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Der Israelit · 1893-01-23 · Heft 7 (23.1.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 7 (23.1.1893)
Date
1893-01-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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126 antisemitischen Anschauungskreis bannen, das ruhige Nachdenken wird sie lehren, daß zwischen jüdischem und christlichem Kapital, zwischen! semitischem und arischem Zwischenhandel ein Unterschied nicht exfftirt. Hat der Antisemitismus eine Berechtigung, dann hat er sie nur als Vorläufer der Sozialdemokratie! Das ist der Punkt, in dem ich mit dem Verfasser übereinstimme: Die wirthschaftliche und soziale Lage unserer Nation ist der Nährboden des Antisemitismus. sie erzeugt den Bacillus, der durch gewissenlose Agitation verbreitet und übertragen wird. Aber mit der klaren Erkenntniß dieser Grundursache gestehen wir auch offen als Juden unsere Machtlosigkeit, den Keim des Antisemitismus zu zerstören. Das Judenthum ist eine Religion, keine politische oder soziale Partei. Der Wahnwitz antisemitischer Lügner sucht dem Judentbum chimärische Weltdeherrschungspläne anzufabuliren. In einem religiös-jüdischen Blatte gilt es vor Allem zu constatiren, daß unsere Religion uns gebietet, gute Bürger unseres Staates zu sein, daß sie, indem sie die höchsten Ideen der Sittlichkeit proklamirt, den wahren Juden auch zum wahren Patrioten stempelt. Dagegen gibt es kein Dogma, das uns der einen oder anderen Partei verschreibt. Ich habe oben betont, daß Männer jüdischer Abstammung in allen politischen Lagern — sogar leider im antisemitischen — zu finden sind. Von Stahl, dem der moderne Konservatismus seine besten Geifteswaffen verdankt, bis zu Ferdinand La falle ist eine gewaltige Entfernung; auf allen Zwischengebietcn politischer Anschauung haben Juden in öffentlichem Wirken gestanden. Das Judenthum als religiöses Bekenutniß hat mit alledem nichts zu thun und — mögen unsere Glaubensgenossen vor den falschen Freunden sich hüten, die ihnen empfehlen, auf Grund ihres Bekenntnisses einer politischen oder sozialen Richtung sich zu verschreiben! Die besten Kräfte der Nation waren es, die unsere bürgerliche Gleichstellung in der Verfassung uns erstritten. Die Gleichberechtigung — unsere Magna Charta — stellt uns in die gleiche Reihe mit den Beklnnern anderer Religionen ans dem politischen Gebiete. Wir perhorresciren jene Parteirichtung, die als „christlich soziale" Protestantismus urd Politik confundirt, hüten wir uns vor einer „jüdisch-soüalen" Partei, auf die die Ausführungen Ihres Blattes hinzuweisen scheinen. Den Zusammenhang mit dem geistigen und politischen Leben der Nation wahrt sich der Jude am Besten, wenn er nach innerster Ueberzeugung zu den aktuellen politischen Fragen Stellung nimmt. Das Bewußtsein der Minorität macht ihn von selbst toler aut. Das wäre vielleicht der einzige Punkt, in dem es für die politische Stellung des Juden eine allgemeine Lehre aibt. Keine Gehässigkeit, keine Anmaßung — weder im politischen, noch im privaten Leben, im Uebrigen freies, überzeugungstreues Verhalten. Und nun zurück zu unserem Ausgangspunkte. Was mir die Feder in die Hand gedrückt hat. ist die Behauptung, der Jude sei dem arbeitenden Volke durch seine wirthschaftliche Sonderstellung entfremdet worden. Die Behauptung leidet an dem gleichen Grundübel, an dem die antisemitischen Argumentationen kranken. Man gcueralisirt: Man sieht die Bankiers und Großkaufleute, die Rentiers und Fabrikanten und vergißt die große, große Anzahl der Juden, die in hartem Lebenskämpfe um ihr täglich Brod ringen. Wären die „Juden" außer Berührung mit den Anschauungen der Arbeiterwelt — wie wäre es möglich gewesen, daß „Juden" an der Spitze der Sozialdemokratie und au der Spitze auch der von dem Verfasser gepriesenen Gcwerkvereins- und Produktivgenossenschaftsbewegung gestanden hätten? Wenn der Jude unserer Tage auf Etwas stolz sein darf, so ist es das, daß in den Reihen der Männer jüdischer Abstammung sich immer solche gefunden haben, denen u ich tS Menschliche fremd war. Das Judenthum lehnt es ab, f.ir die politische Anschauung seiner Bekenner eiuzustehen, cs ist stolz auf jede menschliche Großthat, die aus seinen Reihen hervorgeht und beansprucht, daß man den Inden im öffentlichen Leben betrachte, wie jeden anderen Bürger unseres Staates, dem religiös und politisch das höchste Recht zufteht: Die Gewissensfreiheit! Literarischer Bericht. Midrasch-Tehillirrr ... von Prof. Dr. theol. und phil. A u g. Wünsche. Trier. Sigmund Mayer 1892. Das zwei Bände darstellende, in 7 Lieferungen erschienene Werk liegt nun vollendet vor. Es ist hier die haggadische Erklärung der Psalmen, der Midraich-Tehilim, zum eisten Mal ins Deutsche übersetzt. Zu Grunde gelegt ist die T>xtausgabe des auf buieiu G biete meisterhaft bewahrten Salomon Buber. Herr Pros, ssor Wünsche hat durch flühere Publikationen ichou zur Genüge bewiesen, mit welchem Verständniß und welcher Feinfühligkeil er sich in den Geist der Midraschim eingelebt hat. Auch hier gtebt er wieder ein glänzendes Zeugniß

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