Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 6 (19.1.1893)
- Date
- 1893-01-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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94 uns Mängel Vorhalten und solche erfinden, dann wollen wtr ihnen nicht eine ägyptische Finsternis zum Vorwurf machen, sondern uns freuen, daß aller Haß, alle Anfeindung die Lichtseiten nicht verdecken können, die in unserer Mitte erkennbar sind. Sind sie doch weithin in den Flammenzügen der Liebe und des Mitgefühls sichtbar geworden, als es nöthig wurde, unfern Brüdern im Osten beizusvringen, die auch unter dem Drucke des modernen Mizrajims ein gar bitteres Dasein führen. Doch, wie einst Gott dem Moses ein Herz gab, sein Volk aus Aegyptens Finsterniß zu reißen, so sind auch in unserer Mitte hochherzige Männer erstanden, die sich die Lebensaufgabe gesetzt haben, ihr Volk aus den Sklavenbanden des „neuen Kö nigs, der in -Aegypten erstand", zu befreien. Und dabei wird die göttliche Hilfe nicht fehlen. Wie einst die Plagen Pharaos erstarrtes Herz zur Nachgiebigkeit zwangen, so hat das göttliche Strafgericht die finsteren Gauen Rußlands getroffen. Wie ein bibl. Bericht aus Aegyptens Strafzeit klingen die Schilderungen von der Noth, dem Elend in den Gebieten des nordischen Pharaos. Darum wollen wir in diesen Tagen der Finsterniß, trotz erneuter Verfolgung nicht verzagen. Erhalten wir das Licht in unserer Mitte! Und wie schon in den Vorstellungen aller Heidenvölker des Alterthums das Licht im Kampfe mit der Finsterniß den Sieg davon trägt, so werden auch wir siegreich aus dem Drange hervorgehen, wenn von uns jederzeit wie von unfern Altvordern in Aegypten gesagt werden kann: iix rrn ^>nien Wn. Niemals erlosch in den Wohnungen das reine Licht der Thora, das reine Licht edler Menschlichkeit. Morschkäge zur Bekämpfung des Antisemitismus. in. Gegen die Fluth des Antisemitismus können Dämme aufgeworfen werden! Mit dieser Bemerkung schlossen wir das vorige Kapitel, und wir wiederholen dies heute! Man blicke hin auf die Sozialdemokratie! Möge man dieser Partei nachsagen, was man wolle, so wird man doch zugeben müssen, daß sie ehrlich bemüht ist, den Volksmassen eine plausible Erklärung der gegenwärtigen wirthschaftlichen Lage, eine Darlegung der Ursachen zu geben, auf die das Massenelend zurückzuführen ist. Mögen die Endziele, auf welche dre Sozialdemokratie hinsteuert, wegen des großen Maßes von persönlicher Unfreiheit, das mit der Verwirklichung des Zukunftsstaats-Sozialismus für den Einzelnen verknüpft sein würde, auch sehr anfechtbar sein, ihre Kritik der bestehenden Zustände und ihre Auffassung von dem historischen Gewordensein dieser Zustände ist es schon weniger. In dieser Hinsicht stehen die verschiedenen sozialistischen Schulen einander ziemlich nahe, und man kann mit der Sozialdemokratie in vielen Stücken völlig übereinftimmen, ohne deßhalb alle ihre Schlußfolgerungen anzuerkennen. Doch nicht darum, ob die Sozialdemokratie Recht oder Unrecht hat, handelt es sich hier, sondern lediglich um die Feststellung der Thatsache, daß innerhalb dieser Partei kein Raum ist für den Antisemitismus. Die sozialdemokratische Kritik der herrschenden politischen Oekonomie vernichtet die Bakterien des Antisemitismus ebenso sicher, wie der Trockenofen die physischen Ansteckungsstoffe vernichtet. Daraus ergiebt sich für den unbefangenen Beurtheiler doch wohl von selbst die Lehre, daß die Verbreitung einer, wenn auch rohen, volkswirthschaftltchen Erkenntniß eine sicher wirkende Gegengabe ist gegen die antisemitische Verhetzung. Der Umstand, daß einige Juden in der Sozialdemokratie großen Einstuß haben, beweist wohl am besten, wie völlig wirkungslos gerade an dieser Partei die antisemitischen Verhetzungs- und Verführungsversuche, an denen es ja unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes und unter Stöckers Oberleitung nicht fehlte, abgeprallt sind. Natürlich hat auch der Umstand, daß einzelne Juden sich von Anfang an für die Emanzipationsbestrebungen des vierten Standes interessirten und auf diesem Gebiete sogar tonangebend waren, indem sie zuerst mit scharfem Blick die kommende wirthschaftliche Entwickelung voraussahen und die Arbeiter in eindringlicher Weise auf die Ursachen der wirthschaftlichen Mtsöre hinwiesen, das Seinige beigetragen zur völligen Ueberbrückung der ursprünglich etwa vorhandenen Gegensätze zwischen Juden und Nichtjuden innerhalb des Rahmens der Arbeiterpartei. Ich möchte gewiß hier der Sozialdemokratie nicht das Wort reden, in der ich nichts weiter, als eine der primitivsten und rohesten Verpuppungen erblicke, in die der Gedanke der sozialen Neuordnung sich bis jetzt gekleidet hat. Aber ihr Beispiel ist beweiskräftig für meine Zwecke, deßhalb führe ich es an. Die These, die ich beweisen möchte, lautet: Der Antiseniitismus läßt sich nur durch den Sozialismus überwinden. Ich bemerke ausdrücklich, daß ich den Begriff des Sozialismus hier nicht im engen Sinne irgend einer Schule oder Partei auffasse. Für mich ist der Sozialismus der Inbegriff aller derjenigen Bestrebungen, die auf die Erkennung der Ursachen der vorhandenen Mißstände und auf Ausfindigmachung der Mittel zu ihrer Abstellung Hinzielen. Daß diese Mittel keine will-