Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 3 (9.1.1893)
- Date
- 1893-01-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang. Beilage M M 3 des „Israelit". Leitender Artikel. Was Können und sollen wir gegen das Anwachsen des Antisemitismus tyun? (Unter dieser Rubrik bringen wir uns zugehende Ansichten aus unserem Leserkreise, namentlich von jüdischen Beamten und praktischen Geschäftsleuten zum Abdruck und sind uns diesbezügliche Miltheilungen stets willkommen.) Berlin, 2. Januar. Geehrter Herr Redakteur! Nicht als regelmäßiger Leser, wie ich offen gestehen muß, sondern nur durch einen Zufall komme ich zur Lektüre der Nr. 102 u. 103 Ihres Blattes, des „Israelit", und muß gestehen, daß der Inhalt des unter der Üeberschrift: Was können und sollen wir gegen das Anwachsen des Antisemitismus thun? veröffentlichten Schreibens des Oberrabbiners £. mich einigermaßen überrascht hat; — da es dem Herrn Briefschreiber erwünscht ist, Aeußerungen von verschiedenen Seiten über seine „Vorschläge" zu vernehmen, so werden Sie es auch mir gestatten, den gedachten Ausführungen gegenüber zunächst zu bemerken, daß ich in denselben von „Vorschlägen" absolut nichts entdecken kann, was nicht über das durchaus Selbstverständliche — und das erkennt der Herr Briefschretber übrigens auch selbst an — auch nur im Geringsten hinausgeht. Wenn gesagt wird, man solle auf die „nichtjüdischen Brüder" dadurch besonderen Eindruck zu machen suchen, daß in die ehrenamtlichen Stellungen der Gemeinden 2c. nur Personen von nur „sittlichfleckenlosem" Ruf berufen oder gewählt werden sollen, so könnte diese Ausführung, wenn dies Gottlob nicht schon immer befolgt worden wäre, auf den Gedanken führen, es hätte bisher eine andere Praxis vorgeherrscht; — doch, da auch dagegen der Herr Briefschreiber sich bereits selbst wendet und mit Recht ausführt, daß Gottlob auch in jüdischen Augen ein Schwindler immer ein Schwindler bleibt, möge er nun angehören, welcher Regliion er auch wolle, so bleibt in den Ausführungen des Herrn Briefschreibers nur noch ein Punkt, welcher über allgemein giltige Anschauungen in jüdischen Kreisen hinausgeht. Ich meine den Nachsatz, durch welchen der Herr Briefschretber von ehrenamtlichen 2c. Stellungen in den jüdischen Gemeinden solche Personen ausgeschlossen wissen will, welche einer Partei angehören, deren Tendenz gegen Regierung "und Fürst gerichtet ist. Merkt der Herr Briefschreiber denn nicht, daß er durch diesen Vorschlag den Juden in den höchsten staatsbürgerlichen Pflichten behindern würde und sollten wir nicht gerade im Gegeutheil immer und immer darauf bedacht sein, gerade in der Ausübung dieser staatsbürgerlichen Pflichten mit unfern andersgläubigen Mitbürgern zu wetteifern. Weßhalb soll nun in den Augen jüdischer Bürger ein Glaubensgenosse, der einer momentan gegen die Regierung'oppositionellen Partei — und die Opposition muß ja nicht immer eine prinzipielle sein, sie ist nur zu häufig eine wohlbegründete — sich zurechnet und für dieselbe aus vollster Ueberzeugung eintritt, nun deßhalb mit einer Art Makel behaftet sein und von der Ausübung ehrenamtlicher Stellungen ausgeschlossen sein, zu denen gerade er sich vielleicht vorzüglich eignen würde?*) Will der Herr Briefschreiber, daß man in den jüdischen Gemeinden eine Art von Conduitenlisten einführt und nur solche Glaubensgenossen als wählbar proklamirt zu Ehrenämtern oder zur Ausübung gottesdienstlicher Handlungen, welche, ob aus Diplomatie oder aus Ueberzeugung sei dahingestellt, zu der jedesmaligen gerade am Ruder befindlichen Richtung im politischen Leben sich bekennen? Die Ausführungen des Herrn Briefschreibers sind unhaltbar und seine sogenannten „Vorschläge" undurchführbar! Wenn wir als Juden eine Pflicht haben, so ist es die, danach zu trachten, daß wir als Menschen, sowohl in unserem Beruf, wie im privaten bürgerlichen Verkehr mit allen unfern Mitbürgern unsere volle Pflicht und Schuldigkeit thun und durch unsere Handlungen die Achtung aller unserer Mitmenschen zu erringen trachten müssen. Ein Heilmittel gegen den Antisemitismus ist noch nicht erfunden und wird auch nicht gefunden werden in der Richtung, welche Ihr Herr Brtefschreiber angibt — nur indem die Juden auf ihre staatsrechtlich ihnen zugewiesene Stellung pochend, gerade fortschreiten, unbekümmert um Maßnahmen oder Erscheinungen von oben oder von unten, werden sie zum guten Ende die Anerkennung *) Wir stimmen mit dem geehrten Herrn Briefschreiber hierin nicht ganz überein; im Uebrigen wird unser Mitarbeiter, Herr Rabbiner Galandauer, dieses Thema in seiner soeben begonnenen Artikelserie des Näheren ausführen. Red. d. JSr.