Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1893)
- Date
- 1893-01-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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79 und Empfindens zu schwimmen? Fürchtet Ihr das Urtheil der blinden Minderheit, die sich durch verschimmelte Gesetze gebunden fühlt und sich von dem fruchtbringenden Zusammenleben mit einer aufgeklärten Gesammtheit abschlietzt, um nicht Speise und Trank mit ihr zu theilen?! Der Werth des Talmud fteht in keiner Beziehung zu unseren Handlungen? Hat der Verfasser noch nie davon gehört, daß in Berlin eine, ja eine ganze Anzahl jüdischer Gemeinden besteht? Die Bildung jüdischer Gemeinden ist in der Bibel nirgends vorgeschrieben, sie ist eine Forderung des Talmud. Die Bibel schreibt jedem Vater vor, seine Kinder selbst zu unterrichten, der Talmud erst redet der Gründung jüdischer Schulen das Wort. Die Berliner Gemeinde hat ihre Schulen. Die Bibel schreibt nirgends die Pflicht des Gebets und noch weniger die Errichtung von Bethäusern vor. Berlin besitzt deren eine ganze Anzahl. Sie sind an den höchsten Feiertagen überfüllt, sie erweisen sich besonders am Versöhnungstag als unzulänglich, am Versöhnungstag, von dem unser Pamphlet an anderer Stelle sagt, „er sei für Tausende von Juden*) nicht mehr ein Tag der Andacht." Unser Pamphlet macht es seiner fiktifen Minderheit zum Vorwurf, daß sie sich in Speise und Trank von ihrer Umgebung abschließt, und die jüdischen Gemeinden Berlins haben ihre Schechtta, Schächter, Fleischschirnen, alles Institutionen, welche der Aufrechterhaltung unserer Speisegesetze dienen. Die Ehen werden nach dem Gesetze Moses und Israels geschloffen, die Knaben werden durch Beschnetdung nach Anordnung des Talmud in den Abrahamsbund eingeführt, und nirgends macht sich der Einfluß des Talmuds bemerkbar? Es ließen sich noch hunderte von Fällen und Fakten aufführen, mit welchen die Bekenner des Judenthums tabula rasa machen müßten, um auf den Standpunkt angelangt zu sein, den unser Pamphletist einnimmt. Alle diese greifbaren Unwahrheiten würden wir lächelnd ignoriren, mit ihnen wird das alte Judenthum nicht aus dem Sattel gehoben und das neue nicht lebensfähig. Im Gegentheil, nichts ist so geeignet, unseren nicht mehr in voller Treue dem alten Judenthum anhängenden Brüdern die Augen über den Abgrund zu öffnen, der vor ihnen gähnt, als ein solches Gebühren. Aber wogegen wir nicht schweigen können, das sind die dreisten nrvDö, die hämischen Verdächtigungen und Verleumdungen, als schlöffe die treue Beobachtung unseres Religionsgesetzes die Möglichkeit aus, uns als vollwichtige, treue Staatsbürger zu bewähren. Der Zurückweisung dieser gehässigen Insinuation müssen *) Von Juden? Wir sind ja gar keine mehr, sondern deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, und diejenigen, die keinen Jom Kippur mehr haben, sind es ganz gewiß. wir noch ein entschiedenes Wort der Abwehr folgen lassen. Wie die judenfeindliche Presse über diesen saftigen Bissen bereits herfällt, dafür lassen wir hier als Beweis die Aeußerungen der „Kreuz-Zeitung" und der „Neuen Westphälischen Volkszeitung" folgen. Die „Kreuz-Zeitung" schreibt: „Wie oberflächlich die Erkenntniß desien, was noth thut, selbst bei den Einsichtigen unter den Juden bleibt, zeigt eine soeben erschienene kleine Schrift: „Schutzjude oder Staatsbürger?" deutlich genug. Der Verfasier erhebt sich insofern über den Durchschnitt seiner Stammesgenossen, als er nicht mit jeder Handlung eines derselben durch Dick und Dünn zu gehen bereit ist, wie es die „anderen" meistens thun. Er leugnet nicht, daß es unter den Juden sehr bedenkliche Elemente gäbe, und verlangt, daß diese ausgestoßen würden. Er vermag sich aber nicht von der Fiktion loszumachen, daß sie nur eine kleine Minderheit bildeten, während die „Guten", die er sich offenbar als die große Mehrzahl denkt, bereit seien, allem zu entsagen, das insonderheit jüdisch ist, und sich als treue Söhne des Vaterlandes zu verhalten. Das wäre ja sehr schon, wenn die Thatsachen nicht immer wieder von neuem zeigten, daß es sich umgekehrt verhält, daß einer Minderheit gewiß achtbarer, vielleicht auch deutsch und patriotisch gesinnter Leute, eine weit überwiegende Masse gegenüber steht, die lediglich ihren altererbten Instinkten folgt und sich um nichts kümmert als um den Gewinn in seiner krassesten Gestalt. Ueber diesen Punkt werden wir uns mit dem Verfasser um so weniger einigen können, als er auch seinerseits alle Vorurtheile des Judenthums gegen diejenigen theilt, die nicht unbedingt zu dessen Füßen liegen. Zwischen christlichem und nichtchristlichem Antisemitismus weiß er nicht zu unterscheiden; beides fließt ihm in eins zusammen. Da wird er sich allerdings nicht wundern dürfen, wenn auch seine eigenen Unterscheidungen in Bezug auf das jüdische Wesen ohne praktische Bedeutung bleiben." Die „Neue Westphälische Volkszeitung" macht folgende Glosse: „Das Streben des Verfassers dieser Schrift ist als recht löblich anzuerkennen. Weßhalb aber schimpft er in den schroffsten Ausdrücken über den Antisemitismus, dessen Berechtigung er doch selbst anerkennen muß? Man darf doch nicht übersehen, daß die neuerdings von Juden ausgehenden Versuche, ihr Volk zu bessern, erst eine Folge der von Tag zu Tag wachsenden antisemitischen Stimmung im deutschen Volke sind. Man hätte die Fehler des Judenthums jüdischerseits schon früher mit Ernst rügen und auf Herrn Hofprediger Stöcker hören sollen. Empfiehlt nicht, wie dieser es schon vor 14 Jahren that, so jetzt auch der jüdische Verfasser der vorerwähnten Schrift den Juden „mehr Bescheidenheit" und „mehr Gleichheit"? Nur dazu scheint er sich noch nicht aufgeschwungen zu haben, ihnen auch „mehr Toleranz" anzuempfehlen. Indessen dazu kann und wird er auf dem Wege, den er betreten hat, aus Erfahrung am eigenen Leibe wohl auch noch kommen." (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzeu. Deutschland. Berlin, 25. Tewes. (Die Adresse des BerlinerGemeindevorstandes.) Unter den vielen unltebenswürdigen Eigenthümlichketten des ausgehenden Jahrhunderts steht das Mißverhältniß