Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1893)
- Date
- 1893-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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123 Kutscher. Deidelsheinier schrieb ferner, daß Winador mit seinen vorbereitenden Arbeiten schon weit vorgeschritten sei und künstlich, für die Entführung des Vaters, günstige Umstände geschaffen hätte. Er habe, wie Deidelsheimer mittheilte, schon das Dach geöffnet, aber die Ziegel wieder lose auf dasselbe gelegt, so daß nichts bemerkbar wäre. Ueberdies hätte der Kerkermeister, wenn er Sonntags eine Ablösungsstunde hatte und im Wirthshause mit den Kleinbürgern der Stadt bei einem Kruge Bier saß, jedem einzelnen derselben, als seinem einzigen, wahren Freund, unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit mitgetheilt, daß es im Mauerthurme spucke.. daß nicht nur er und seine Gehilfen, sondern auch die Soldaten der Wache mitten in der Nacht in der Zelle des Wunderrabbi deutlich Hammerschläge hören, und da der Gefangene an Händen und Füßen gefesselt sei, müßte auch der dümmste Mensch es klar und deutlich einsehm, daß dies nur von Geistern, die der große Kabbalist herbeibeschwöre, herrühren könne. In Ansbach ist das Volkvom letzten BauernknechtbiszumMarkgrasen hinauf im höchsten Grade abergläubisch und die Märchen des Kerkermeisters fanden um so mehr Glauben, als das meinem Vater angedichtcte Verbrechen, nur in dem Besitze von lasterhaften und Zauberbüchern bestand. Gespenstergeschichten finden rasch Gläubige und werden gerne mit Ausschmückungen und Erweiterungen verbreitet. Bald erzählten auch die Soldaten der Wache, daß sie verdächtiges Geräusch gehört, sich aber wohl gehütet hätten, diesen übernatürlichen Dingen nachzuspüren. Wenn der Kerkermeister mit den Soldaten und den Unteroffizieren Karten spielte, pflegte er tiefe Seufzer auszustoßen und wenn er um die Ursache seiner Traurigkeit befragt wurde, erklärte er, er befürchte, daß es mit ihm ein schlechtes Ende nehmen werde, daß der Rabbi, den man früher seiner Frömmigkeit, seiner Wohlthätigkeit und seines strengen Lebenswandels wegen, bei Juden und Christen nur den heiligen Herrn genannt hatte, seine allbekannte Wunderkraft dadurch bethätigen werde, daß er ihn, das unschuldige Werkzeug der hohen Regierung, schwer strafen würde. Bald war man in der ganzen Stadt vollkommen überzeugt, daß es im Mauerthurme spucke und jeder hielt cs für eine Ehrenpflicht zu erzählen, selbst etwas Gespensterhaftes gesehen oder erlebt zu haben. Einer behauptete — und das war der Einzige von Allen, der nicht gelogen — er hätte zu nächtlicher Stunde aus den Dachritzen einen verdächtigen Lichtschimmer durchdringen sehen; — ein Zweiter ging schon weiter und behauptete, er hätte mit seinen beiden gesunden leiblichen Augen gesehen, wie eine weiße Gestalt aus dem Kerker hervorgeschwebt und in eitel Dunst zerfloffen wäre. Ein junger Soldat hatte bei seiner ewigen Seligkeit geschworen, er hätte den Gefangenen, seiner Ketten frei in der Luft fliegen sehen, und er, der vor nichts erschrecke, hätte seiner Pflicht gemäß sein Gewehr auf die Gestalt abgefeuert, aber die Kugel wäre wie an einem Stahlpanzer abgeprallt — und er hätte von der Höhe herab so deutlich lachen hören, das selbst ihm, dem Unerschrockenen, das Blut im Herzen vereiste. Allein statt, daß ihn seine Kameraden ausgelacht und verspottet hätten, wurde er über seine Unerfahrenheit und seinen am Unrechten Orte angewandten Diensteifer, höchlich getadelt und ihn versichert, daß er es ganz gewiß nur den Verdiensten einer besonders frommen, 'längstverstorbenen Großmutter oder Urgroßmutter zu danken habe, daß er bei diesem thörichten Kampfe mit überirdischen Mächten so glimpflich weggekommen. Alle diese Märchen und Spuckgeschichten, welche sich plötzlich in der ganzen Umgebung verbreiteten, chatten zur Folge, daß sich jedermann hütete, des,Nachts vor dem Mauerthurme vorüberzugehen und lieber einen großen Umweg machte, und das war es, was Albert Winador bezwecken wollte." „Halb Deutschland glaubte in der That", sprach Wertheimer, „daß Ihr Vater unter Mitwirkung übernatürlicher Kräfte aus dem Kerker entkam. Selbst hier fand dieser Unsinn sogar in den höchsten Kreisen Gläubige." „Diese Berichte beruhigten mich, weil ich daraus zu erkennen glaubte, daß der Kerkermeister sein Wort ehrlich einlösen, seinen großen Lohn redlich verdienen wolle; aber je näher der Tag unserer Abreise rückte, desto bedrückterfühlte ich mich davon, daß mich Mutter und Schwester begleiten wollten. Ich versicherte ihnen, daß ihre Nähe mich befangen machen würde; — aber Mutter und Schwester versicherten mir, wenn sie in diesem wichtigen Momente fern von mir sein müßten, sie dies vor Angst und Spannung nicht überdauern könnten, daß sie wahnsinnig werden oder sterben müßten, und an meiner entsetzlichen Aufregung erkannte ich, daß das, was sie behaupteten, vollkommen wahr sei. „Am 18. November 1717 trafen wir mit unserem treuen Deidelsheimer in einem, der Ansbach'schen Grenze nahegelegenen Städtchen zusammen. Er war überrascht, daß- Mutter und Schwester mitgekommen, er mißbilligte ihr Vorhaben, während der Entführung des Vaters in der Nähe zu verweilen, er führte dieselben Gründe wie ich, aber auch eben so erfolglos wie ich, dagegen an. „Daß unser treuer Deidelsheimer bei mir war, gewährte mir große Beruhigung. Er hatte alles mit Winador vorbesprochen. Am 20. November kurz vor Mitternacht sollte ich mich mit dem Wagen,