Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1893)
- Date
- 1893-01-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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157 Böckel erscheint auf der Bildfläche in einer Universitätsstadt; da stellt sich ihm studenttscherseits eine freiwillige Ehrengarde zur Verfügung, und mit Hurrahschreien und „Deutschland, Deutschland über Alles" Singen ziehen den judenhetzerischen Aposteln diese jungen Leute in Stadt und Dorf nach und meinen damit eine patriotische That gethan zu haben. Oder, meine Herren, ein anderes Bild: wir erleben es auch wohl, daß ein Student dieser Richtung, der deutschthümlichen, in Wahrheit antideutschen Richtung glaubt, daß es ein Wunders wie heldenmäßige Leistung sei, wenn er in der Kneipe oder auf dem Trottoir schneidiger Weise einen jüdischen Kommilitonen anmauschelt. Das ist dann die würdige Nachfolge des edlen Herrn v. Hammerstein, der bekanntlich im Parlamente zu Berlin das Mauscheln eingeführt hat! Oder, was noch schlimmer ist: solcherlei Sorte von Studententhum schwingt sich gar zu respektwidrigen Demonstrationen gegen hochverdiente akademische Lehrer auf, wie das gegen den neulich verstorbenen Chemiker Hofmann und Rudolf Birchow geschehen ist, und das aus keinem anderen Grunde, als weil diese Männer es wagten, den Antisemitismus so zu beurtheilen und zu behandeln, wie unser Hingeschiedener Kaiser Friedrich ihn gebrandmarkt hat, als eine Schmach des Jahrhunderts! Auch das scheint den demonstrirenden jüngern Herren eine angemessene Bestätigung ihres studentischen nationalen Deutschthums zu sein. Wenn das auf dieser Bahn so weiter geht, dann kann es bald auch zu Schlimmerem kommen. Ich will es nicht hoffen, daß es bis zu dieser äußersten Grenze kommen wird; aber wir haben in der letzten Zeit ja vieles Unerwartete, Vieles, was uns warnen kann, erlebt, wir könnten es also auch erleben, daß dereinst noch die wissenschaftlichen Judenflinten auf der Universität erfunden würden, daß deutsch-nationalantisemilisch gesinnte Studenten ihre Lehrer jüdischer Herkunft oder auch Professoren, denen solche Herkunft angedichtet würde, ankreideten, verleumden und ihnen Dinge unterschöben, wie die, daß sie ihren Schülern und Zuhörern verkehrte wissenschaftliche Grundsätze auf der Hochschule einprägten, um später dem Staate unnütze Beamte zu liefern. Ich will das schwarze Bild nicht weiter ansmalen. Einstweilen sind wir, Gott sei Dank, noch nicht so weit gekommen, und mein Vertrauen in die Entwickelung der deutschen Studentenschaft ist, daß uns die geschilderten unerfreulichsten Zustände fern bleiben werden. Aber wir müssen auf Alles gefaßt sein, und darum, meine ich, ergeht der Ruf an uns: Wachet und arbeitet! (Lebhafter Beifall.)" England. London, 21. Jan. In der „Contemporary Review" befindet sich von E. B. Lanin ein Artikel über den Zaren. Der Verfasser sagt, indem er von der Verfolgung derjenigen spricht, die nicht dem orthodoxen Glauben angehören, Folgendes: Er hat die Juden in einer grausamen Weise verfolgt, mit der man nur, wenn man zurückblickt, die Verfolgung in Deutschland zur Zeit des schwarzen Todes vergleichen kann. Und zu sagen, daß all das dem Zar unbekannt sei und nur sein Name von schlechten Räthen gemißbraucht würde, ist ein Hohn auf den Verstand selbst des oberflächlichsten Lesers. Der Zar ist vollständig über die Behandlung seiner jüdischen und nichtjüdischen Unterthanen unterrichtet. Ich habe Originalbriefe gelesen, die ihm darüber von Leuten geschrieben waren, auf welche er Rücksicht nimmt. Persönlich kenne ich den kaiserlichen Kammerdiener, der diese Briefe dem Zaren aushändigte und sah, wie letzterer dieselben und auch die von der Polizei ertheilten Antworten durchlas. Thatsache ist, daß die Rolle, die der Zar in der Verfolgung spielt, durchaus nicht passiv ist, sondern, daß er manchmal noch eifriger als sein Minister ist. Vor einem Jahre war ein Beamter zu einer verantwortlichen Stelle im Justizministerium ernannt worden und mußte persönlich vor Sr. Majestät erscheinen, um seinen Dank für die Ehre abzustatten; aber seine hervorstehende Nase und der semitische Gesichtstypus reizte den Zaren zu einer so brutalen Behandlungsweise, daß der Aermste zitterte, als hätte er irgend ein Verbrechen begangen. Kurz nachher bemerkte der Zar zu seinem Minister: „Dieser H. ist ein gemeiner Jude." „Verzeihung, Majestät, er ist ein orthodoxer Christ." „Dem Stamme nach ist er Jude und das kommt aus eins heraus; ich werde streng darauf halten, daß Juden zu solchen Aemtern nicht zugelassen werden", erwiederte der Zar scharf und in einem Tone, der Herrn Manaffein überzeugte, daß er mit der Ernennung des Beamten einen großen Fehler gemacht hatte. „Dieses Mannes Carriöre ist nun vollständig abgeschlossen und er wird nie eine Stufe höher steigen können." Herr Lanin hat Recht mit seiner Behauptung, daß der Zar um die Judenverfolgungen weiß. In wohlunterrichteten Kreisen erzählt man sich, daß der Zar der Zaritza verboten habe, den Gegenstand zu erwähnen. Türkei. Tripolis. — Am 21. Tebet feiern die hiesigen Glaubensgenossen ein locales Purimfeft, Purim Cherif genannt. Nach einem hebräischen Gedicht, welches gegen das Jahr 5465 verfaßte wurde, hätte der Bey von Tarsissa (wahrscheinlich Tunis) Halil Pascha, den Bey von Tripolis angegriffen, die Umgegend der Stadt eingeäschert und gedroht, sie im Sturm zu nehmen und alles^umzubringen. Die Angst hatte bei den Belagerten