Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 8 (26.1.1893)
- Date
- 1893-01-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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143 Entwurf gezeigt habe, gegen jeden freigesinnten Menschen, möge er nun Christ oder Jude sein. Eine Anzahl Begründer und früherer eifriger Anhänger der antisemitischen Partei hätten sich mit Widerwillen und Ekel von ihren bisherigen Freunden gewandt. Selbst Stöcker habe am eigenen Leibe schlimme Erfahrungen gemacht und den Radau- Antisemitismus in öffentlicher Versammlung gebrandmarkt. Professor Ad. Wagner habe sich dahin ausgesprochen, daß er sich als anständiger Mensch nicht mehr mit antisemitischen Bestrebungen befassen könne und Dr. Moris de Jonge sei aus den Reihen der Antisemiten ausgetreten und habe sich jetzt dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus angeschlossen. Welcher vernünftige Mensch könne nun einen ganzen Stand für die Ausschreitungen Einzelner verantwortlich machen, wie es die Antisemiten thun? Wolle man es z. B. dem ganzen Stand zur Last legen, wenn bei den geselligen Zusammenkünften von „Edelsten der Deutschen Nation" das Hazardspiel eine so große Rolle spiele? Der Antisemitismus mache es sich sehr leicht, indem er die allgemein herrschende Unzufriedenheit benütze, um den Juden als Sündenbock für alle Mißstände hinzustellen. Die Behauptung der Antisemiten, den Juden wäre durch den Talmud die Uebervortheilung der Christen vorgeschrieben, sei eine nichtswürdige Verleumdung. Die „Autorität" der Antisemiten, der Professor Rohling in Prag, sei, wie man festgestellt habe, nicht im Stande, den Talmud zu lesen; er habe seine Angriffe vielmehr auf Arbeiten eines Renegaten gestützt, welcher vom Judenthum zum Katholizismus und von diesem zum Protestantismus übergetreten sei und seine früheren Konfessionsgenossen mit dem grimmigsten Haß verfolgt habe. In Deutschland verständen es nur etwa 12 Personen, den Talmud vollständig zu lesen, und diese Gelehrten hätten sämmtlich erklärt, daß Rohling's Beschuldigungen aus der Luft gegriffen seien. Auf sozialem Gebiete werfe man den Juden namentlich vor, daß sie in der Gründerperiode das deutsche Volk ausgesogen, sowie das Kleingewerbe ruinirt hätten. Beides sei unrichtig; in der Gründerperiode habe Jedermann den Tanz um das goldene Kalb mitgemacht und sei zufrieden gewesen, als alles gut ging; später, als der große Krach kam, habe man auf die Juden geschimpft und sie für die eigenen Sünden verantwortlich gemacht. Das Kleingewerbe sei nicht durch das jüdische Kapital zerstört, sondern seinem Ruin durch die Erfindung der zahlreichen Maschinen, mit denen die Großindustrie arbeitet, entgegengeführt worden. — Der Redner besprach sodann noch kurz den Xantener Prozeß und den Prozeß Ahlwardt und schloß mit einem warmen Appell an die Versammelten, den Antisemitismus, dessen versteckte Angriffe sich gegen freies Wissen, Forschen und Denken richten und der uns rückwärts in die Reaktion hineintretben will, recht energisch zu bekämpfen. — Der ansprechende Vortrag des Herrn Weigt wurde von den Anwesenden mit reichem Beifall ausgenommen. In der Diskussion ergriff ein hiesiger Antisemit, Namens Emil Werner das Wort und suchte den Freisinnigen jeden Patriotismus abzusprechen, weil die Versammlung — nicht mit einem Hoch auf den Kaiser eröffnet worden sei. Es war dem Vorsitzenden Herrn Friedrich und Herrn Weigt nicht schwer, diese kindliche Auffassung des Antisemiten in das richtige Licht zu stellen. Herr Friedrich führte sehr treffend aus, daß derjenige der beste Vaterlandsfreund sei, welcher seinen Patriotismus nicht auf der Lippe, sondern tief im Herzen trage. Die Herren Friedrich und Felbtnger verbreiteten sich dann noch über die skandalösen Szenen in der letzten antisemitischen „großen Volksversammlung", in welcher man nur Antisemiten sprechen ließ, den Gegnern aber keine Redefreiheit gewährte. — Da sich Niemand mehr zum Worte meldete, wurde die Versammlung darauf geschlossen. Aus Württemberg, 24. Januar. Unter den Israeliten Württembergs wird gegenwärtig die Frage viel diskutirt, wer wohl zum Nachfolger des Kirchenraths Dr. von Wassermann in Stuttgart, zum ersten Repräsentanten des württ. Judenthums berufen werden wird. Man ist allgemein der Meinung, unter Dr. von Wassermann habe das württ. Judenthum erhebliche Rückschritte auf allen Gebieten gemacht. Hochbetagt sei er erst zu der führenden Stellung gekommen und er habe sich nicht zu einer größeren Bedeutung aufraffen können. In Rücksicht auf die schweren Kämpfe, welche besonders auch dem württ. Judenthum drohen, ist aber für die Besetzung der ersten Rabbinerstelle des Landes ein ebenso kenntnißreicher Mann als zielbewußter Charakter erforderlich und es will uns bedünken, daß die Oberbehörde gut daran thun würde, ihre Blicke nach dem außerwürttembergischen Deutschland zu richten, wo es glücklicherweise an Koryphäen nicht mangelt. Man sagt, der Rabbiner von Göppingen, Herr Herz, habe vermöge der Anciennttät den ersten Anspruch auf die Kirchenrathsstelle. Wir find aber der Meinung, ein 75jähriger Greis sei bei aller persönlicher Befähigung nicht mehr der Mann für den hochwichtigen Posten. So mancher Rabbiner betrachtet denselben lediglich als eine Kuh, welche mit Butter versorgt, sintemalen die Stolgebühren durch den Anfall der vielen Hochzeiten und anderen Casualien eine erhebliche Höhe erreichen, er unterschätzt aber die schweren Aufgaben und Verpflichtungen, welche der verantwortungsvolle Posten im Gefolge hat. Möge die Oberbehörde