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Der Israelit · 1893-01-12 · Heft 4 (12.1.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 4 (12.1.1893)
Date
1893-01-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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63 Mann, einen Menschenraub begangen, ihn gegen seinen Willen, gegen jedes Recht, zum Leibregtmente des Fürsten gepreßt, und jener hatte Gelegenheit gefunden, zu entfliehen. Der Fürst betrachtete ihn als Deserteur und ließ ihn von seinen Werbeoffizieren verfolgen. Diese waren ihm schon hart an den Fersen und der zu Tode gehetzte, von einer furchtbaren Strafe bedrohte Mann — ein Derserteur mußte dreimal durch fünfhundert Mann Spießruthen laufen — war athemlos in Josef Deidelsheimer ebenerdige Wohnung geflüchtet und hatte ihn in höchster Verzweiflung kniefälligst gebeten, ihn von seinen Verfolgern, die gleichzeitig mit ihm ins Zimmer drangen, zu schützen. Deidelsheimer wußte, daß er dies nicht vermöge; die rohen, wilden Werbeoffiziere, die von dem gelieferten Menschenmateriale ein Honorar, ein Blutgeld bezogen, hätten sich ihre Beute nicht entreißen lassen, er versuchte es daher gar nicht die Auslieferung des todtcnbleichen, zähneklappernden Mannes zu verweigern; aber er fand doch ein Mittel zur Rettung eines Menschen, den er das erstemal in seinem Leben gesehen, bei dem er nicht einmal einen besondern Grad von Würdigkeit voraussetzen konnte, von dem er nichts wußte, als daß er in höchster Gefahr schwebe; (er wäre vierundzwanzig Stunden später kein Mensch mehr, nichts als eine unförmliche blutige Masse gewesen) — er kaufte ihn den Werbeoffizieren um fünfzig Thaler, eine für seine Vermögensverhältnisse große Summe ab, und hielt Winador, damit dieser nicht wieder von Neuem einem Offiziere seines Regimentes in die Hände fiele, so lange in seinem Hause verborgen, bis Leopold von Dessau mit seinen Truppen die Gegend verließ. Albert Winador hatte ihm allerdings versprochen die fünf zig Thaler mit bestem Danke zu bezahlen, aber Deidelsheimer hatte auf die Bezahlung nicht gerechnet und Winador nie, auch in dem Momente, in welchem er das Versprechen gab, daran gedacht, dasselbe einzulösen. Deidelsheimer sah ihn erst mehrere Jahre später, als Kerkermeister in Schwabach wieder und besuchte ihn sofort. Als Deidelsheimer in seine Stube trat, erschrack Winador, er glaubte jener käme seine alte Schuld etnzufordern, um so erfreuter war er, als sein Gläubiger derselben nicht nur gar nicht erwähnte, sondern erklärte, er käme, ihm ein Geschäft anzubieten, das, wenn es gelänge, ihn mit einem Schlage zu einem reichen Mann machen würde, und theilte ihm mit, um was es sich handelte. Winador konnte sich leichter als sein Vorgänger zu dem Unternehmen entschließen. Er war ein lediger Mann, kein Landeskind, ein Ungar, der in seiner Heimath einen Bruder besaß, der ihn, wenn er viel Geld mitbrächte, mit offenen Armen aufnehmen würde, wo er vor den Verfolgungen des Markgrafen sicher ruhig und glücklich leben könnte. Der Kerkermeister nahm sich einige Tage Bedenkzeit, dann erklärte er, daß wenn er für sich zwanzigtausend, für jeden seiner zwei Gehilfen, deren er hierzu bedürfe, zweitausend Gulden zugesichert erhielte, er es zu Wege bringen würde, daß mein Vater den Mauerthurm verlassen könne. Deidelsheimer verlangte, daß er ihm seinen Plan ausführlich mittheile, und daß dieser von mir, der ich die große Summe zu zahlen hätte, gebilligt, als ausführbar anerkannt werden müsse. Winador, war nicht nur ein kluger, sondern auch ein erfahrener Mann. Er hatte unter mehreren Fahnen gedient, alle erdenklichen Kriegslisten kennen gelernt und häufig auch bei deren Ausführung mitgewirkt. Er hatte einen sehr abenteuerlich klingenden Plan ersonnen, und bet diesem alle Umstände, die sich zu unseren Gunsten benützen ließen, in Anschlag gebracht. Trotzdem fand Deidelsheimer manches an demselben zu ändern und nachdem die Beiden den Plan endgiltig festgestellt und anzunehmen war, daß ich demselben zustimmen werde, hatte Deidelsheimer, die Reise zu mir unternommen. „Wenn ich auch anerkenne", meinte der Oberhoffaktor, „daß Deidelsheimer Ihrem Vater zu großem Danke verpflichtet war, so erscheint doch dessen rührende Treue bewundernswert. Schon die vielen Zusammenkünfte, die der ehemalige Diener des Fränkl'schen Hauses mit dem Kerkermeister Ihres Vaters hatte, mußten auffallen, konnten ihn, noch bevor der Fluchtversuch unternommen, in die höchste Gefahr bringen, mußten ihn, wenn dieser gelang, durch den Zusammenhang aller Umstände, als Teilnehmer einer Handlung erscheinen lassen, die als ein schweres Verbrechen furchtbar bestraft wird." „Ich habe es schon gesagt, Deidelsheimer ist nicht nur ein sehr treuer, sondern auch ein sehr kluger, alles reiflich erwägender Mann. Je lebhafteres Interesse er an dem Schicksale unseres Hauses nahm und je mehr er von dem Gedanken erfüllt war, meinen Vater zu retten, desto mehr hütete er sich vor Fremden und sogar vor Glaubensgenossen seine Sympathien für uns auszusprechen, ja er pflegte sogar zuweilen, wenn Onkel Elkan getadelt wurde, in das ungünstige Urtheil einzustimmen, so daß man glauben mußte, der Verlust seiner guten Stellung in unserem Hause habe ihn gegen die Chefs derselben erbittert. Endlich fanden sich für seine häufigen Zusammenkünfte mit dem Kerkermeister sehr glaubliche Motive. Der ehemalige Wachtmeister hatte jetzt keinen Grund mehr es zu verheimlichen, daß er und in welcher Weise Deidelsheimer zu großem Danke verpflichtet sei und es konnte daher Niemanden auffallen, wenn ihn dieser

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