Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1893)
- Date
- 1893-01-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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84 lieber Herr, zu der irrigen Ansicht gelangen, daß die Rettung Ihres Vaters zu den Unmöglichkeiten gehört. Das ist aber nicht der Fall, nur müssen hierbei alle Umstände geschickt benützt werden. Ein solcher ist es, daß außer mir, meinend Gehilfen und etwa noch den beiden Commissären, welche regelmäßig den ersten jeden Monats die Zelle visitiren, kein Mensch in diese Zutritt hat. Wir können.daher sobald sich der Zeitpunkt sonst als geeignet darstellen wird, noch an demselben Tage, an welchem die Commssäre die Zelle untersucht haben, mit unseren Vorarbeiten beginnen und man kann, wenn man dreißig Tag Zeit hat, schon etwas Tüchtiges zu Wege bringen. Wir müssen! nämlich das Dach so weit abdecken, daß wir eine Oeffnung in demselben gewinnen, durch welche Ihr Vater ins Freie gebracht werden kann. Mit den zwei Gehilfen. die ich bis jetzt gehabt hatte, hatte ich nichts anzufangen vermocht; sie waren zu nichts Großem angelegt, sie hätten sich weder der großen Gefahr ausgesetzt noch der schweren Arbeit unterzogen — und sich damit begnügt mit leichter Mühe dadurch ein mäßig Stück Geld vom Markgrafen zu ergattern, daß sie mich denuncirt, an den Galgen gebracht hätten. Aber zum Glück ist einer der Beiden gestorben — und der Zweite, in Folge seiner Trunksucht und Völlerei, so krank, daß er zu dem beschwerlichen Dienste nicht mehr taugt und man ihn zum Teufel jagen mußte. Ich habe lediglich aus Rücksicht für Sie und Ihren Vater zwei tüchtige Kerle, die ich schon lange kenne und die man sich zu dem Geschäfte, das wir Vorhaben, gar nicht besser wünschen kann, zu diesem Amte empfohlen, und sie sind auch aufgenommen worden. Ich habe mit Beiden zusammen gedient, sie sind viel in der Welt berumgekommen und haben manches mitgemacht, was ihnen in der Welt strenger Sittenrichter gerade nicht zur Ehre gereichen würde. Einer von den Beiden, Dieterich Bückler heißt er, ist sogar kein ungebildeter Mensch, er ist ein verdorbener Student, von dem ich Ihnen im Vertrauen gestehen will, daß er eine Zeit lang ein Mitglied der berüchtigten Johann Wendler'schen Diebs- und Räuberbande war, die er erst dann verließ, als er der Behörde, nachdem ihm von dieser Straflosigkeit all seiner Verbrechen zugesichert wurde, deren Versteck verrieth, — und als der Kerkermeister bemerkte, daß ich bei der Charakterschilderung des Mannes, der bei der Rettung meines Vaters behilflich sein sollte, zusammenschauderte, fuhr er scherzhaft fort: Wenn Sie für Ihre Fräulein Schwester einen Gatten suchten, würde ich Ihnen allerdings diese Männer nicht empfehlen, aber zu dem beabsichtigten Zwecke kann man sich keine passendere wünschen, können Sie nicht mit Geld ausgewogen werden. . . . Mit Hilfe dieser beiden Leute werde ich die Oeffnung in dem Dache so erweitern, daß man durch diese Ihren Vater herausheben und auf das Dach wird setzen können. Ihn von da fortzubringen, wird dann Ihre Aufgabe sein. Es ist das nicht leicht, und auch das sage ich Ihnen voraus, es kann mißlingen, aber ich habe Aehnliches schon glücklich vollsühren sehen. Ich will Ihnen nun auch das Nähere über die Art der Ausführung mittheileu. Da eine Leiter, wenn sie den Dachrand des Thurmes erreichen soll, nicht ans dem schmalen Uferrand, sondern auf der EU fläche des Stromes aufgestellt werden muß, müssen wir abwarien, bis der Fluß gefroren ist. Die Leiter muß von einem starken Manne gehalten werden, um ein verhüugnißvolles Abgleiten zu verhindern. (Fortsetzung folgt.) Ter „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland l6 Reichs-Mark. 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