Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1893)
- Date
- 1893-01-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448325--35666-2483661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
155 Verein „Mikra Kodesch" ut«b später der „Zion" der Clique vom „Agudas-Achim" ein Dorn im Auge war. Diese unterließ auch keine Gelegenheit, um den Verein und seine Tendenz nach Kräften zu verdächtigen und zu beschimpfen. Allein die „Zionisten" fuhren unbeirrt fort, ihre Ideale und Ueberzeugungen zu Pflegen und zu verbreiten. Sie wandten ihr Augenmerk der materiellen Lage ihrer Brüder zu, und fanden diese sehr beklagenswerth. Ein großer Bruchtheil der jüdischen Bevölkerung in Galizien lebt in den denkbar ärmlichsten Verhältnissen. Die alten Ernährungszweige werden ihnen immer mehr und mehr entzogen, ohne daß neue an deren Stelle treten. In dem Maße, als sich die wirthschaftliche Lage der christlichen Bevölkerung hebt, sinkt die der Juden von Tag zu Tag. Die Statistik weist auch demgemäß eine hohe Ziffer der Auswanderer auf, welche jährlich ihr Vaterland verlassen, um in der Ferne ihr Brod zu suchen. Wohin wandern diese Aermsten? Meist nach Amerika, wo sie in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle in ihren Hoffnungen sich getäuscht sehen. Unter diesen Irrfahrten auf der Suche nach Glück gehen aber leider die Meisten auch sittlich zu Grunde. Der Verein „Zion" regte nun den Gedanken einer Colontsation Palästinas an, und es zeugt für die Fruchtbarkeit dieses Gedankens, daß derselbe rasch im Lande Anklang fand. In ziemlich kurzer Zeit entstanden in Galizien acht Vereine, die den Zweck haben, Ansiedlern, die auf dem heiligen Boden unserer Väter Ackerbau oder Handwerk treiben wollen, zur Ausführung ihres Vorhabens behilflich zu sein. Die Idee einer Colonisatton Palästinas ist bekanntlich nicht neu. aber dem „Zion" und seinem ehrwürdigen Begründer bleibt bas Verdienst, ihn auf galizischem Boden heimisch gemacht und ihm Geltung verschafft zu haben. Das bot den Gegnern einen neuen willkommenen Angriffspunkt, und sie verschmähten es sogar nicht, die „Zionisten" als Vaterlandsverräther zu denunziren. Als ob die Tausende und Abertausende, welche, von der Noth getrieben, ihr Vaterland verlassen, um sich im fremden Lande eine neue Heimath zu gründen, alle Vaterlandsverräther wären! Oder soll etwa Palästina blos deßhalb eine Ausnahme machen, weil die Auswanderung dahin auch von sittlichen Motiven begleitet, und von dem erhebenden Bewußtsein getragen wird, ins heilige Land der Ahnen zurückzukehren, wo jeder Ort, jeder Fuß Land den Wanderer an die glorreiche Vergangenheit Israels und an die Verheißungen der Propheten erinnert? Diese im Stillen gehegten und verbreiteten Ideen waren endlich so weit gereift, daß es Zeit war damit in die Oeffentlichkeit zu treten. Das thaten auch die Zionisten, indem sie eine in polnischer Sprache abgefaßte Broschüre erscheinen ließen, in welcher sie ihr Programm klarlegten. Ruhig, aber entschieden trugen sie ihre Ideen vor. Sie sagten sich los von dem bisherigen System der knechtischen Nachäffung alles Polnischen und der Hintansetzung, ja Verachtung alles Jüdischen; sie forderten auf allen Gebieten die Rückkehr zum Judenthum, die Conseroirung und Hochhaltung des Hergebrachten. Im Gemeindeleben legten sie Nachdruck auf die Pflege des jüdischen Schulwesens; sie forderten die Förderung des Religionsunterrichtes, wie des Unterrichtes im Hebräischen, im Allgemeinen eine jüdische Erziehung der Jugend. Im wirthschaftlichen Leben regten sie die Gründung von Vereinen und Gesellschaften zur Hebung der arg niederliegenden materiellen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung durch Beschaffung von billigem Credit für arme jüdische Gewerbetreibende und Handwerker, durch Ermittelung neuer Productionszweige für die aus ihrer bisherigen Position verdrängten Klassen der Juden, endlich durch Gründung von Colontsationsvereinen, welche denjenigen, die aus Elend gezwungen sind, zu emigriren, die Ueberstedelung nach Palästina zum Zwecke der Betreibung von Handwerk oder Ackerbau zu ermöglichen. Dieses Schriftchen fand im ganzen Lande, in allen Kreisen der Bevölkerung den lebhaftesten Anklang. In kurzer Zeit wurde fast die ganze Auflage vergriffen. Sogar ein Theil der polnischen Presse, der die unaufhörlichen Heucheleien der Asfimilationspartei endlich zuwider geworden war, fand den ernsten und würdigen Ton, in welchem die Zionisten zu ihren Brüdern sprachen, ganz am Platze. Nur das Organ des „Agudas-Achim" kläffte weiter und machte seinem Aerger in den gehässigsten Denunziationen und Ausfällen Luft. Allein für dieses hatte bereits die letzte Stunde geschlagen. Die Ereignisse hatten seine Theorie längst ad absurdum geführt, die wenigen Anhänger aus polnischem Lager hatten ihm den Rücken gekehrt, und es zehrte nur noch von den Resten einstiger „Herrlichkeit". Die Zionisten gingen hierauf an die Gründung eines eigenen Blattes, wofür jetzt um so mehr die Situation geeignet war, als das Blättchen der Assimilatoren inzwischen das Zeitliche gesegnet hatte. Seit November nun erscheint das in polnischer Sprache redigirte Organ der Zionisten. Es vertritt im Allgemeinen die Jveen, welche bereits in der vorerwähnten Broschüre bekannt gemacht wurden, und gewinnt immer mehr an Ausdehnung, wie die unaufhörlich neu einfließenden Abonnements beweisen. Es ist dies somit kein von verschiedenen Institutionen subventionirtes Organ,