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Der Israelit · 1893-01-12 · Heft 4 (12.1.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 4 (12.1.1893)
Date
1893-01-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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66 nicht beseitigt, sie würde nur auf ein näher liegendes, mit den vorhandenen Machtmitteln erreichbares Ziel hingelenkt werden und gerade dadurch um so wirksamer sich bethätigen können. Durch die fortwährende Beschäftigung aber mit den erreichbaren Dingen, würde bei dem vorhandenen Praktischen Sinn und bei der Bildungs- und Anpassungsfähigkeit der Mafien auch die Eignung zu den Verwaltungsarbeiten sich auffällig rasch entwickeln, so daß an dem Mangel leitender Kräfte die neue Bewegung sicher nicht zu scheitern brauchte. „Ja, aber was hat denn dieses volkswirthschaftliche Collegium mit der Judenfrage und der Abwehr des Antisemitismus zu thun?" — werden nun meine Leser fragen. Nun: mehr, als manch' Einer glauben möchte — gebe ich zur Antwort. Wenn wir uns klar gemacht haben, daß die wirthschaftlichen Zustände wie bisher, so auch in alle Zukunft einem steten Wechsel unterworfen sein werden; wenn man weiterhin in Erwägung zieht, daß die Ideen und Anschauungen, die eine Zeit beherrschen, bis zu einem gewissen Grade beeinflußt werden von den Zuständen und Vorgängen auf wirthschaftlichem Gebiete, so wird man sich auch der Erkenntniß nicht verschließen können, daß zunächst unsere jüdischen Mitbürger, die jetzt unter dem Antisemitismus so empfindlich zu leiden haben, daß überdies wir alle, die wir den Antisemitismus bekämpfen, ein greifbares Jntercfie daran haben, den wirthschaftlichen Untergrund, auf dem diese Bewegung erwachsen ist, näher kennen zu lernen. Einen klaren Einblick in die wirthschaftlichen Verhältnisse hat man aber erst dann gewonnen, wenn mau nicht nur die bestehenden sozialen Zustände erkannt, sondern auch mit dem keimenden und knospenden Leben sich vertraut gemacht hat, das auf dem gesellschaftlichen Untergrund sich regt und sich zu gestalten beginnt. Sobald wir die Tendenz der gesellschaftlichen Fortentwickelung klar erkannt haben, können wir uns einrichten auf das Neue, welches kommen wird. Und cs ist heutzutage dringend erforderlich, daß man seine Zeit erkennen lernt und die Ideen, die sie in ihrem Schooße trägt. Ganz besonders nothwendig ist dies für unsere jüdischen Mitbürger, damit sie nicht als Fremdlinge leben in dem Volke, zu dem sie gehören durch eine vielhundertjährige gemeinsame Geschichte, sondern damit sie ihren Antheil beanspruchen können an den nationalen Ausgaben, jetzt wie ehedem. In früheren Zeiten, als es galt, dem Volke größere politische Rechte und Freiheiten zu erkämpfen, da stellte Juda wohl seinen Mann. In den vordersten Kampfesreihen waren damals die jüdischen Streiter zu finden, und noch heute leuchten aus der Vergangenheit ihre Namen zu uns herüber wie glänzende Sterne am Firmamente unserer Geschichte. Damals dachte gewiß im Volke niemand daran, einen Unterschied zu machen zwischen dem Juden und dem Germanen. Man kämpfte Schulter an Schulter, mau begeisterte sich an denselben Idealen, man war erfüllt von Einem Hasse nur und Einer Liebe! Von dem Hasse gegen die Unterdrückung und von der glühenden Liebe zur Freiheit. Für den Antisemitismus war damals kein Boden vorhanden. Auch jetzt kämpft das deutsche Volk wieder einen Emanzipationskampf, der es einer höheren Stufe der Gesittung zuführen soll. Diesmal aber spielt, der Kampf sich ab auf wirthschaftlichem Gebiete. Eine neue Produktionsform steht im Begriffe, hier und da sich durchzusetzen und die Hütten der bisher herrschenden Form zu sprengen. Das geht nicht ab ohne großes Unbehagen für die kämpfende Partei, die bis jetzt wirtschaftlich unfrei war und allen Zufälligkeiten eines unsicheren Erwerbes ausgesetzt, die beides aber nicht länger bleiben will. Um so beschwerlicher gestaltet sich für sie der Kampf, als die Vertreter der bestehenden Ordnung der Dinge so erschreckend wenig Verständniß haben für die historische Nothwendigkeit, die diesen Kampf geboren. Und da sollten nun die Juden, die von Alters her des Fortschritts Freunde gewesen, theilnahmslos bei Seite stehen, wenn das deutsche Volk ihrer Intelligenz und Energie zu seiner Unterstützung bedarf? Ich glaube, daß es genügt, vorstehend in knappen Strichen den volkswirtschaftlichen Entwickelungsprozeß gekennzeichnet zu haben, um manchen intelligenten Juden zu veranlassen, von jetzt ab diesen Vorgängen ein lebhafteres Interesse zu widmen, als er ihnen bisher entgegengebracht hat. Mehr aber verlange ich nicht von ihnen. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten eine künstliche Kluft aufgcthan zwischen den jüdischen Mitbürgern und dem Gros des deutschen Volkes. Nachdem die Juden durch die Errungenschaften auf politischem Gebiete eine gewisse Gleichberechtigung erreicht hatten, war es ihnen in Folge ihrer Intelligenz und ihrer bewundernswerthen Anpassungsfähigkeit gelungen, innerhalb des sich nunmehr entwickelnden kapitalistischen Wirthschaftsgetriebes einen hervorragenden Rang einzunehmen, sich darin nach Bequemlichkeit einzurichten. Sie hatten von Alters her eine historisch begründete Prädisposition für den Waarenumsatz und den Geldverkehr. Hier brachten es einige von ihnen zu einflußreichen Machtstellungen, und viele Andere fanden auf diesen Gebieten der wirthschaftlichen Thättgkeit ein sehr gutes Fortkommen. Der eigentlichen produktiven Arbeit, von der man früher ihre Vorfahren mit Gewalt ferne gehalten hatte, wandte sich allerdings auch ein großer Theil zu. Es liegt aber in der Natur der Sache, daß das Wirken dieses Theils der Juden nicht so

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