Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 3 (9.1.1893)
- Date
- 1893-01-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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46 1/18 November, hätten die Provinzialbehörden den Entschluß gefaßt, Jousofka in ein einfaches Dorf umzuwandeln, was der Polizei gestatten würde, die meisten der dortigen jüdischen Bewohner auszuweisen. Von den 250 bis 300 dort ansässigen Familien waren deren nur 20 bis 30 vor dem Gesetz vom 3. Mai 1882 dort ansässig. Diesen letzteren Familien wird es vielleicht möglich sein, dort zu verweilen; die Andern sind gezwungen, binnen kurzer Frist fortzuziehen. Es wird behauptet, daß die Localbehörden sich zu dieser Maßregel entschlossen haben, sagt der Woskhod, weil die Bevölkerung offen erklärt hat, einen neuen Aufstand zur Niedermetzlung der Juden in Scene setzen zu wollen. Der Novorossiski Telegraph vom 25. Oct./ 6. November meldet einen Beschluß vom Minister des Innern, wonach die Städte Kachofka, Lepeticha, Fohmak, Akmetchet, Soudak und Alouchta, zu Dörfern umgewandelt würden, und daß der Aufenthalt daselbst folglich denjenigen Israeliten, die sich nach dem 3. Mat 1882 daselbst niedergelassen, untersagt fein würde. Die von ihnen dort seit 1882 erworbenen Immobilien müßten somit auf der Stelle verkauft oder an Nicht-Juden abgetreten werden. Man gibt sich mit Leichtigkeit Rechenschaft über das Elend, welches diese Maßregeln für die armen Ausgewiesenen, die nun gezwungen sind, gleichfalls nach den Städten des Territoriums ihre Zuflucht zu nehmen, zur Folge haben, denn in diesen Städten erstickt bereits die Israel. Bevölkerung und stirbt im buchstäblichen Sinne Hungers. Aus Moskau werden den „Daily News" über die neuesten „Juden-Austreibungen" folgende Einzelheiten mitgetheilt: Alle Geburtsscheine der Juden werden von der Polizei auf das Genaueste untersucht, und sobald sich herausstellt, daß ein Jude nicht in Moskau geboren ist, wird er binnen 24 Stunden ausgewiesen, um in seine, oft sehr entfernte Vaterstadt befördert zu werden. Selbst hochbetagte Juden, die noch unter dem Kaiser Nikolaus Soldaten gewesen waren und Pensionen beziehen, werden durch diese Maßregel betroffen. Ein armer alter Jude, der seit 30 Jahren in der Nähe des Generalpostamtes einen Laden hält und allein mit einer Nichte lebt, proteftirte mit Thränen in den Augen gegen den harten Ausweisungsbefehl; er wies darauf hin, daß er seine Arbeiter stets gut bezahlt habe, nie mit dem Gesetz in Konflikt gerathen sei und seine Maaren doch nicht in 24 Stunden verkaufen könne. Vergeblich! „Es ist der Befehl des Zaren!" war die einzige Antwort, die der Poltzeikommissär gab. In einem anderen Falle warein Jude, dessen Söhne Advokaten und Aerzte sind, gezwungen, seine Maaren unter schweren Verlusten zu verkaufen und nach Südrußland zurückzukehren. Jemand suchte für ihn einen Aufschub zu erwirken, allein auch da lautete die Antwort: „Es ist der Befehl des Zaren!" Es ist sogar gefährlich, für Juden einzutreten, da man dann selbst verdächtig wird. Eine Familie, die der Correspondent gut kennt, wurde nach Polen gesandt. Die älteste Tocher, eine talentvolle Klavierspielerin entschloß sich zur Auswanderung nach Newyork; sie hofft, dort den Eltern eine neue Heimath schaffen zu können. Die Mutter war in Verzweiflung und wurde beim Abschied mit Mühe davon abgehalten, sich unter die Räder des Zuges zu werfen. — Palästina. Jerusalem, 3. Januar. Der Chacham Baschi (Oberrabbiner der Sephardim) ist heute gestorben. Der verstorbene Rabbi Rafael Meir Panizel, Chacham Baschi, wurde weithin in den jüdischen Gemeinden des Ostens als großer Talmudist geehrt und trug während seiner Amtsführung wesentlich dazu bet, ein gutes Einvernehmen unter den Juden zwischen den Anhängern des spanischen und des aschkenasischen Ritus zu erhalten, die früher oft grimmige Fehden gegen einander führten. Die türkische Regierung hatte ihm den Titel Baschi verliehen und richterliche Gewalt in Streitsachen zwischen Juden übertragen, so daß er mit der Eigenschaft eines türkischen Staatsbeamten bekleidet war. Feuilleton. „Fiirstengunst." Erzählung von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird aufs Strengste verfolgt werden. UebersetzungSrechte Vorbehalten. (42. Fortsetzung.) „Josels Vater, — Jecheskel hat er geheißen und ein rechter Ben Thore *) und Safre Rabbo *) war gewesen — war meines Vaters Sekretär; doch hatte ihn dieser mehr als Freund, denn als Diener behandelt. Als Reb Jecheskel fünfundfünfzig Jahre alt geworden, sprach er zu meinem Vater: Meine Augen sind so schwach geworden, daß ich Euch, Rabbi, nicht mehr so dienen kann, wie ich möchte und wie es meine Pflicht wäre. Ich danke für die Nachsicht, die Ihr, Rabbi, die letzten Jahre mit mir geübt und für die große Güte, die Ihr mir zeitlebens bewiesen. Ihr habt mich so gut besoldet, daß ich mit dem, was ich in Eurem 1) Im rabbinischen Wissen bewandert. 2) Im Schreibfache bewandert, guter Stilist.