Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1893)
- Date
- 1893-01-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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156 sondern es hat seine Wurzel in der Bevölkerung und entspricht deren Bedürfnissen. Nun aber haben die Zionisten ihr Werk nur halb gethan. Ihr Einfluß erstreckt sich bisher blos auf einen Th eil der jüd. Bevölkerung, nämlich auf die jüngere Generation und einen Theil der Intelligenz, die sie durch ihre emsige und selbstlose Arbeit für das Judenthum wiedergewonnen haben. Es bleibt noch die große Masse der Juden übrig, die zwar nicht für das Judenthum wiedergewonnen zu werden braucht, aber angeregt und bewegt werden muß. Ohne das energische und eingreifende Mitthun aller Schichten der Bevölkerung läßt sich schwerlich viel und Dauerndes erreichen. Die Gründung eines hebräischen oder jüdischen Organes, welches sich an die Masse wendet und mit ihr in unmittelbare Fühlung tritt, ist also dringende Nothwendigkeit, sonst könnte die von den Zionisten so erfolgreich eingeleitete Bewegung nur auf gewisse Kreise beschränkt bleiben, und anstatt das ganze Volk zu ergreifen, zu einigen und nach Innen zu consolidiren, wieder nur der Ausdruck der Schichten werden, die sich einer höhern Bildung erfreuen, aber vom Volke gewissermaßen abgesondert sind. Im Interesse der Zukunft des Judenthums in Galizien ist zu wünschen, daß die Zionisten so rasch als möglich an die Vervollkommnung ihres Werkes gehen. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. * Mainz, 25. Jan. Von geschätzter Seite schreibt man uns: „In Ihrem Artikel „Zur Kritik der Abwehrbestrebungen" in Nr. 6 des „Israelit" befindet sich S. 102 folgender Passus: „Insonderheit sollte man in unseren Reihen nicht vergessen, daß unmöglich von den christlichen Geistlichen uns eine ernste und nachhaltige Förderung im Kampfe gegen den Antisemitismus erwachsen kann. Das Christenthum hat schon durch seine Geschichte eine antijüdische Tendenz" Diesen Anschauungen gegenüber möchte ich auf Grund genauester und verläßlichster Informationen constatiren, daß die Abwehrbestrebungen — ganz im Widerspruch zu den Behauptungen des angezogenen Artikels — gerade durch eine Reihe angesehener christlicher Geistlicher nachhaltige Unterstützung und offene Vertretung finden. Erst am letzten Sonntag hat im Kreise Weilburg — anläßlich einer antisemitischen Versammlung — ein Geistlicher in nicht mißzuverstehender, energischer Form öffentlich gegen den Antisemitismus Front gemacht." Breslau, 19. Jan. Zu dem Sport der Judenfresserei in der Studentenschaft äußerte sich kürzlich Professor Dr. Osthoff, der bekannte Germanist, in einer in Heidelberg stattgehabten Versammlung, in der Professor Stengel aus Marburg einen Vortrag über den „Antisemitismus und seine Bekämpfung" hielt, in sehr treffender Weise. Wir entnehmen den Ausführungen des Professors Osthoff Folgendes: „Ich glaube, daß die Zeit wiederkehrt, wo die jüngeren deutschen Burschenschafter sich wieder darauf besinnen werden, daß ihre Vorfahren in der Burschenschaft, für die Macht und Größe des Vaterlandes erglühend, nicht nur die Einheit Deutschlands anstrebtcn, sondern die Einheit nicht ohne die Freiheit und vor allen Dingen die Einheit nicht um den Preis freiheitlicher Institutionen. (Beifall.) Die Herren in der jetzigen Burschenschaft nun haben — das eben war in den „Burschenschaftlicheu Blättern" zu lesen — heute sich mit einer neueren Richtung in der Studentenschaft auseinanderzusetzen. Man sagt ihnen von dieser Seite keck ins Angesicht: Ihr mit eurer Burschenschaft seid veraltet, ihr seid nicht mehr die berufenen Träger des deutschnationalen Gedankens in der Burschenschaft; seht uns an, wir sind es, wir schreiben vor allen Dingenden Kampf gegen das Judenthum, den Erbfeind deutscher Art und deutschen Wesens, auf unsere Fahne! Und diese konkurrirende Richtung, das ist die, welche vertreten wird durch die sogen. „Vereine deutscher Studenten". (Bravo!) Gegenüber diesen, die auf dem Kyffhäuser ihre Burschentage feiern, hat die Burschenschaft sich zu wehren. Sie wehrt sich aber in einer Weise, daß der unparteiische Zuschauer urtheilen muß, sie gebe dabei ihre besten Waffen aus der Hand. Man antwortet also von der burschenschaftlichen Seite den Gegnern: Ach, seid doch nur ruhig, wir sind ja im Grunde auch Antisemiten so gut wie ihr, verkennen den „berechtigten Kern" der antisemitischen Bewegung nicht, wir halten uns ja auch die jüdischen Kommilitonen, die etwa bei uns eintreten möchten, möglichst vom Leibe, wir erachten es nur nicht für opportun, dies so offen zu bekennen, dies als die Hauptsache für den deutschgesinnten Studenten in den Vordergrund zu rücken. Da sind die Krasseren und rücksichtsloser Vorgehenden im Vortheil. Gegenwärtig muß man sagen, gilt nicht mehr das als der wahre und würdige nationale Ton, wie ihn die Burschenschaft angiebt und vertritt, sondern heut zu Tage machen jene offen antisemitischen deutschvereinlichen Herren die Melodie auf deutschen Hochschulen in der deutschen Studentenschaft. Da können wir allerdings sonderbare Dinge erleben. Ich will mit dem Harmlosesten anfangen: ein Liebermann v. Sonnenberg oder ein