Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 4 (12.1.1893)
- Date
- 1893-01-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage?u M 4 des „Israelit". Leitender Artikel. War schlage zur Bekämpfung des Antisemitismus. *) ii. Für denjenigen, welcher mit unseren Arbeiterverhältnissen gründlich vertraut ist, ist es schon längst kein Geheimnitz mehr, dah der Gedanke einer cooperativen Organisation der Arbeit in den Kreisen der intelligenten Arbeiter immer mehr Anhänger gewinnt- Die heutigen Führer der Sozialdemokratie sind zwar diesem Gedanken nicht sonderlich gewogen. Sie haben, ebenso gut wie andere Leute ein Interesse daran, die Arbeiter in der Abhängigkeit zu erhalten, ihre Selbstständigwerdung zu verhindern. Wenn nämlich die Arbeiter erst anfangen, auf wirthschaftlichem Gebiete die Fesseln der Bevormundung abzustreifen, indem sie zu selbstständigen Produktivgenossenschaften sich zusammenthun und d>e Regelung der Arbeitsbeziehungen leibst in die Hand nehmen, so werden sie allmählich auch in politischer Hinsicht von der Bevormundung durch das berufsmäßige Parteiführerthum sich frei machen und auf eigene Faust diejenige Politik treiben, die durch ihre wirthschaftlichen Interessen bedingt wird. Hauptsächlich aus dieser Erwägung heraus erklärt sich der passive und geheime Widerstand, den die sozialdemokratische Parteileitung dem Gedanken der cooperativen Also ciation innerhalb der heutigen Gesellschaft entgegensetzt. Dieser Gedanke ist schon zu sehr erstarkt, als datz sie cs wagen könnte, ihm offen entgegenzutreten; wo immer aber sich ihr eine Gelegenheit bieret, ihn zu schädigen oder zu diskreditiren, thut sie es mit vielem Behagen. Und dennoch wirb die Sozialdemokratie, wenn die wirthschaftliche Wciterentmickclung sich im Frieden vollzieht und es nicht zu unvorhergesehenen Explosionen der Volksleidenschaft kommt, es nicht verhindern können, datz aus der Mitte der Arbeiterschaft heraus eine soziale Neuordnung auf der Grundlage der Cooperation angebahnt wird. Die grotzen gewerkschaftlichen Vereinigungen der Arbeiter, welche zum gröhten Theil centralistisch organisirt sind und ganze Branchen umfassen, müssen schließlich zu derartigen neuen Organisationen sich auswachsen. Bis jetzt verzetteln und vergeuden die Arbeiter in diesen Gewerkschaften ihre besten Kräfte in nutzlosen und vielfach für beide Theile ruinösen Kämpfen mit ihren kapitalistischen Arbeitgebern. Positive materielle Resultate, eine nachhaltige Besserung ihrer Lage erreichen sie durch diese Kämpfe in keinem Falle, und die Erkenntnitz, daß die eigentlichen A-ifgaben der Gewerkschaften doch wohl nicht auf diesem Gebiete liegen, verbreitet sich immer mehr in den Reihen der betheiligten Arbeiter. In Hamburg, welches überhaupt der Centralsitz der meisten deutschen Gewerkschaften ist, sind die Arbeiter der Tabakfabrikation unmittelbar nach einem verlorenen Streik ihrer Gewerkschaft, der mit der Aussperrung zahlreicher Arbeiter endete, zur Gründung einer Produktivgenossenschaft übergegangen. Diese Genossenschaft steht heute schon groß da und ist bereits gut fundirt.. Sie beschäftigt Hunderte von Arbeitern und hat kürzlich in Eschwege eine Filiale begründet, um auch den dortigen ausgesperrten Arbeitern ein *) Wir wiederholen, datz wir den Standpunkt des Herrn Verfassers nicht durchweg theilen und stellen das Thema hiermit zur Discussion. »Red. d. Jsr. Unterkommen zu schaffen. Auch anderwärts sind ähnliche Genossenschaften mit größerem oder geringerem Erfolge in's Leben getreten und in zahlreichen Arbeitervereinen wird gegenwärtig der Gedanke der Genossenschaftsgründung lebhaft erörtert. Gewiß, es fehlt auch nicht an Fällen, in^ denen die Arbeitergenossenschaften sich durchaus nicht bewährt haben. Es lag dies hauptsächlich daran, daß die gegenwärtige Arbeiterschaft noch immer Mangel hat an solchen Elementen, die zur geschäftlichen Leitung einer Genossenschaft befähigt wären. Der gute Wille unv die Ehrlichkeit thun's allein nicht. Es will jedes Ding gelernt sein, und die Führung eines Geschäftes wird eher erschwert als erleichtert dadurch, datz jeder Arbeiter am Geschäftsrisiko betheiligt ist. Diese unausbleiblichen Fälle geschäftlichen Mißerfolges wurden nicht nur von den wirthschaftlichen Gegnern der Arbeiterbestrebungen gegen die Idee der Produklivgenossenschaften ins Treffen geführt, sondern auch die Führer der Sozialdemokratie ließen sich einen so willkommenen Anlaß, die Genossenschafts-Idee zu diskreditiren, nicht entgehen. Und dennoch beweisen derartige Mißerfolge nicht das Mindeste gegen das genossenschaftliche Prinzip an sich Datz die Arbeiter in ihrer großen Mehrzahl zur Leitung eines etwas umfangreicheren Geschäftsbetriebes nicht befähigt sind, ist keineswegs auf eine intellektuelle Inferiorität der Arbeiterklasse zurückzuführen, sondern es hängt diese Erscheinung vielmehr einzig und allein mit der Thatsacbe zusammen, datz bisher die Angehörigen der Arbeiterklasse fast ausschließlich im Produktionsprozeß und nur ausnahmsweise im Waaren-Cirkulations-Prozeß beschäftigt wurden. Daß es der Arbeiterklasse nicht an intelligenten Köpfen fehlt, die nach vorhergegangener zweckentsprechender Schulung auch die geschäftliche Leitung von Produktiv-Genossenschaften übernehmen könnten, das unterliegt keinem Zwei'cl. Jeder Gewerkichaitskongretz zeigt uns, datz an der Spitze der gewerkschaftlichen Angelegenheiten eine Zahl von Männern steht, die durch praktischen Sinn und gesunden Menschenverstand, nachdem sie sich erst in die Geschäfte eingearbeitet haben, sehr wohl in der Lage sind, ihren Amtsobliegenheiten in deren vollem Umfange gerecht zu werden. Es mag zugegeben werden, daß ihrer heute noch nicht allzu viele vorhanden sind. Aber es läßt sich andererseits auch gar nicht bestreiten, daß sob'Id einmal das Interesse der Arbeiterschaft an der Geschäftsführung selb" geweckt wird, was ja dadurch geschieht, daß die Arbeiter an den Geschäftsergebnissen direkt intrressirt sind und in den Generalversammlungen der Genossenschaften ein gewichtiges Wort mitgeredet haben — es läßt sich sicher nicht in Abrede stellen, daß unter so veränderten Verhältnissen der Arbeiterstand schon bald alle jene geistigen Kräfte aus seiner Mitte heraus erzeugen dürfte, deren er zur Wahrung seiner materiellen Interessen benöthigt wäre. Auch steht zu erwarten, daß in dem Augenblick, wo die Arbeiterwelt greifbare wirthschaftliche Ziele vor Augen hätte, sich ihr Interesse an den politischen Geschäften vermindern würde. Es würde dies wenigstens insofern der Fall sein, als sie sich dann von geriebenen Agitatoren nicht mehr mit Zukunftshoffnungen würden abspeisen lassen, als sie nicht mehr Zielen zustreben würden, deren Verwirklichung in weiter Ferne liegt. Der politische Kampf der Arbeiterklasse würde eine Begrenzung erfahren in dem Sinne, daß dann die Arbeiter hauptsächlich bestrebt sein würden, auf politischem Gebiete diejenigen neuen Formen und Normen zu schaffen, die den veränderten wirthschastlichen Verhältnissen entsprächen. Die Klassenpolitik der Arbeiter würde dadurch