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Der Israelit · 1893-01-23 · Heft 7 (23.1.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 7 (23.1.1893)
Date
1893-01-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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-r-TT'-" 7 118 seres bürgerlichen Glückes uns wahrt und sichert. Es ist dies von jüdischer Seite schon so oft betont und so glänzend nachgewiesen worden, daß es keinem unbekannt sein kann, der in der Moral des Talmud so bewandert ist, wie es unser Pamphletist von sich behauptet. Jedoch nicht nur von jüdischer, auch von christlicher Seite ist dieser Vorwurf bereits in seiner ganzen Grundlosigkeit dargestellt worden. Es sei hier nur an Englands berühmtesten Historiker, Macaulay, erinnert, der im Jahre 1831 eine Abhandlung zu Gunsten der Emancipation der Juden geschrieben hat, in welcher er sich über diesen Gegenstand in folgender Weise ausspricht: „Aber, sagt man, in der Schrift steht, daß die Juden ihrem eigenen Vaterland wiedergegeben werden sollen und ihre ganze Nation blickt sehnsüchtig aus jene Wiederherstellung. Teßhalb sind sie nicht so interessirt an der Wohlfahrt Englands, wie andere. Es ist nicht ihre Heimath, nur der Ort ihres Aufenthaltes, die Zelle ihres Gefängnisses. Dieses Argument, welches zuerst in der „Times" erschien, und welches einen Grad von Aufmerksamkeit erregte, der nicht seiner innewohnenden Kraft, sondern dem bedeutenden Talente, mit welchem jenes Journal geleitet wird, zu verdanken iü, gehört jener Klasse von Sophismen an, durch welche die Hassenswerthesten Maßregeln leicht zu rechtfertigen wären. Leuten praktische Folgerungen aufzubürden, welche sie selbst bestreiten, ist unaufrichtig bei einem Rechtsstreite; in staatlichen Dingen ist es nichtswürdig. So kömmt die Prädestinationslehre nach der Meinung vieler Leute darauf hinaus, ihre Anhänger äußerst unmoralisch zu machen. Und gewiß, es möchte scheinen, als ob Jemand, der daran glaubt, daß seine ewige Bestimmung längst unwid rruflich feststehe, seinen Neigungen vermuthlich den Hügel schießen lassen und seine religiösen Pflichten vernachlässigen werde. Wenn er ein Sohn des Zornes ist, dann sind folglich alle seine Anstrengungen vergeblich. Ist er prädestinirt, am Leben zu bleiben, so sind sie überflüssig. Aber würde es weise sein, Jeden, der an dem strengen Glauben des Calvinismus festhält, so zu bestrafen, als hätte er wirklich alle die Verbrechen begangen, die, wie wir wissen, einige Arminianer begangen haben? Sicherlich nicht. Die Thatiache ist notorisch, daß es viele Calvinisten gibt, welche einen so sittlichen Wandel führen, wie ein Arminianer, und daß manche Arminianer so lüderlich sind, wie nur irgend ein Calvinist sein kann. Es ist geradezu unmöglich, von den Ansichten, zu denen sich Jemand bekennt, auf sein Gefühl und seine Handlungsweise zu schließen und in der Thal, Niemand ist ein solcher Narr, diesen Schluß zu ziehen, außer wenn er einen Vorwand braucht, um seinem Nächsten etwas anzuhängen. Einem Christen ist mit den heiligsten Geboten eingeschärft, in all' seinem Thun rechtschaffen zu sein. Und doch, wie vielen von den vierundzwanzig Millionen Bekennern des Christenthums auf dieser Insel, würde Jemand, der bei Sinnen ist, tausend Pfund Sterling ohne Sicherheit leihen? Wer nur einen Tag in seinem Verhalten von der Voraussetzung ausgehen wollte, daß alle Welt um rhu Herum unter dem Einfluß der Religion verfährt, der würde noch vor dem Abend seinen eigenen Ruin erleben. Es fällt auch keinem ein, in irgend welchen alltäglichen Beziehungen des Lebens, beim Borgen, Leihen, Kaufen oder Verkaufen durch jene Voraussetzung sein Thun bestimmen zu lassen. Aber, wenn es darauf ankömmt, eines unserer Mitgeschöpfe zu unterdrücken, dann steht die Sache ganz anders. Ja, dann > bringen wir eben die Gründe vor, von denen wir doch wissen, daß sie zum Guten schwach und nur in bösem Sinne allmächtig sind. Dann legen wir unseren Opfern all die Schändlichkeiten und Tollheiten zur Last, worauf, wenn auch noch so weit hergeholt, ihre Grundsätze augenscheinlich hinauskommen. Wir vergessen, daß dieselbe Schwäche, dieselbe Schlaffheit, dieselbe Neigung, auf die Gegenwart mehr zu achten, als auf die Zukunft, daß alles, was Menschen schlechter macht als eine gute Religion, sie besser macht als eine schlechte. Ganz in derselben Weise raisonirten unsere Vorfahren und raisonnirt noch in unseren Tagen dieser und jener über die Katholiken. Ein Papist hält sich für verpflichtet, dem Papste gehorsam zu sein. Der Papst hat eine Bulle! erlassen, kraft welcher er die Königin Elisabeth absetzte. Daher wird jeder Papist Ihre Majestät als eine Thronräuberin betrachten, daher ist jeder Papist ein Hochverräther.! Daher muß jeder Papist gehenkt, eingesteckt und geviertheilt j werden. Dieser Logik verdanken wir einige der gehässigsten j Gesetze, die jemals unsere Geschichte verunehrten. l Sicherlich liegt die Widerlegung auf der Hand. Die römische Kirche mag diesen Leuten befohlen haben, die Königin als eine Thronräuberin zu betrachten. Aber sie hat j ihnen manche andere Dinge geboten, welche diese nie befolgt j haben. Sie schärft ihren Priestern ein, den reinsten Lebensj Wandel zu beobachten. Ihr rügt an ihnen doch immerfort! ihre Zügellosigkeit. Sie befiehlt ihren Angehörigen Mildthätigkeit gegen die Armen, keine Zinsen zu nehmen, keine z Duelle auszufechten, kein Schauspiel zu besuchen. Gehorchen j sie diesen Befehlen? Wenn es Thatsache ist, daß sehr Wei nige von ihnen ihren Vorschriften genau Nachkommen, sobald diese Vorschriften ihren Leidenschaften und Interessen zuwiderlaufen, sollte dann nicht Treue, sollte dann nicht Menschlichkeit, sollte nicht die Vorliebe für ein Leben in Ruhe, nicht die Furcht vor dem Tode hinreichend sein, sie abzubalten, diese verruchten Befehle zu vollstrecken, welche die Kirche Roms gegen Englands Herrscher erlaffen? Wenn wir wissen, daß Viele unter ihnen sich um die Religion nicht so viel kümmern, einen Freitag ohne Ochsenbraten zu verbringen, warum sollten wir uns verstellen, daß sie würden Gefahr laufen wollen, für diese ihre Religion gefoltert! und gehängt zu werden? Man raisonnirt jetzt über die Juden, wie unsere Väter über die Papisten raisonnirten. Das Gesetz, welches auf! den Mauern der Synagoge geschrieben steht, verbietet Habsucht. Aber fiele uns ein, zu sagen, daß ein Jude als Pfandverleiher das ihm Verfallene nicht eintreiben werde, j weil Gott ihm geboten, seines Nächsten Haus nicht zu bej gehren, Jedermann möchte sich denken, daß wir von Sinnen i sind. Und doch gilt es für ein Argument, wenn man sagt, j ein Jude nehme kein Interesse an der Wohlfahrt des Lanj des, in welchem er lebt, ein Jude kümmere sich nicht darum, j wie schlecht im Lande die Gesetze und die Polizei, wie es \ übermäßig besteuert sei, wie oft es erobert worden und der \ Plünderung anheimgefallen sei, darum nämlich, weil Gott - verheißen hat, daß vermöge irgend welcher unbekannter Mit- \ tel und Wege und zu irgend welcher unbestimmten Zeit, i vielleicht von heute über zehntausend Jahren, die Juden nach I Palästina wandern sollten; liegt darin nicht ein über die > Maßen gründliches Verkennen der menschlichen Natur? Wissen wir nicht, daß das, was entlegen und unbestimmt ist, den Menschen weit weniger berührt, als das, was naheliegend und fest bestimmt ist? Das Argument paßt übrigens^auf Christen, strenglgenommen, wie auf Juden. Der Christ glaubt ebenso wie der Jude, daß zu irgend einer künftigen Zeit die jetzige Ordnung der Dinge ein Ende nehmen wird. Ja, viele Christen glauben, daß der Messias binnen Kurzem ein Königreich auf Erden stiften und über alle Unterthanen deffel-

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