Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 8 (26.1.1893)
- Date
- 1893-01-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Innen nicht nur nicht einigend und fördernd, sondern mitunter destructiv gewirkt. Indem er den „Fortschritt" — nach seinem Sinne — auf seine Fahne schrieb, machte er sich zum Organe einer Partei, die dazu nur eine verschwindende Minorität der Judenheit ausmachte. - Indem er von den Juden „Verschönerung" des Gottesdienstes, das Aufgeben gewisser hergebrachter Uebungen und Bräuche forderte, um sich der neuen Emancipation „würdig" zu machen, ließ er außer Acht, daß diese neue Emancipation ein leerer Schall wird, wenn der Jude dafür, außer der Erfüllung seiner bürgerlichen Pflichten, dasjenige, was seinem Herzen und Gemüth am theuersten ist, hinopfern müßte. Vollends, als der „Schomer Israel" im Jahr 1878 durch Berufung eines Gemeindetages die Errichtung eines Rabbinerseminars in Lemberg par force durchsetzen wollte, rief er durch Verhetzung und Erbitterung der Orthodoxen einen Sturm im ganzen Lande hervor, welcher beinahe zu einer unheilvollen Spaltung des Judenthums in zwei feindliche Lager geführt hätte. Seit damals büßte der „Schomer Israel" fast jeden Einfluß im Lande ein, denn er hatte sich als Sachwalter einer Minorität entpuppt, und sich so zu der großen Masse des Volkes in einen gewissen Gegensatz gestellt. Inzwischen war ein neues Geschlecht herangewachsen. das in den im Laufe der Zeit polonisirten Mittelschulen erzogen, von polnischen Idealen durchtränkt, von polnischer Gesinnung erfüllt, aber dem Judenthum beinahe gänzlich entfremdet war. In der Hitze des Kampfes um seine „höheren" Ziele hatte der „Schomer Israel" es vergessen, für die ausreichende Besetzung der Mittelschulen mit berufenen Religionslehrern, oder für die Gründung besonderer Religionsschulen für die jüdische Schuljugend gehörig in die Schranken zu treten. Und so war ein Geschlecht entstanden, das dem Judenthum nicht nur kühl, sondern geradezu mit Abneigung gegenüberstand. Aus der polnischen Schule konnten sie wahrlich keine Liebe zum Judenthum mitbringen; und wo hätten sie dieselbe sonst erwerben sollen? — Kaum war diese neue Generation flügge geworden, als sie einen Verein ins Leben rief, der sich „Agudas Achim" nannte, und sich zur Aufgabe stellte, die Juden zu polonisiren. Allein nicht nur politisch sollten sich die Juden mit den Polen verschmelzen; die „Verbrüderung" sollte so weit getrieben werden, daß die Juden in ihren Bethäusern die polnische Sprache einführen, gänzlich polnische Sitten annehmcn, kurz in sich die polnische Cultur aufnehmen sollten. „Nichts als das Bekenntniß sollte ferner Israel verbinden." Die Juden in Galizien sollten Polen werden, aber „Polen mosaischen Bekenntnisses". Es war komisch zu hören, wie jene Herren in allem Eifer die Theorie vom „Polenthum mosaischen Bekenntnisses" vortrugen und erklärten, nichts von Israels Sprache, nichts von der Geschichte d.s Judenthums und seiner Literatur wissen zu wollen, Sitten, Bräuche und Tradition des Judenthums zu verwerfen, und nur die jüdische Religion, oder wie sie es nannten, das „mosaische Bekenntniß" beizubehalten, während sie nicht nur in den Religionsgesetzen völlig unwissend waren, sondern auch das Wenige, was sie wußten, schnöde mit Füßen traten. Indessen diese Theorie fand Anklang: Die Polen beglückwünschten die neue Richtung mit großem Enthusiasmus, nicht als ob sie die Juden so gern ans Herz zu drücken wünschten, sondern weil sie sich davon eine erhebliche Verstärkung ihres politischen Einflusses im Lande versprachen, und mit Hilfe der Juden über ihre Nebenbuhler, die Ruthenen, die ihnen früher im Bunde mit jüdischen Wählern eine Niederlage beigebracht hatten, bei den bevorstehenden Wahlen zu siegen hofften. Auch in manchen jüdischen Kreisen fand man diese Theorie sehr bequem, weil sie gestattete, die „lästigen" alten Bräuche im Namen des Patriotismus abzuschütteln, ohne vor die Nothwendigkeit gestellt zu werden, offenkundig mit dem Judenthum zu brechen; ferner konnte man durch die Verfechtung jener Anschauungen leicht in den Geruch des polnischen Patriotismus gelangen und sich die Gunst maßgebender christlicher Persönlichkeiten erwerben. — So Mancher ist dadurch in die Höhe gekommen! — Der Landesausschuß, welcher uoch nie eine jüdische Institution im Lande bedacht hat, der alle, selbst die von Juden gestifteten Stipendien, soweit sie ihm unterstehen, ausschließlich an Christen vertheilt, — der Landesausschuß stellte dem gedachten Vereine jährlich namhafte Subventionen zur Verfügung „in Ansehung seiner gemeinnützigen Thätigkeit." Die überwiegende Mehrzahl der Vereinsmitglieder waren Christen — und doch war der Verein eine Macht unter den Juden, denn er stand unter dem Schutze der einflußreichsten Körperschaften, und durfte sich herausnehmen, die öffentliche Meinung zu tyrannisiren und den Gang der inneren jüdischen Angelegenheiten regieren zu wollen. Das von ihm anfänglich in einem fürchterlichen Hebräisch, wie auch in polnischer Sprache redigirte Organ, wurde von den Juden so gut wie gar nicht gelesen, und doch spielte es sich zu einem Organe des Judenthums auf und maßte sich an, der jüdischen Bevölkerung Vorwürfe ins Gesicht zu schleudern, die von den judenfeindlichsten Blättern im Lande gierig aufgefangen und weitercolportirt wurden. Ein hervorragender Vertreter dieser Partei, der zugleich ein jüdisches Ehrenamt bekleidete, hatte sogar einmal die — Kühnheit, im Tempel, ange-