerettet hatte. Es war bestimmt worden, daß wir in Cham, einer kleinen jüdischen Gemeinde unsere erste Reisepause machen wollten, ich lenkte daher nach dieser Richtung meine Schritte; — aber ich war kaum eine Stunde gegangen, als ich alle Straßen, die nach Cham führten durch Ueberschwemmungen unter Wasser gesetzt, die Brücken abgerissen fand und es für mich kein Mittel gab, hinzugelangen. Es blieb mir nichts Anderes übrig als plan- und ziellos vorwärts zu schreiten. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß in meiner entsetzlich verzweifelten Lage irgend ein Begehren, ein erfüllbarer Wunsch in mir entstehen könnte; aber so lange der Mensch lebt, so lange die Seele und sei's auch nur mit einer zarten Faser mit seinem Körper zusammenhängt, bleibt er auch stets dem Irdisch-Sinnlichen unterworfen. — Ich empfand plötzlich eine so furchtbare Erschöpfung, daß ich die Vorboten einer herannahenden Krankheit zu erkennen glaubte und ein 1) Das Spalten des Schilsmeeres beim Auszuge der Israeliten aus Egypten.

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