Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1893)
- Date
- 1893-01-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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88 bildet, durch die Ausbeutung des Landvolkes seitens der Gutseigentbümer herbeigeführt wird. Statt aber den bäuerlichen Nothstand durch Anwendung rationeller Mittel zu beheben, werden nun seitens unserer Antisemiten in althergebrachter Weise die Juden für das Elend der galizischen Landbevölkerung verantwortlich gemacht. In jedem galizischen Bezirke soll eine landwirthschaftliche Genossenschaft (Kötko rolnicze) gebildet werden, jedes Mitglied derselben soll Beitrage leisten, um in allen Dörfern christliche Geschäfte zu errichten, damit der Bauer die Lebensmittel nicht mehr bei den Juden kaufe. Die frommen Mitglieder dieser antisemitischen Genossenschaften halten auch fleißig Versammlungen ab. Auf einer solchen, die hier vorige Woche unter dem Vorsitze des Prälaten Krzemienski und in Anwesenheit des Landescultur-Jnspektors R. v. Struszktewicz stattsand, hat ein bäuerlicher Redner in der heftigsten Weise gegen die Juden losgezogen, die Organisation christlicher Geschäfte in den Dörfern wurde eingehend besprochen und beschlossen. Diese Angelegenheit beschäftigt jetzt unsere Clericalen fast ausschließlich und bildet auch einen der Hauptpunkte des Programms des bevorstehenden polnischen Katholikentages. In zahlreichen galizischen Ortschaften hat man derartige christliche Geschäfte bereits errichtet, in welchen Bauern den Verkauf besorgen, um den Juden den Handel unmöglich zu machen, während den seit 800 Jahren in Polen ansässigen „Fremdlingen" andererseits auch das Recht, sich mit Agricultur zu beschäftigen, seitens der nationalen Chauvinisten abgesprochen wird Unbefangene Patrioten und gute Katholiken sprechen es aber offen aus, daß der von einigen Strebern ins Werk gesetzte unselige Feldzug gegen das Gros der sich kümmerlich vom Handel nährenden Juden ein Unglück für das Land sei. Statt durch Hebung der Industrie des Landes, durch Errichtung von die Landwirthschaft fördernden Fabriken dem nothleidenden Landvolke Arbeit zu verschaffen, sucht man unsinnigerweise den Bauer seinem eigentlichen Berufe, dem Ackerbau, zu entziehen und ihn in einen Geschäftsmann umzuwandeln, wozu er die Eignung nicht besitzt und wodurch die angeblich beabsichtigte Abhilfe des unter dem Landvolke herrschenden Nothstandes entschieden nicht herbeigeführt werden kann, während andererseits durch diese geplante Concurrenz gegen die jüdischen Kaufleute auf dem flachen Lande eine völlige Vernichtung der großen Masse der ohnehin armen galizischen Juden bewirkt werden wird. England. London, 10. Januar. Um die Fortsetzung seines Kolonisationswerkes auch nach seinem Tode zu sichern, hat Baron Hirsch die Antheilschelne an der „Vereinigung für jüdische Kolonisation", die er bisher besessen hat, an die „Anglo Jew. Affoc." in London und unter die hauptsächlichen jüdischen Gemeinden Europas und Amerikas verheilt. Asien. I Bokhara, im Dezember. Unser Emir Abi dul Ahad Chan hat nun in Begleitung seines 10- I jährigen Sohnes, den er in einer russischen Militärschule unterbringen will, und eines großen Gefolges von Hofbeamtcn und Dienern unsere Stadt verlassen, um sich mit der Transkaspibahn zum Kaspisce und von dort nach Petersburg zu begeben und dem Czaren den ihm schon längst in Aussicht gestellten Besuch abzustatten. Vor seiner Abreise von hier hat der Emir einen aus drei Ministern bestehenden Regentschaftsrath eingesetzt, der wähj rcnd seiner Abwesenheit die laufenden Staatsgeschäfte erledigen und für die Aufrechthaltuug der Ruhe im Chanate sorgen wird. Diese Reise des Emirs 8 hat unter den Israeliten hier große Hoffnungen 8 erweckt, da man erwartet, daß derselbe in Tiflis, ß Moskau. Petersburg, Warschau, Odessa rc., welche Städte er alle besuchen will, auch die Stellung unserer Glaubensgenossen, daselbst ftudiren und so zur Einsicht gelangen wird, daß der Jude sich gerne in Tracht und Sitten mit der übrigen Bevölkerung des Landes amalgamire und es ihm daher von Grund seiner Seele verhaßt sei, wenn er sich durch ein besonderes Kennzeichen von seinen christlichen oder mohamedanischen Mitbürgern unterscheiden müsse. Die Juden Bokharas dürsten so von dem Stricke, den sie bisher um den Leib gebunden tragen müssen, für immer befreit werden. Die Behauptung unserer Beamtenwelt, daß eigentlich nicht der Emir, sondern unsere noch immer fanatische Bevölkerung fordere, daß der Jude einen Strick um den Leib trage, ist nicht stichhaltig, da doch viele reiche und wohlhabende Juden hier statt eines Strickes aus Hanf einen solchen aus seiner weißer Seide tragen, und damit ganz unbehelligt selbst durch die mohamedanischen Stadtviertel gehen. Also weg^'mit dem Stricke! Die in dem benachbarten Taschkent erscheinende russische Amtszeitung hat vor Kurzem einen Artikel über das Schulwesen in Russisch-Turkeftan veröffentlicht in dem sie auch darauf hinweist, wie die Juden in Samarkand, Khokand rc. bestrebt sind, ihren Kindern eine gründliche Schulbildung zu Theil werden zu lassen, damit sie sich desto leichter durch's Leben bringen sollten. Genannte Zeitung meldet jetzt auch, daß ein französisches Consortium die Transkaspibahn, die jetzt in Samarkand endet, von dort über Chodschend