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Der Israelit · 1893-01-16 · Heft 5 (16.1.1893) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 5 (16.1.1893)
Date
1893-01-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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zwischen seinem Können und Wollen, zwischen Leistung und Prätension obenan. In keiner Zeit noch wurde über Lebensberechtigung, Lebenserforderniß und Wille zum Leben soviel gesprochen und geschrieben, wie gerade heute, und keine scheint, bet Lichte betrachtet, weniger Daseinsberechtigung zu haben, als gerade sie. Corruption und Sittenverwildernng begegnen dem Blicke, wohin er sich wendet, brutaler Egoismus und krasser Materialismus halten allerorten die idealen Regungen der Volksseele in ihrem Banne, das Recht des Stärkeren ist das Feldzeichen, dem wir folgen, und dabei hören wir immer und immer wieder den Sang, daß wir es gar herrlich weit gebracht in der Erkenntniß der höchsten Güter der Menschheit, daß wir klüger, besser und tüchtiger sind, als Alle, die vor uns waren, daß wir fortgeschritten genug sind, um die Schranken der Religion niederreißen und in der eigenen Brust die Leitsterne suchen zu können, denen wir folgen wollen. Schon hat sich denn auch eine Schule aufgethan mit der Inschrift: „Hier wird in soundsoviel Stunden Ethik gelehrt." Selbsttäuschung und Selbstüberschätzung sind die Götter unserer Zeit; was Wunders, daß auch der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde ihnen sich unterordnet d! Hat er cs doch jederzeit für seine erste und höchste Pflicht erachtet, dein Flügelschlage der Zeitgeschichte, der nichtjüdischen namentlich, seine ganze, gespannteste Aufmerksamkeit zu schenken, um sein Verhalten darnach zu regeln, und hat er es doch jederzeit seiner Würde und Bedeutung unangemesien angesehen, dem „Zcitgeiste" entgegenzutreten, und die von ihm ertrotzten Conzessionen, mochten sie auch mit der ausgleichenden Gerechtigkeit auf recht schlechtem Fuße stehen, zu verweigern. Als Ausfluß einer solchen Selbsttäuschung nur ist die Fiktion, die in jenen Kreisen herrscht, zu verstehen, als wäre der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde als Leiter der „ersten, jüdischen Gemeinde der Monarchie" dazu berufen, das preußische oder gar das deutsche Judenthum in seiner Gesammtheit zu vertreten; eine Fiktion, deren schönste Blüthe den Beschluß darstellt, der in diesen Tagen die allgemeine Aufmerksamkeit recht unliebsam beschäftigte, den Beschluß eine Adresse an den deutschen Kaiser aus Anlaß des antisemitischen Skandals zu richten. Die Phrase, daß Berlin die erste jüdische Gemeinde des Landes sei, tauchte W. zuerst in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts auf; sic sollte der Reform Vorspanndienste leisten und hat sie, dank der Gedankenlosigkeit der Masse, die für ihren Jndifferentismus nun gar noch mit hochtönenden Schmeicheleien belohnt wurde, auch wirklich gethan. Diese Phrase hat Wunder gewirkt, wie das Chassepot bei Mentana; sie hat der Orgel den Weg in das Gotteshaus der Berliner Gemeinde gebahnt, sie hat mit ihrem blechernen Klange die Proteste der vergewaltigten Minderheit übertönt, sie hat dazu geführt, daß alle Fragen, deren Prüfung dem Vorstände oblag, weit mehr nach dem Gesichtspunkte: „Was wird die Welt, die auf uns blickt, dazu sagen", als nach ihrem Wesen behandelt wurde. Nur so war es möglich, daß den Wortführern des „Centralvereins", die — man mag sonst, wie immer über ihre Bestrebungen denken — doch wenigstens den Vorzug eines scharf umschriebenen Programmes haben, Steine statt Brot gereicht wurden, daß die gewaltig anschwellende Agitation für Errichtung neuer Synagogen durch den Bau des Kunstiustituts in der Lindenstraße, die Forderung neuer Religionsschulen gar nicht beantwortet wurde. Es war auch hier der alte Faden, der fortgesponnen wurde, und der sich durch die ganze Geschichte des Berliner Vorstandes zieht: die Erwägung nämlich, ob derartige Bestrebungen der „ersten jüdischen Gemeinde" angemessen und würdig sind. Die Phrase war unwahr bet ihrer Erfindung; sie ist es heute, trotzdem inzwischen das äußere Wachsthum der Gemeinde, wie es in der Zahl zum Ausdrucke kommt, ungemein gefördert wurde, nur noch mehr. Es soll davon abgesehen werden, daß die Berliner Gemeinde mit ihren rund 80,000 Seelen in einer Bevölkerung von deren rund 1,600,000 weit hinter einer großen Anzahl anderer zurücksteht, sobald man nur das prozentuale Verhältniß der verschiedenen Religionsgesellschaften berücksichtigt. Es mag einmal das Axiom gelten, daß eine geschlossene Masse, wie die, über welche der Berliner Vorstand verfügt, einen höheren Werth in sich darstellt, als ihrem genauen Zahlenwerthe entspricht; spielen ja doch in unseren Tagen die „Imponderabilien" eine Hauptrolle! Aber, das Alles zugegeben, so erhellt daraus doch nur, daß Berlin die größte jüdische Gemeinde hat; ein wie weiter Schritt von hier aber bis zur ersten snoch ist, das erweist aufs Klarste die Geschichte der Berliner Gemeinde selbst. Wann jemals, außer zur Unzeit, ist denn ihr Vorstand sich dessen bewußt geworden, daß er die Repräsentattonspfllchten der „ersten" Gemeinde auszuüben habe, wann und wo hätte er diese Pflichien erfüllt, ohne anzustoßen und fehlmgreifen. Statt vieler Beispiele nur eines, das den Vorzug hat, noch aktuell zu sein: Welche F hler und Mißgriffe sind nicht bei der Bildung des „Centralcomiles für die russischen Juden" gemacht worden, wo die brauchbarsten Männer durch die „bekanntesten" ersetzt wurden?! Mau könnte solche und andere Fehlgriffe verzeihlich finden und mit der relativen Jugend der Gemeinde, die erst in das plötzlich weit gewordene Gewand hineinwachsen muß, entschuldigen; will doch

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