Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 4 (12.1.1893)
- Date
- 1893-01-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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61 haben nämlich ihr in Straßburg gelegenes, unter dem Namen „Hotel Neuweiler" bekanntes Anwesen, das den Werth von etwa einer Viertelmillion Mark darstellt, dem isr. Centralkonsistorium in Paris mit der Bestimmung hinterlassen, daß die jährlich hiervon abfließenden Mietherträgnisse zur Verleihung von Preisen und Unterstützungen an Israeliten Frankreichs, Elsaß Lothringens und Badens verwendet worden sollen. Die Preise sind im ersten Jahre für besonders tugendhafte ifrael. Familien oder Einzelpersonen, im 2. Jahre für würdige isr. Wittwen, im 3. Jahre für isr. Anstalten, Autoren, Rabbiner oder Lehrer bestimmt. Die Unterstützungen sind unter arme Israeliten der Städte Paris, Straßburg und Karlsruhe zur Anschaffung von Heizungsmaterial zu vertheilen. Die Stiftung hat die Genehmigung der elsaß-lothringischen und der badischen Regierung erhalten. In diesem Jahre werden in Baden 2 Tugendpreise von je 635 M. und die restlichen 635 Mk. unter die isr. Armen der Stadt Karlsruhe für Heizzwecke vertheilt (die Stifterin war nämlich eine Karlsruherin, geborene Seeliamann.) Durch das Verordnungsblatt des Gr. Oberraths werden die Synagogenräthe des Landes aufgefordert, durch die Rabbinate Vorschläge an Gr. Qberrath gelangen zu lassen. Oesterr.-Ung ar. Monarchie. Wien, 6. Jan. Der Zwist zwischen Klerikalen und Antisemiten scheint diesmal denn doch ernsterer Natur zu sein, als man hätte annehmen sollen. Er dauert länger als sonst, die Polemik wird immer schärfer, und die Offensive bleibt, wie im Anfang so auch in der Fortführung des Streites auf Seiten der Klerikalen. So sagt neuestens eines der angesehensten Provinz-Organe dieser Partei: „Zu den extremen Parteien gehören auch die Antisemiten, die wir im Abgeordnetenhause so oft mit den Jungczechen Hand in Hand uehen sahen. Sie führen das Christenthum im Munde, haben aber von dessen Wesen, Gesetzen und Aufgabe keinen Begriff." Dann weiter: „Der Antisemitismus birgt eine große Gefahr für die Kirche in sich"; es wird in dem Artikel ausgeführt, daß der Antisemitismus sich angeblich gegen die Juden, thatsächlich aber gegen die katholischen Bischöfe richte, und geschlossen: „Dem Antisemitismus wohnt keine civilisatorische Kraft inne: er ist nur ein zerstörendes Element und auf dem besten Wege, sich zu einer Sekte auszubilden." Die Richtigkeit dieser Anschauungen über den Antisemitismus, durch welche der Erlaß des Erzbischofs Doppelbauer von Linz plötzlich die Köpfe der Ultramontanen erhellt zu haben scheint, ist nicht zu bezweifeln. Zu verwundern ist nur, daß die Enkenntniß so spät kommt, daß die Ultramontanen so lange dem Antisemitismus geschmeichelt haben, weil sie ihn für ihre Zwecke ausnützen zu können vermeinten, bis sie dessen überragende destruktive Tendenzen erkannten. Schließlich ist es aber für diejenigen Leute, welche weder klerikal noch antisemitisch sind, ziemlich gleichgiltig, zu wessen Gunsten, ob zu Gunsten der Klerikalen und der Bischöfe oder zu Gunsten der Antisemiten der Streit um die Armen im Geiste ausgehen wird. Von Interesse ist es nur zu beobachten, daß auch die kräftigen Worte, welche die Bischöfe und ihre journalistischen Wortführer jetzt gegen den Antisemitismus finden, nicht so sehr der Ausfluß einer starken Ueberzeugung, als einer dringenden politischen Nothwendigkett sind. Das spricht das antisemitische „Deutsche Volksblatt" heute ungenirt aus. Die neue Parlamentsmajorität, welche Graf Taaffe jetzt zusammenzuleimen sich bemüht, soll den deutsch-liberalen mit dem konservativ-klerikalen Club vereinigen. Die liberale Partei hat aber einen schier unüberwindlichen Abscheu vor der klerikal-konservativen, und deswegen legt die Letztere jetzt a tewpo ein wenig antiantisemitisches Roth auf, um der anderen minder abstoßend zu erscheinen. In allen entscheidenden Momenten, schließt die Frankfurter Zeitung diesen Bericht, davon sind wir überzeugt, wird sich ihre wahre Gestalt wieder zeigen, bei den Wahlen insbesondere wird sie sich wieder den Antisemiten zngesellen, weil diese die stärkere agitatorische Kraft sind, mit der gepaart die Klerikalen manchen momentanen Erfolg erzielen mögen, auf die Gefahr freilich, in dieser Umarmung schließlich selbst erdrückt zu werden. Wien. In clericalen Blättern werden gegenwärtig mit sichtlichem Behagen Stellen aus den Vorlesungen über llu8 canonicum colportirt, die der nunmehrige Fürsterzbischof Dr. Kohn seinerzeit als Professor an der theologischen Facultät in Olmütz hielt. Dr. Kohn verdammte in denselben den Racenantisemitismus, legte jedoch über den Verkehr zwischen Christen und Juden Ansichten zu Tage, welche zumindestens auf den Ehrentitel „human" keinen Anspruch haben. In jenen Vorlesungen, welche lithographirt sind, heißt es: „Hätten die Katholiken gehörig die Weisungen der heiligen Kirche betreffs des Verkehres mit Juden beachtet, so wären jetzt keine bürgerlichen Umwälzungen, keine Streitigkeiten und keine Aufregung der Bürger zu befürchten. Der Krieg, der heute gegen die Juden geführt wird, ist nicht so sehr eine Strafe der Juden als die der Christen, die, weil sie die Gesetze der heiligen Kirche verachtet, jetzt unter jüdischer Knechtschaft seufzen. Die eisernen Fesseln, mit denen die Christen gebunden sind, schmiedete ihnen der Ungehorsam gegen ihre heilige Mutter. Die Kirche nämlich, diese beste und liebenswürdige Mutter, war gleich im Anfänge