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Der Israelit · 1893-01-19 · Heft 6 (19.1.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 6 (19.1.1893)
Date
1893-01-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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in Empfang nehmen. Ihr kennt Euch denken, hatte ich darauf erwiedert, daß ich selbst der Mann sein, daß ich dies keinem zweiten Menschen auf der Welt überlassen werde. Albert Winador ließ einen beifälligen Blick über meine kräftige, biegsame Gestalt gleiten und sprach: Das ist mir recht lieb, denn das macht das Gelingen schon viel wahrscheinlicher, was ich sowohl in Ihrem als meinem Interesse wünsche. Es gehört große Geistesruhe und ein sicherer Blick und Tritt dazu, mit einem Menschen auf dem Arm, in totaler Finsterniß, in strengem Froste herabzusteigen und man befürchten muß bet dem leistesten Fehltritte mit seiner kostbaren Last kopfüber in die Tiefe hinabzustürzen!" „Es ist merkwürdig", sprach Wertheimer, „daß Ihnen der Mann, die Ausführung seines Planes so schwierig schilderte; er sollte ja befürchten, daß Sie dies abschrecken, von Ihrem Vorhaben abhalten, er um die große Summe, die er von Ihnen zu erhalten hoffte, kommen würde?" „Das befürchtete Winador nicht", erwiederte Fränkl. „Ich hatte offenbar den Eindruck auf ihn gemacht, daß nichts auf Erden mich von der versuchten Rettung meines Vaters abschrecken könnte, auch wird ihm Deidelsheimer dies schon früher gesagt haben; — allein es war auch ihm an dem Gelingen unseres Planes gelegen, auch er hatte bei dem Mißlingen große Gefahren zu befürchten, er wußte, er werde mich nun nicht früher als in der entscheidenden Stunde sehen, in dieser sollte so wenig als möglich, am liebsten gar nicht gesprochen werden und er wollte mir daher schon heute dringenst die höchste Vorsicht empfehlen." „Sie sind trotz ihrer Jugend ein großer Menschenkenner", meinte Wertheimer, „ich glaube, Sie hatten vollkommen recht" „Bevor wir von einander schieden, machte der umsichtige Deidelsheimer noch auf einen Punkt aufmerksam, der besprochen werden mußte, nämlich wann und wo dem Kerkermeister die ihm, für sich und seine Gehilfen zugesagte große Summe ausgezahlt werden sollte. Winador glaubte, auf dem Dache, in dem Momente, als er mir meinen Vater entfesselt frei übergab, darauf aber ging ich nicht ein und sprach es offen aus, ich befürchtete, er könnte mich, wenn ich an der Spitze einer hohen Leiter, den Vater am Arme, wehrlos stünde, in die Tiefe Hinabstürzen, den großen Betrag behalten und überdies vom Markgrafen für den noch rechtzeitig vereitelten Fluchtversuch, reiche Belohnung einheimsen." „Was antwortete der Kerkermeister auf diese Ihre offenherzige Aeußerung?" frug Perez Markbreiter. „Er sah mich zuerst bestürzt, groß an, dann sprach er. Bei dem Heile meiner Seele, daran habe ich nicht gedacht; das wäre der niederträchtigste Schurkenstreich, der je verübt wurde; — abet ich nehme Ihnen Ihr Bedenken nicht übel, Sie besitzen eben nur einen Vater und nur ein Leben! Also — Sie geben mir jetzt ein Angeld von tausend Gulden, — ich brauche ja auch zu den Vorbereitungen Geld — und geben mir den Betrag auf der Eisfläche des Stromes, bevor Ihr Vater in den Wagen steigt;.Sie sehen mir nicht darnach aus, als ob Sie mich um meinen wohlverdienten Lohn betrügen wollten. Schließlich kamen wir noch überein, daß er mir längere Zeit vorher ganz genau Tag und Stunde, wann ich an Ort und Stelle zu erscheinen habe, anzeigen sollte. Wir besprachen, daß er einen Boten an unseren Bankier, Jonas Meyer in Dresden schicken, mit einem Brief, dcffen Jnlage mir Meyer zumttteln sollte, so daß auch der Bote nicht wußte, daß er eine Korrespondenz zwischen dem Kerkermeister und mir vermittele. — Winador ließ nicht sehr lange mit seiner Anzeige warten. Ende October 1717 überbrachte mir ein Commis des königlich polnischen Hofagenten Meyer — dieser mochte eine so wichtige Botschaft als ein Brief aus Ansbach an mich enthalten mochte, nur einer verläßlichen Person anvertrauen — einen ununterschrkbenen Brief, welcher lautete: Ich werde mein Wort pünktlich am 20. November einlösen, und erwarte, daß Sie den bewußten Betrag selbst abholen werden. Albert Mitterna cht. Ich mußte sofort die Vorbereitungen zu der wichtigsten Reise, die je ein Mensch mit schwer belastetem Herzen unternommen, treffen. — In dem hellaufflammenden Feuereifer, in dem glühenden Verlangen den geliebten Vater aus seinen Höllenqualen zu erlösen, hatte ich mir in fast wahnsinniger Ueberhebung, Übermenschliches zugetraut; jetzt aber erkannte ich, und auch Mutter und Schwester erkannten dies, daß ich zu dem schwierigen Werke, das ich beginnen wollte, mindestens eines treuen Genoffen bedurfte, und wo sollte ich unglücklicher, verbannter Mann einen kräftigen, entschlossenen, vor keiner Gefahr zurückbebenden Menschen finden, dem ich unbedingtes Vertrauen schenken, — und von dem ich die höchste Anhänglichkeit und Hingabe erwarten konnte? Wo konnte ich, in der mir fremd gewordenen Heimath, einen Wagen und einen verläßlichen Kutscher finden? Wohl hatten Mutter und Schwester erklärt, mich zubegleiten, und in dem Momente des Ausbruches aus dem Kerker in der Nähe zu bleiben; aber wir alle erkannten es, daß ihr Beistand ein höchst unzulänglicher wäre.

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