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Der Israelit · 1893-01-19 · Heft 6 (19.1.1893) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 6 (19.1.1893)
Date
1893-01-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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104 ob etwa die D.'s christlich wäre? Was würden wohl die Antisemiten beschimpfende Prädikate zur Hand haben, wenn ein sogen. Judenjunge das neue Testament öffentlich brandschatzte, ohne eine Zeile öffentlich lesen zu können? Als eine Erniedrigung müsse er cs betrachten, mit D. überhaupt sich einzulassen, er thue es, um den ungeheuerlichen Behauptungen auch den letzten Schimmer von Berechtigung zu entreißen. Karo soll in Krakau einen Schulchan Aruch abgefaßt haben? Soviel Worte, soviel Unwahrheiten. Das Werk heißt Lchnlchan Aruch von Karo zu Zafeth im lO Jahrh. abgefaßt. Die Vorschriften des Schulchan Aruch sind weder für ihn, noch irgend einen gläubigen Juden bindend, wenn sie nicht nachweislich im Talmud begründet sind. Der Talmud ist aber auch nicht ein abgerissen dastehendes Lehrgebäude des Raubes für die Juden, sondern eine Sammlung von Gesetzen und Auslegungen, welche sich an das alte Testament anschlteßen. Kein Talmudist könne auch nur mit einem Buchstaben der Bibel widersprechen. Wer den Talmud besudelt, der thut es auch mit dem alt. Tesiam., welches doch mit die Grundquelle des christl. Glaubens ist. Im Talmud komme nicht einmal der Name Christ vor, da sein Inhalt, wenn auch später niedergeschrieben, doch hauptsächlich in vorchristliche Zeit falle. Selbst die römischen Schriftsteller der ersten Jahrhunderte erwähnen nur selten der Christen, weil deren Gemeinschaft damals politisch keine Bedeutung hatte, welche Veranlassung sollten dazu die Talmudisten haben, welche in Persien ohne Beziehung zu Christen lebten? Wie können ehrliche Christen den Talmud angreifen, da dessen Autoren zugleich Lehrer der Evangelisten und Apostel waren! Bekennt sich doch Paulus (Apost gesch. 22, 3) als Schüler Gameliels, warum verräth er nicht, daß G. ihn zu rauben, plündern, betrügen, gelehrt? Die Lehren der Bergpredigt und die meisten neutestamentarischen Gleichnisse finden sich als in ihrer ursprünglichen Quelle im Talmud und den Midraschim, was schon daraus zu beweisen sei, daß hier neben diesen Stoffen auch gleichzeitig der Schristvers angeführt ist, aus dem sie hergeleitet werden. Diese Auffassung bekennen auch ehrliche protestantische Theologen. Unter gespannter Aufmerksamkeit verliest Redner drei längere Briefe eines evangelischen Geistlichen, welche seine Behauptung bestätigen. Dan. sucht die Verlesung der Briefe zu verhindern, das Publikum jedoch verlangt dringend die weitere Verlesung. Den thatsächlichen Inhalt der Ausführungen über Talmud und Schulchan Aruch erklärt Herr Dr. Fink als eine fortlaufende Unwahrheit vom Anfang bis zum Ende. Er legt dem gegenüber aus Grund der bezügl. Stellen aus Maimonides, die er gern zu Protokoll geben möchte, die Stellung des Judenthums zu Andersgläubigen dar. Redner weist mit Nachdruck daraufhin, daß wir denselben nicht gleich andern die Seligkeit ab-, sondern ausdrücklich zusprechen. Selbst Heiden gegenüber müsse man alle Werke der Barmherzigkeit und Liebe üben in gleichem Maße wie gegen Juden. Wenn ein Jude Weihnachtsbäume mache, so könne er selbst es nicht billigen und müsse es dem Betreffenden überlassen, mit seiner eignen Person dafür einzustehen. Hat denn dieser Herr seine Weihnachtsbäume etwa im Aufträge der Judenheit oder nur der jüdischen Gemeinde Hierselbst ausgeschmückt? Wie fern gerade den Juden irgend eine Verletzung der christl. Religion liege, könne er thatsächlich beweisen. Schon mehr als sieben Jahre bei der streng gläubigen christl. Familie des Malers Otto Fangmann zu Aurich wohnend und mit derselben freundschaftlichen Verkehr pflegend, möge jedermann feststellen, ob er je deren Religion auch nur um ein Haar breit zu nahe komme. Er werde vielmehr in jedem Jahre zur Theilnahme an der Weihnachtsfeier eingeladen, sollten gläubige Christen das thun, wenn sie auch nur ahnten, daß er ihre Religion mißachte? Wenn die maßgebenden Politiker es als zum Wohle des Vaterlandes dienlich erachten sollten, daß man 50 pCt. des Kapitals zu 3 pCt. festlege, so hätte er gegen diese Maßregel nichts einzuwenden, nur müßte man christl. und jüdisches Kapital in gleicher Weise heranziehen. Er will in Bezug auf Patriotismus keinem Deutschen auch nur um ein Haar breit nachstchen. Wie sein religiöses Empfinden durchaus jüdisch, so seien seine patriotischen Gefühle absolut deutsch. Mit aller Eutschiedenheit verwahre er sich gegen die Unterstellung, nicht deutsche Gesinnungen zu hegen. Gerade von diesem Standpunkt müsse jede Ausnahmemaßregel gegen Juden mit Empörung zurückgewtesen werden. Em schwache Minderheit zu Gunsten einer starken Mehrheit unter gewaltsamen Maßregeln benachtheiligen, das ist Raub. Wie komme er als evang. Theologe dazu aufreizen zu wollen? Beweise D. von Bleichröder das riesenmäßige Anwachsen des jüd. Kapitals, dann beweise er von Krupp das noch ungeheuer größere des christlichen. Daß viele Juden nach den großen Städten zögen, stehe zwar fest, allein es geschieht nicht aus Uebermuth, sondern vorzüglich aus Nahrungssorgen. Das platte Land entvölkere sich immer mehr in Folge der gesetzlichen Freizügigkeit. In Berlin laufen unzählige Arbeitslose umher, während die ostpreußischen Junker stets über Mangel an Arbeitern klagen. Das Gesetz, welches diese Mlßstände heraufbeschworen, hätten Juden nicht gemacht, sie seien aber zu allererst bereit, ihre Kräfte anzustrengen,

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