Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 6 (19.1.1893)
- Date
- 1893-01-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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95 kürlich ersonnenen sein dürfen, daß sie im Einklang stehen müssen mit der historlschen Entwickelung unserer Wirthschaftszuftände, daß die soziale Abhülfe sich im wesentlichen darauf beschränken muß, dem nach Gestaltung ringenden neuen Leben Geburtshelferdienste zu leisten, möge dabei ausdrücklich betont werden. In diesem Sinne aufgefaßt, ist thatsächlich der Sozialismus das einzig wirksame Mittel gegen den Antisemitismus. Sobald die unzufriedenen Elemente, wenn auch nicht klar erkennen, so doch nur zu fühlen und — wenn das Wort gestattet ist — instinktiv zu ahnen beginnen, daß nicht die Juden, sondern ganz andere Ursachen und Verhältnisse die soziale Nothlage erzeugt Haben, unter der Christ und Jude, soweit sie nicht genügend kapitalkräftig sind, seufzen, ist der antisemitischen Verhetzung der Boden abgegraben. Das Volk bedarf dann keines Sündenbockes mehr; es hat die wirklich Schuldigen erkannt, nicht in einer einzelnen Person oder einer Mehrheit von Personen, sondern in den Ueberbleibseln einer im Absterben begriffenen Produktionsstufe, die neuen, lebens- und entwickelungsfähigeren Formen auf diesem Gebiete weichen und detzhalb von allen Betheiligten in gemeinsamer Arbeit abgetragen werden muß. Von allen Betheiligten, auch von den Juden, die, wie gesagt, ebenso sehr unter der Ungunst der sozialen Verhältnisse zu leiden haben wie die Nichtjuden — wenn auch bei oberflächlicher Beobachtung das Gegentheil der Fall zu sein scheint. I Mit dieser Erkenntniß, welche ich durch die geistig hochstehenden Juden, durch die jüdischen Gelehrten, Schriftsteller, Journalisten u. s. w. den jüdischen Mitbürgern vermittelt sehen möchte, müßte dann auf Seiten der Letzteren das Bestreben Hand in Hand gehen, im praktischen Leben die Nutzan-! Wendung zu ziehen aus einer solchen Auffassung der! Dinge. Die Juden haben manche Eigenschaften, j die, an der richtigen Stelle verwerthet, gerade bet j den unausbleiblichen sozialen Neugestaltungen von i unschätzbarem Werthe sein würden. Ihre Geschäfts- | tüchtigkeit, ihre Findigkeit, ihre geistige Regsamkeit l und Beweglichkeit läßt sie als vortnsfliche Bundesgenossen der Arbeiter erscheinen, da wo diese im! Begriffe stehen, sich von der privatkapitalistischen Produktionsweise zu emanzipiren und zur genossenschaftlichen Produktion überzugehen. Da ferner diese Zwischenform der genossenschaftlichen Produktion, die j auf dem Untergrund der kapitalistischen Wirthschaftsordnung sich aufbaut, nur dann mit Aussicht auf El folg in Thätigkeit treten kann, wenn sie kapitalkräftig genug ist, um den Wettbewerb aufzunehmen*). *) Die produktive Arbeitergenossenschaft hat vor den privaten Geschäftsunternehmungen in der heutigen Gesellkönnten die Juden bei ihrer intimen Kenntniß des Geldmarktes und der Kanäle, durch die das Kapital dem Verkehr zugeführt wird, den Arbeitern auch durch Kreditbeschaffung schätzenswerthe Dienste erweisen. Kurz und gut: in der sich gegenwärtig herausbildenden neuen Produktionsform, deren erste Keime schon hier und da schüchtern aus dem Erdreich hervorlugen, würden unsere jüdischen Mitbürger vielseitig verwendbar sein. Sie könnten da gerade auf dem Gebiete der Geschäftsleitung, des Waarenumsatzes und des Geldverkehrs sich nützlich erweisen und Niemand würde sie deßhalb für Ausbeuter, Wucherer u. dgl. halten, eben weil sie hier eine vorhandene Lücke ausfüllen würden. Und wenn sie dann gleichzeitig dafür sorgen wollten, daß ihre Kinder von jetzt ab immer mehr der eigentlichen Produktion zugeführt würden, die ja in Zukunft eine ganz andere Form und Gestalt annehmen und den Arbeiter wirthschaftlich in ganz andere Verhältnisse stellen muß, als die, über die er heute so bittere Klage führt, dann wäre die Vorbedingung gegeben zur völligen wirthschaftlichen und staatsrechtlichen Verschmelzung des Judenthums mit dem Nichtjudenthum — die einzige Verschmelzung beiläufig, die ich für nothwendig, nützlich und wünschenswerlh halte. Heute kann man es keinem Vater, dem noch eine andere Wahl bleibt, verdenken, wenn er seinen Sohn nicht Handwerker und nicht Arbeiter werden läßt. Das Handwerk ist im Niedergang begriffen, und der Arbeiter ist gar schlimm daran. Das wird und muß aber anders werden. Wie wir gesehen haben, ist der Entwickelungsprozeß, der zu einer zeitgemäßen Umgestaltung der Produktionsverhältnisse hinführt, im vollen Gange. Mit diesem naturgemäßen Prozeß steht in engstem Zusammenhang die Thatsache, daß bei der heutigen Wirthschaflsweise nur noch die mit ganz großen Kapitalien ausgerüsteten Unternehmer ihre Rechnung fi.lden, während die minder kapitalkräftigen häufig genug unter die Räber der wirthschaftlichen Entwickelung gerathen und dann gar elend daran sind. Der wirthschaftliche Concentrationsprozeß vollzieht sich mit unheimlicher Promptheit. Der größere Besitz saugt den kleineren auf. Daneben her läuft deutlich erkennbar die wirthschaftltche Tendenz, die Produktion der Einzelinitiative aus der Hand zu nehmen und an ihre Stelle die Gemeinwirthschaft in irgend welchen Formen zu setzen. Die Produktivgenossenschaften, welche sich schaft den großen Vortheil voraus, daß sie selbst bei geringerem Kapitalbesitz konkurrenzfähig ist, wenigstens dann, wenn sie sich auf die Erzeugung von Maffenkonsumartikeln verlegt. In diesem Falle hat sie einen festen Rückhalt an den übrigen organisirten Arbeitern, die ihr einen sicheren! Absatz ihrer Produkte gewährleisten. Anm. d. Vers. J