Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1893)
- Date
- 1893-01-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Theil der deutschen Juden, dem es nur an einem Einigungsbande fehlt, hat nichts gemein mit jenen Zurückgebliebenen, die ihre Aufgabe in dem geeinigten Reich nicht begreifen wollen. Wer noch in seinem Gebet die alte Formel braucht: Im kommenden Jahr in Jerusalem — ist der ein Staatsbürger?"-Gibt es eine Minorität, die für sich etwas in Anspruch nimmt, was mit den Pflichten des deutschen Bürgers nicht zu vereinigen ist, so schütteln wir sie ab! Lösen wir jede Gemeinschaft mit ihnen und erklären wir das Jedem, der es hören will." Die rettende That, die nun vorgeschlagen wird, um jede Misöre abzustellen, besteht in sechs Sätzen, welche als Anschauungen der Mehrheit der jüdischen Staatsbürger vor der Oeffentlichkeit ausgesprochen werden sollen. Wir lassen zur Probe zwei davon hier folgen: „Wir sind nicht deutsche Juden, sondern deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens." „Unser Glaube und unsere Moral beruht nicht auf den Lehren vergangener Jahrhunderte, sondern auf den Anschauungen, die wir einer modernen nationalen Erziehung verdanken." Man darf billig bezweifeln, ob vor der Weisheit dieser beiden Sätze unsere Feinde die Waffen strecken werden. Der erste bekennt sich zum jüdischen Glauben. Man kann über den jüdischen Glauben denken, wie man immer will, daß er keine fixe Idee von heute und gestern, daß er etwas greifbares, nicht Jahrhunderte, sondern Jahrtausende Altes ist, darüber besteht kein Zweifel. Wie kann sich nun Jemand den jüdischen Glauben vind'ciren und in demselben Athemzuge sagen, daß sein Glaube nicht auf den Lehren vergangener Jahrhunderte beruhe? Der Glaube unseres Pamphletisten kann besser und schlechter, weiser und unweiser als der jüdische sein, er kann alles Mögliche und Unmögliche sein, nur nicht der Glaube des Judenthums, der jüdische Glaube des Judenthums, der jüdische Glaube. Es ist dies der einzige Grund, der es wünschenswerth erscheinen ließe, daß der Verfasser seinen Namen nicht verschwiegen hätte. Wir wissen nicht, wer derselbe ist. Die Anschauungen, denen wir hier begegnen, gleichen wie ein Ei dem anderen, denjenigen, die Herr Professor Lazarus und Rechtsanwalt Emil Lehmann zu vertreten pflegen. Hat einer der beiden Herren, oder einer ihrer Nachtreter dieses Pamphlet geschrieben, so würde es sich vielleicht empfehlen, wenn diese neue Glaubenssekte sich Lazaristen oder Bekenner des Lehmannismus nennen würden; der Glaube des Judenthums ist es jedenfalls nicht, kann es nach dem eigenen Geständntß nicht sein. Die fire Idee, die der ganzen Schrift zu Grunde liegt, ist die Voraussetzung, ihre fahnenflüchtigen Veilletäten entsprächen den Anschauungen der Mehrheit der jüdischen Staatsbürger. Die Bekenner des Judenthums werden gewöhnlich auf 7—8 Millionen geschätzt, von welchen ca. ein halbeMillionauf Deutschland entfällt. Daß die große, überwältigen de Mehrheit der Gesammtjudenheit auf dem Boden des überlieferten, einzigen, wahren Judenthums steht, das man zur Unterscheidnng das orthodoxe nennt, ist G. s. D. eine Thatsachee, die auch die vollendetste Verblendung nicht in Abrede zu stellen wagen wird. Daß aber auch die Juden Deutschlands mit dieser neuen Glaubenslehre nichts zu thun haben wollen, daß sie mit Entrüstung den Gedanken irgend einer Gemeinsamkeit mit diesem Herostratismus von sich weisen, welcher religiösen Schattirung sie auch angehören mögen, das erst beweisen zu wollen, wür» den wir als eine Beleidigung unserer Glaubensgenossen erachten. Wir haben in Nr. 3 dieser Blätter auf den Verfall des Judenthums in Berlin hingewiesen. So traurig derselbe auch ist, zu dem uns hier vorliegenden Unglaubensbekenntniß verhält sich selbst des officielle Berliner Judenthum wie Tag zu Nacht, wie Sein und Nicht Sein. An den hämischen Denunciationen gegen unsere Brüder und Schwestern, wie sie da zur Freude der Antisemiten in die Welt geschleudert werden, an der öden Religionslosigkeit, die hier wahrheitswidriger Weise als jüdischer Glaube ausgegeben wird, an diesen Flunkereien möchte doch selbst in Berlin kein anständiger Jude Theil haben. Man braucht nur die hier vorliegenden Tiraden mit der Wirklichkeit zu vergleichen. „Wer von Euch Allen kennt den Talmud? Wer hat ihn je gelesen? Wer von Euch hat darin geblättert, ja, wer hat ihn auch nur gesehen? Einer von Tausenden. Und sür unsere Frauen ist er eine Mythe nur. Was scheert mich die Moral des Talmuds, sie mag gut oder schlecht sein (ich weiß aus eigener Kenntnitz, daß sie gut ist), für mich ist er, wie sür die meisten von Euch kein bindendes Buch. Beherrscht unser Handeln denn ein anderes Gesetz, eine andere Ethik als unsere christlichen Mitbürger? Ist unsere Bildung eine andere? Habt Ihr nicht Alle die großen Gedanken der nationalen Dichter inbrünstig in Euch ausgenommen? (In der That eine schöne Religion, die auf den Gedanken der nationalen „Dichter" beruht Red.) Ist Eure Sittenlehre nicht die nämliche, wie die des andersgläubigen Nachbars? Warum in Feigheit den Vertheidiger eines alten Buches spielen, dessen Werth oder Unwerth in keiner Beziehung zu unseren Handlungen steht; warum nicht muthig bekennen, wir wissen Nichts von diesem Buche; und wenn es einst der Sittencodex unserer Väter war, der unsere ist es nicht? Fürchtet Ihr das Geschrei der Dunkelmänner, die lieber ihren spitzfindigen Geist an einer veralteten Sophistik üben, als mit dem Strom modernen Denkens