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Der Israelit · 1893-01-23 · Heft 7 (23.1.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 7 (23.1.1893)
Date
1893-01-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Beilage ju J 7 des „Israelit". Leitender Artikel. Zur Bekämpfung des Antlfemitlsmus. „Ich kenne die Vorschläge der Regierung nicht — aber ich mißbillige sie" — soll der selige Herr von Schweitzer, der Sozialdemokrat in Glacehandschuhen im Parlament geäußert haben. Justament so ergeht es mir mit den Vorschlägen, die im „Israelit" in aufeinander folgenden Reihe zur Bekämpfung des Antisemitismus vorgebracht werden. Sie haben, Herr Redacteur, das Thema zur Diskussion gestellt, geben Sie nun auch meinen bescheidenen Gedanken einen Raum! Wir leben „fin de siede.“ Eigenartig und krankhaft, wie die Rassenhetze, die ein Hohn ist auf den Geistesinhalt unseres Jahrhunderts, sind auch die Heilmittel zu deren Beseitigung. Jeder „doktort" auf diesem Gebiete und oft scheint einem die Therapie gerade so schlimm, als die Krankheit, gegen die sie wirken soll. Was dem armen Juden nicht Alles zugemuthet wird! Dem Einen ist er nicht loyal, nicht konservativ genug, dem andern nicht entschieden liberal und dem Dritten dünkt cs, als ob der Tropfen sozialistischen Oeles all dem Leid ein Ende machen könne! Der geistreiche Verfasser Ihrer Artikel scheint zur Klasse der Letzteren zu zählen. Wie merkwürdig! Das Manchesterthum mit seinem laissez faire, laissez aller hat gewiß literarische Vertreter jüdischer Konfession gefunden, seine geistigen Väter sind indeß keine Juden — der Sozialismus, die unbarmherzigste Kritik des kapitalistischen Systems zählt in der ersten Reihe seiner g e i st i g e n Vertreter Männer jüdischer Abstammung, die freilich dem religiösen Judenthume himmelweit entfremdet sind! So wenig Spinoza ein jüdischer Philosoph, so wenig ist Karl Marx ein jüdischer Sozialpolitiker, so wenig auch ist Ludwig Bamberg er ein jüdischer Politiker! Die geistige Anschmiegsamkeit der Juden mag ein Fehler sein, das geringste Recht sie zu tadeln haben die, die noch größere Vermischung mit dem nationalen Leben verlangen! Jeder Vorschlag ruft den Juden zu: Ihr müßt die oder jene Ueberzeugung vertreten — dann wird's besser! In Deutschland ist's der Zwischenhandel und die geistige Thätigkeit, in Rußland das Handwerk, in Frankreich Armee und Politik, in denen angeblich die Juden dominiren. Also — wendet Euch einem andern Berufszweige zu — und es wird besser werden! Mit andern Worten — man sucht in den Juden die Ursachen des Antisemitismus, anstatt sie bei diesem selbst zu suchen! Jedes bestehende Nebel fordert zu seiner Beseitigung eine Aenderung; jede Krankheit eine Krise! Aber wo liegt denn die Krankheit? In dem Judenthume, in den Menschen, die dem jüdischen Glauben angehören in den verschiedensten Kulturnationen, kn deren Reihen jede politische Anschauung und jede Art der Erwerbsthätigkeit ihre Vertreter findet oder nicht vielmehr in unserer ganzen Zeit- und Weltanschauung und den wirthschaftlichen Verhältnissen der Kulturnationen selbst? Das Judenthnm ist gewohnt der Prügelknabe zu sein für alle Uebel, für die Beschränktheit, Unverstand und Fanatismus keine erklärliche Ursache fanden. Im Mittelalter war's die Pest und der schwarze Tod, für die die Bekenner unserer Religion bluten mußten — heute ist's die wtrthschaftliche Depression, wegen deren die Juden „gehauen" werden. Gevatter Schneider und Handschuhmacher, bei denen Soll und Haben nicht stimmt, verunglückte Literaten, die sich in der zeitgenössischen Presse nicht genügend gewürdigt finden, Projektenmacher, die kein liebevolles Erbarmen bei dem allmächtigen Kapital finden, Politiker , die nicht reüssiren, alle kennen den Grund ihres Unglücks: den Juden! Und daneben die große Klasse arbeitsamer und fleißiger Männer, denen es nicht gelingt, des Lebens Sonnenseite zu gewinnen, die den Contrast zwischen mühelosem Erwerb, vollem Genießen und aufreibender Arbeit oyne Erfolg beklagen, auch bei ihnen zündet das Stichwort, das eine Lösung ihnen bieten soll für ihr Grübeln: Der „Jude" ist schuld an Allem! Wer in dem Sozialismus das Allheilmittel sieht für die Gebrechen unserer Zeit, für den ist auch der Antisemitismus einfach abgethan: als „Sozialismus der Dummen" — wie Engels ihn genannt hat. Gerade weil die Sozialdemokratie das einfache Schlagwort bietet für alle Unzufriedenen, ist sie auch die Partei, die am wenigsten von dem Antisemitismus angekränkelt ist. Mit dem mephistophelischen: „Hab ich doch meine Freude dran" sieht sie auf diese Bewegung. Breite Volksmassen, die bei aller Roth der Zeit durch festgewurzelte historische Anschauungen mit der jetzigen Gesellschaftsordnung verbunden waren, werden auf die Disharmonie ihrer sozialen Lage aufmerksam gemacht, einer revolutionären Bewegung gewonnen. Die Leidenschaft des Augenblicks mag sie in den

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