Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1893)
- Date
- 1893-01-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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der meinen Vater entführen sollte, auf der gefrorenen Schwabach hinter dem Maueilhirrm einstellen und sobald eine Flamme aus der Dachöffnung hcrausschlagen würde, die Leiter, die ich schon angelehnt finden würde, emporsteigen, am Dache meinen Vater in Empfang nehmen, ihn heruntertrageu, in den Wagen setzen und dann rasch fortfahren, um möglichst bald die Antzbach'sche Grenze zu überschreiten. Die ganze Sache war von Deidelsheimer und dem Kerkermeister mit geradezu bewundern?werther Klugheit und Umsicht vorbereitet und ins Werk gesetzt worden. Um einen Vorwand zu haben, eine Leiter an der Hinterseite des Thurmes anzulegen — (was aus dem Grunde nicht die geringste Veranlassung zum Verdachte bot, weil sich auf dieser Seite in der Mauer kein Fenster oder sonst eine Oeffnung befand), hatte der Kerkermeister an diesem Tage den Wetterhahn am Thnrme anstreicheu lassen; und Deidelsbeimer, der mir Ruhe, Besonnenheit und Math emflößen wollte, versicherte, daß sich mit Gottes Hilfe dus Reltungswerk viel rascher und minder schwierig als wirerwartet haben, ausführen lassen werde. „Es war eigenthümlich, ich konnte vor heißer, verzehrender Ungeduld, den entscheidenden Moment nicht erwarten, und doch hätte ich ihn, je näher er mit seiner ganzen Furchtbarkeit und Verantwortlichkeit heranrückte, aufschieben mögen. Die Nacht zuvor, jene vom 19. auf den 20. November vermochte ich vor Aufregung fein Auge zu schließen. Ich hatte noch nie so inbrünstig gebetet, als au diesem Tage. Um 3 Uhr Nachmittags stand der Wagen, den Deidelsheimcr für eine sehr große Summe für unsere Erpcdition gemiethet, vor dem Hause. Wenn wir jetzt fortfuhren, langten wir genau zur bcstimmicn Stunde au £M und Stelle an. W-r wollten nicht zu früh ankommen, wir wollten uns nur so kurze Zeit als eben nothwendig in der Nähe des Mauerthurms anfhalten. Wir alle viere, Mutter, Schwester. Deidelsheimer und ich setzten uns in den Wagen. Wir befanden uns in einer so fieberhaften Aufregung, daß wir wie Espenlaub zitternd, während der ganzen Fahrt nicht eine Sylbe sprachen. Erst als wir in einiger Entfernnng den Mauerthurm gewahrten und bei dessen Anblicke wieder vor verstärkter Aufregung zusammenschauerten, fühlte sich Deidelsheimer gedrängt, uns, um unser niedergebengtes Gemüth aufzurichten. etwa? Tröstliches, Beruhigendes zu sagen und sprach: »Ich sehe es schon: Gott, dorueh hu*) ist mit uns! Es war die ganze Zeit so furchtbar kalt, seit ein, zwei Tagen hat der Frost nachgelassen, cs ist heute fast so warm, wie an einem Frühlingstage. Das erleichtert unseres jungen Herrn Aufgabe. Es wäre keine Kleinigkeit bei starkem Froste einen Menschen am Arme, eine hohe Leiter herabzusteigen. Uebrigens junger, gnädiger Herr, war er fortgefahren, bin ich noch immer bereit dies an Ihrer Stelle zu übernehmen; — natürlich lehnte ich seinen edelmüthigen Vorschlag wieder entschieden ab. „In der Nähe des Mauerthurms lenkte der Kutscher auf die Eisfläche des Flusses ein, und als wir etwa vierhundert Schritte vom Mauerthurm an einer Stromesbiegung angelangt waren, forderte Deidelsheimer, der Einzige von uns, der sich seine Ruhe und Besonnenheit bewahrt hatte, meine Mutter und meine Schwester auf, aus dem Wagen zu steigen und in der Mitte des Flusses uns mit dem Vater zu erwarten. Er begründete dies in so vernünftiger Weise, daß sich die Frauen fein» m Wunsche fügten. (Fortsetzung folgt.) 1) Gelobt fet er. Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, Monragö und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel zu beziehen bei E. F 11 i n n dt c r, Leipzig, Doszplah 16. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Österreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fi. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rücksendung von an die Redaktion eingcsandten Manuscripten findet nicht statt, man bittet deshalb fich von allen Einsendungen eine Kopie zurückzubehalteu. Inhalt </>auprblatt): leitender Anike : Gott jchüpe uns vor unst.en ,vini!i:u:t c.S nur-). — Z'-nnngsnachnchlen und Correspondenzen: Deutschland: Ans der Piovin; Slarkeubnrg. Wiesbaden. Mannheim. ^ranksari a. M. Buk. Danzig. — Oester.- Ungar. Monarchie: Wien. Prag. Budapest. — SchweizFranenfeld. — Ciiglund: London. — Italien: Neapel. — Feuilleton: „Für-stengnnst". Crzählrmg von S. Kohn, Verfasser von Gabriel. Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Zur Bekäinpfnng des Antisemitismus. — Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzcn: Deutschland: Mainz. Frankfurt a. M. — Oesrerr. Ungar. Monarchie: Lemberg. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Cxpedition des „Israelit", Schortstraste Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Job. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Nctien-Gesellschafi in Mainz. Hierzu eine Beilage.