Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 6 (19.1.1893)
- Date
- 1893-01-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang. Beilage zu M 6 des „Israelit". Leitender Artikel. Zur Kritik der Adwrhrbestredungen. (Von einem Germanen.) Die christliche Theologie scheint in einem großen Theil ihrer Vertreter schon längst die Weiterarbeit an dem Ausbau der religiösen Heilswahrheiten aufgegeben zu haben. Nicht mehr in den Höhen der ethischen und theosophischen Spekulation bewegen sich ihre Vertreter, sondern immer zahlreicher steigen sie hinab in die Niederungen der Tagespolitik und ihres gehässigen Gezänkes. Böse Beispiele verderben minder böse Sitten. Wenn die Amtsbrüder sehen, wie ein Stöcker, der Jahre lang sonder Scheu die schlimmste Hetze gegen Andersgläubige betrieb, sich heute in gewissen Kreisen eines großen Ansehens und eines mächtigen Einflusses erfreut; wenn ihnen ferner zum Bewußtsein kommt, daß dieser Mann weniger wegen seiner wissenschaftlichen Veldienste und erst recht nicht durch einen makellosen und einwandfreien Lebenswandel es zu Ruf und Namen gebracht hat, dann mag leicht in dem einen oder andern von ihnen der Wunsch aufsteigen, es jenem gleichzuthun und mit denselben Mitteln dasselbe Ziel anzuftreben. Dünn gesäet sind heutzutage diejenigen christlichen Geistlichen, welche die Betheiligung an der antisemitischen Hetzarbeit für eines echten Christen unwürdig halten und die den Muth besitzen, dies öffentlich auszusprechen. Kein Wunder daher, daß die Gegner des Antisemitismus, so oft ein solcher Mann auftritt, den Fall gebührend verzeichnen und daran ihre Betrachtungen knüpfen. Dagegen, daß auf solche Vorkommnisse hingewiesen wird, läßt sich in der That nichts einwenden, wohl aber gegen die Art und Weise, in der dies geschieht. Die Anhänger der Abwehrbestrebungen sind da in ihren Aeußerungen manchmal etwas zu überschwänglich. Sie vergessen ganz und gar, daß der Priester, der sich gegen Religions¬ und Racenhaß öffentlich ausspricht, im Grunde genommen, doch nur seine Pflicht thut, und weil sie dieses vergessen, erheben sie die Handlungsweise solch' eines Mannes bis zu den Wolken und übersehen dabei ganz und gar, daß die Stimme dieser Prediger in der Wüste in der Regel wirkungslos verhallt. Auf der andern Seite wiederum sind derartige übertriebene Lobeserhebungen geradezu schädlich. Wenn die Gegner des Antisemitismus den Meinungsäußerungen eines christlichen Geistlichen eine so hohe Bedeutung beimessen, sobald dieselben ihren eigenen Anschauungen entsprechen, so können sie schließlich auch gar nichts dagegen einzuwenden haben, daß ihre Gegner sich wiederum mit Vorliebe auf andere Geistliche berufen, die ihren eignen Ansichten huldigen, die Antisemiten sind. Es steht dann Geistlicher gegen Geistlicher, Autorität wider Autorität, und entschieden wird dadurch gar nichts. Ueberhaupt bin ich der Ansicht, daß Seitens der Abwehrleute der Kampf gegen den Antisemitismus viel zu sehr unter Berufung auf diese oder jene Autoritäten und viel zu wenig mit wirklich einleuchtenden Gründen, sowie durch beweiskräftige Thatsachen geführt wird. Ob dieser oder jener berühmte oder unberühmte Mann sich für oder gegen den Antisemitismus, für oder wider die Juden geäußert hat, das kann uns eigentlich ziemlich gleichgiltig sein. Für jedes derartige Citat, das unfern Anschauungen günstig ist, können die Antisemiten mit einem andern Ausspruch aufwarten, der von ebenso beachtenswerther Seite herstammt und ihre Ansicht als gerechtfertigt erscheinen läßt. In einem besonderen Falle hat dieses Verhältniß sogar eine drastische Illustration dadurch erfahren, daß die Judenhetzer in Leipzig ein Flugblatt veröffentlichten, welches Aussprüche Moltke's gegen die Juden enthielt, während kurz darauf der Verein zur Abwehr des Antisemitismus ein Gegenflugblatt herausgab, in dem spätere Aeußerungen Moltke's angeführt wurden, die den Juden günstig lauteten. Wie hier Moltke wider Moltke, so wurde in einem andern Falle sogar Luther gegen Luther hüben und drüben ins Treffen geführt. Im Friedeberg-Arnswalder Wahlkampf haben die letztgedachten beiden Flugblätter eine gewisse Rolle gespielt. Mit einer solchen Kampfesweise erreicht man, wie gesagt, gar nichts — ganz abgesehen davon, daß es nicht gerade für unser unbedingtes Vertrauen zur Güte unserer eigenen Sache zeugt, wenn wir fortwährend nach Eideshelfern ansspähen, die durch das Gewicht ihrer Autorttät unsere Meinung stützen und bekräftigen sollen. Auch kehrt sich die Autoritätensucht, an der viele unserer Mitstreiter bisher krankten, manchmal ganz empfindlich gegen uns selbst. Als unlängst Dr. Kohn zum Fürsterzbischof von Olmütz ernannt wurde, da fanden manche Blätter, die den jüdischen Interessen dadurch zu dienen glaubten, kaum genug Worte des Lobes und der Anerkennung darüber, daß — wie dieser Fall aufs Unzweideutigste beweise — in der katholischen