Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1893)
- Date
- 1893-01-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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87 schule in Bayern dieser Ansicht ist, so berechtige das noch nicht zu der Folgerung, alle vorhandenen Neligionsbücher seien für die Moral der Juden nicht maßgebend. In der That haben beide Zeitungen aus dem Bericht des Herrn Dr. Deutsch etwas Falsches herausgelesen. Dr. Deutsch hatte in seinem Bericht gesagt: „Auf die zuletzt ergangene Aufforderung h. Kgl. Regierung theile ich gehorsamst niit, daß ein eigentliches, systematisch und methodisch geordnetes Lehrbuch der israelitischen Religion in hiesiger Präparandenschule nicht eingeführt ist, weil 1. keines der bisher erschienenen Lehrbücher dieser Art dem Bedürfnisse für Schulpräparandcn entspricht und weil 2. der eingehende Unterricht in den Quellenschriften der Religion, den wir ertheilen, cs als überflüssig erscheinen läßt, die religiöse Lehre noch nach einem systematisch geordneten Kompendium vorzutragen." Es handelt sich eben um die Thatsache, daß Herr Dr. Deutsch seinen Unterricht lieber nach den Quellenschriften erlheilt, als nach einem zurechtgestutzten Lehrbuche. Posen. Wie alljährlich, wurde am 2. d. M. die Seelcnaedenkfeier der hiesigen Israelitischen Krankenverpflegungs- und Beerdigunqsgesellschaft in würdigster Weise begangen. Die thätigen Mitglieder des Vereins, für welche dieser Tag als Fast- und Bußtag gilt, verrichteten ungeachtet der rauhen Witterung am früher Morgen an den Gräbern Gebete und versammelten sich zur Abendandacht in der Synagoge, um in statutarischer Weise der während des verflossenen Jahres He mgegangeneu zu gedenken. Am Abend waren die thättgen und eine stattliche Zahl beitragender Mitglieder im Keilerschen Saale beim Festmahl fröhlich beisammen. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Dr. Friedländer, erstattete Bericht über die Leistung des Vereins, wonach Einnahme durch Beiträge und Spenden und Ausgabe an Hauekranke, Durchreisende und an die Latzsche Krankenanstalt mit ca. 7000 Mk. balanzirteu; 41 männliche, 48 weibliche Leichen wurden unter jedesmaliger Anwesenheit eines oder mehrerer Vorstandsmitglreder zu Grabe gebeitet. Das Vereinsvermögen beläuft sich auf 86,400 Mark außer den 6000 Mark, welche durch Munificenz der Adr. Js. Heppnerschen Eheleute hier dem Vereine binnen Kurzem zugehen. Herr Dr. Friedländer, der als Vorsitzender und Arzt in hochherzigster Weise dem Vereine vorsteht, endete seinen Bericht mit einem Hoch auf den Aufsichtsrath. Nachdem der Vorsitzende des Aufsichlsraths, Herr R.-A. Salz, die mustergiltige, unverdrossene Thätigkeit des Vorstandes in einem Toaste hervor gehoben, sprach der Gemeinde-Rabbiner Herr Dr. Fetlchenfeld in erhebender Weise über die durch den Verein bethätigte wahrhafte Liebe und Treue. Der Vorsitzende des fast vollzählig erschienenen Gemeind Vorstands feierte in seinem Toaste den Herrn Gemeinde-Rabbiner und so folgte dann noch eine Reihe ernster und launiger Tischreden, worin die Verdienste der thätigen und beitragenden Mitglieder, insbesondere der Aerzte und — last not least — der am Tische anwesenden Ehrendamen gefeiert wurden. Von dem Jsr. Krankenverpflegungs Verein Jnowrazlaw war vor einer Zeit die Anregung zum Verbände sämmtlicher Israelitischer Krankenverpflegungs-und Beerdigungsgesellschasten der Provinz Posen ausgegangen und in einer Denkschrift dem Vorstande des hiesigen Vereins unterbreitet worden. Am Nachmittage wurde in einer mehrstündigen Sitzung des hiesigen und des Jnowrazlawer Vorstandes und des Aufsichtsrathes eine diesbezügliche Resolution gefaßt. Die Herren Delegirten aus Jnowrazlaw wurden an der Tafel feierlich begrüßt und Jeder derselben hat in anregender Weise von der hohen und heiligen Aufgabe des Vereins gesprochen. Herr Kantor Finkelstekn hat durch würdevollen Vortrag der üblichen Gesänge und Gebete wesentlich zur Hebung der Festesstimmung beigetragen. Die Feier dauerte bis 1 Uhr Nachts; ein Jeder der zahlreich Erschienenen ging mit dem Bewußtsein nach Hause, ein erhebendes Fest und einen heiteren, erquickenden Abend durchlebt zu haben. Oester.-Ungar. Monarchie. Krakau, 4. Januar. Die Clericalen haben im Lande eine anlisemilitsche Aciion eingeleitet, welche ein merkwürdrges Spiegelbild der ekgenthümlichen Verhältnisse und Zustände in Galizien bietet. Die große Armuth der jüdischen Bevölkerung in Galizien ließ annehmen, daß dem berüchtigten Geschäfts-Antisemitismus hier der wahre Untergrund, der gemeine Neid, fehle, und man hat die von nationalem Streben hierlauds hervorgerusene christlich-soziale Bewegung nicht ernst genommen. Eine unleugbare Thatsache ist es, daß auch unter dem galizischen Landvolke ein großer Nothstand herrscht, an dem zum großen Theil unsere Schlachta die Schuld trägt. Dies hat Professor Graf Stanislaus Tarnoswski in seiner vielbesprochenen Studie „Procye“, in welcher er die galizische Schlachta wegen des von ihr betriebenen eigenartigen Bauernwuchers schonungslos geißelte, überzeugend nachgewiesen. Die Krakauer Reforma hat in ihrem Blatte vom 26. Ocrober vorigen Jahres den Bericht eines galizischen Landtags-Abgeordneten veröffentlicht, der auf Grund persönlicher Wahrnehmung darlegte, daß der Nothstand, welcher die Ursache der Baueruauswanderung aus Galizien nach Amerika