Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 4 (12.1.1893)
- Date
- 1893-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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62 voll Besorgniß, es könnten ihre Kinder am Glauben Schaden leiden und durch den Verkehr mit den Söhnen einer anderen Mutter (Synagoge) verleitet werden, entweder ganz die liebende Hand der Kirche zurückzustoßen oder doch ihre Mutter minder zärtlich zu lieben. Mag sein, daß die heilige Kirche den Juden gegenüber Toleranz übte, ja daß sie diese sogar in Schutz nahm. Nie gab sie aber ihre Zustimmung, daß Katholiken ohne Verletzung des Gewissens mit Juden wohnen. Sehen wir nun das kirchliche Gesetzbuch, wenigstens einige Paragraphen, näher an: a) Juden können nicht bloß keine Sclaven im eigentlichen Sinne oder Sclavinnen (Mancipia christiana) haben, sondern die Juden dürfen auch nicht zum Dienste der Familie und des Hauses Christen heranziehen, noch können Christen ihnen fortwährend gegen Lohn ihre Dienste leisten, b) Speciell und strenge war es verboten, daß Christinnen bei Juden Ammendienste verrichten, e) In Krankheiten dürfen Christen keine jüdischen Aerzte herbeiziehen, noch eine von jüdischer Hand bereitete Medictn annehmen, ä) Auf jeden Fall ist es den Christen untersagt, unter der Strafe der Excommunication, in demselben Hause oder derselben Familie mit Juden zu wohnen, e) Besonders soll man es zu verhüten suchen, daß Juden im öffentlichen Leben Stellungen einnehmen, durch welche sie eine gewisse Machtgewalt auf Christen ausüben könnten, f) Auch ist es den Christen untersagt, jüdische Hochzeiten zu besuchen und mit den Juden Spiele zu veranstalten, g) Christen dürfen Juden auf keinen Fall zu Mahlzeiten einladen; ebenso dürfen Christen, eingeladen von Juden, nicht ihre Mahlzeiten besuchen. — Mit diesen angeführten paar Stellen ist noch keineswegs die (ältere) kirch liche Gesetzgebung erschöpft. Ich habe nur sozusagen die Fundamentalsätze, auf denen sich die weitere kirchliche Gesetzgebung in der Judenfrage aufbaut, angeführt. Und nun frage ich: Waren denn die Christen nicht durch diese Gesetze den Juden gegenüber sichergestellt? O hätten doch die Christen immer diese Satzungen getreu erfüllt! Weil sie heutigentags die Gesetze der heiligen Kirche nicht achten, deshalb müssen sie büßen. Wem nicht zu helfen ist, dem ist auch nicht zu rarhen! . . . Daß diese Gesetze noch fortwährend in Kraft sind, wird aus der Antwort des Heiligen Stuhles auf eine Anfrage des galizischen Episkopats im Jahre 1861 betreffs dieser Sache bewiesen." — Frankreich. Baris, 7. Jan. Chincholle vom Pariser „Figaro" interpellirte einen der Redner von der Albeiterbörse, ob er zu einem für gestern angesetzten Anttsemiten-Meeting gehen wird. „Vielleicht, aus Neugierde," ist die Antwort. — „Die Tagesordnung muß Sie doch interesstren?" — „Ja, aber wir sind nicht so darauf aus, die Geschäfte der Antisemiten zu machen. Was kümmert das uns, ob Einer Jnde ist, oder sonst was, oder gar nichts? Zunächst beschäftigen wir uns nicht mit Religion, wir haben nur einen Feind, das Kapital. Wir machen keinen Unterschied zwischen dem Katholiken und dem Juden, der uns ausbeutet. Wenn man die „Libre Parole" liest, könnte man sagen, nur die Juden unterdrücken uns und nur Juden werden nicht ausgebeutet. Aber wissen Sie, wo in Parts die meisten Juden sind? Im Bastillevtertel, das voll von jüdischen Arbeitern ist. Ah! Die können ruhig schlafen, niemand wird ihnen etwas thun. Das sind Kameraden, die zuweilen arbeitslos sind, gleich uns und die gleich uns den Achtstundentag verlangen. Herr v. Moräs ist ein guter Redner, aber für uns gibt es keine Judenfrage." Feuilleton. „Fiirstengunst." Erzählung von S. Kohn, Verfasser von »Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird aufs Strengste verfolgt werden. UebersetzungSrechte Vorbehalten. (43. Fortsetzung.) „Es gibt nichts Aufregenderes im Menschendasein , als wenn man fortwährend, unablässig ein Ziel mit aller Macht, mit heißer Gier anstrebt und diesem nie um eines Haares Breit näher rückt; — und wir verlebten in dieser Qual mehrere lange Jahre. Wachend und träumend, jede Sekunde unseres Lebens vergiftend, umschwebte uns das Bild des an Händen und Füßen mit schweren Ketten belasteten, mit einem eisernen Ringe an die Mauer geschmiedeten Greises! „Eines Abends des Jahres 1717 langte Deidelsheimer bei uns in Harzgerode an. Er hatte die weite Reise unternommen, weil er mir eine wichtige Mittheilung, die er einem Briefe nicht anvertrauen mochte, zu machen hatte. Er war von Zeit zu Zeit nach Schwabach gefahren, um sich zu erkundigen, ob nicht bei dem Wächterpersonale des Mauerthurms eine unserem Vorhaben günstige Veränderung eingetreten wäre. Nun war in den letzten Wochen, statt des frühern Kerkermeisters, welcher gestorben, ein anderer, Albert Winador, ein ausgedienter Wachtmeister gekommen. Diesem hatte Deidelsheimer einst einen Dienst erwiesen, den ein Mensch nie vergessen kann. — Während des Krieges war der Feldmarschall Fürst Leopold von Dessau mit einem preußischen Hilfskorps ins Ansbach'sche gekommen und seine Werber hatten, wie an vielen Andern auch an Albert Winador, einem riesengroßen