Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 6 (19.1.1893)
- Date
- 1893-01-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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102 Kirche fein Raum vorhanden sei für die gehässigen Bestrebungen des Antisemitismus. Der neuernannte Fürsterztischof selbst wurde über Gebühr fl» lobt und als ein besonders erleuchteter Kopf hinarstellt, von dessen Amtsführung man sich gerade im Kampfe gegen den Antisemitismus eine schätzenswerthe Hilfe Verspreche. Dr. Kohn, den bis dahin in weiteren Kreisen kein Mensch gekannt hatte, bekam mit einem Male eine förmliche Berühmtheit, und Bedeutung auf den Leib zugeschnitten, die bei den ernster und nüchterner denkenden Leuten Kopfschütteln erregten. Und heute? Heute ist jener Freudenrausch schon längst vorüber. Jetzt wissen wir, daß Dr. Kohn antisemitischen Anschauungen huldigt, daß er sich in seinen akademischen Voilesurnen in einer so rücksichtslosen und haßerfüllten Weise gegen die Juden zu äußern pflegte, daß man ihn den Fritsch, Stöcker, Förster und Liebermann von Sonnenberg ruhig an die Seite stellen kann. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich für uns die Lehre, daß wir uns bei Bekämpfung des Antisemitismus weniger auf Andere, als vielmehr auf uns selbst verlassen, daß wir viel mehr der überzeugenden Kraft unserer Gründe, als dem Hinweis auf irgend ein Wort aus dem Munde einer Autorität vertrauen sollen. Wenn wir selbst nicht im Stande find, die Richtigkeit unserer Anschauungen durch Vernunftgründe zu erhärten; wenn die Inden, um die der ganze Streit sich dreht, nicht schon durch ihre ganze Lebensführung uns den Beweis erbringen helfen, daß die maßlosen Vorwürfe, die ihnen unterschiedslos gemacht werden, völlig unbegründet sind, so werden wir im Kampfe gegen den Antisemitismus niemals Erfolge zu verzeichnen haben, mögen auch noch so viele Autoritäten in interessanten Büchern, geistvollen Zeitungsartikeln und herzergreifenden Reden sich m.t uns einverstanden erklären. Insonderheit sollte man in unseren Reihen nicht vergessen, daß unmöglich von den christlichen Geistlichen uns eine ernste und nachhalrige Förderung im Kampfe gegen den Antisemitismus erwachsen kann. Das Chnstenthum hat schon durch seine Geschichte eine antijüdische Tendenz. Daß in den niederen Klassen des Christenthums die Worte ihrer Geistlichen, die den Juden freundlich gesinnt sind, wie leere Dünste verhallen, Worte des Hasses und der Anregung zum Neide dagegen auf überaus günstigen Boden fallen, dies bedarf eines weiteren Beweises nicht. Aber auch in den „intelligenteren" Gesellschaftskreisen bleiben die Zeugnisse christlicher Geistlichen zu Gunsten des Judenthums gar häufig wirkung-los. Also nicht von den christlichen Geistlichen und nicht von berühmten oder sonstwie hochstehenden und einflußreichen Männern kann den Juden die Erlösung kommen. Der Kamps mit Autoritäten ist ein Kampf mit hö z rnen Schwertern. Sre zerschellen beim ersten Wuffengang und geben dann den, der sich auf sie verließ, wehr- und schutzlos dem Gegner pre s. Von diesem Standpunkte aus beurtheilt, war es grundfalsch, daß unlängst die Berliner israelitische Gemeindevertretung sich an d n Kai'er wend n wollte, mit der Bitte um Schutz. Angenommen selbst den allergünstigsten Fall, daß nämlich der Kaiser sich veranlaßt gesehen hätte, ein paar Worte der Mißbilligung des Antisemitismus zu äußern — ist man denn wirklich naiv genug, zu glauben, daß dies auf die Antisemiten irgend welchen Eindruck gemacht, glaubt man im Ernste, daß dadurch der Gang unserer innerpolitrschen Entwckelung auch nur im Mindesten berührt worden wäre? Etwas Derartiges als möglich annehmen, hieße die wahre Natur des Antisemitismus gründlich verkennen. Der Antisemitismus ist seinem innersten Wesen nach revolutionär. Möge er sich auch aus Gründen der Zweckdienlichkeit einstweilen noch nach Außen hin in das fadenscheinige Mäntelchen einer schäbigen Loyalität hüllen, seine ganze Agitationsweise zeigt deutlich genug, wie wenig ernst es ihm ist mit dieser Loyalität. In seiner Krttik der bestehenden Zustände ist der Antisemitismus umstürzlerisch, indem er das V rlrauen in die bestehende Rechtsordnung untergräbt und eine Neuordnung der Dmge anstrebt, die selbst dem klaren Wortlaut der Verfassung widerspricht. Der Antisemitismus zieht seine agitatorische Kraft und seine revolutionäre Leidenschaft aus den schlechten sosialen Verhältnissen, und so lange die Zustände, denen er seine Entstehung und seine bedrohliche Ausdehnung verdankt, keine Umgestaltung erfahren, so lange über ihre eigentlichen Ursachen nicht die genügende Ausklärunq im Volke verbreitet ist, kann von einem nahen Ende des Anlisem tismus nicht die Rede sein. Die Bewegung mag ihre Zeiten deS Hochganges und ihre Perioden des Niederganges h.iben; Ebbe und Flurh mögen auch hier einander folgen, ohne daß jedoch die Bewegung selbst versiegte. Und da sollte das Wort eines Monarchen, dessen persönliche Einflußnahme schon durch die Befassung gewisse Schranken gezogen sind, genügen, um eine Bewegung, die mit so elementarer Gewalt auftritt und deren Contaginm so ersehn ckend rasch umsichgreift. in enge Schranken zu bannen? Das konnten nur unverbtsserliche Optimisten erhoffen, denen zudem jedes Verständniß fehlt für das eigentliche Wesen der antisemitischen Bewegung.