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Der Israelit · 1893-01-09 · Heft 3 (9.1.1893) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 3 (9.1.1893)
Date
1893-01-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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43 Vorschläge erfüllen. Die selbstverständliche, kühle Kathederruhe, mit der dies alles vorgetragen wird, bürgt uns dafür, daß der Vortragende selber keine Ahnung davon hat, wie er dem Judenthum den Todesstoß versetzt, indem er es zu retten glaubt. Wir zweifeln und zweifelten keinen Augenblick daran, daß selbst Rathschläge dieser Art aus der besten Absicht entspringen, wirklich zu helfen und zu retten. Daß man aber zu solchen Mitteln greifen kann, zeugt für den disparaten Gegensatz, für die jähe, unausfüllbare Kluft, die zwischen den Bekennern des Judenthums und denen des Reformjudenthums klafft. Wenn die gegenwärtige judenfeindliche Strömung bei allem Betrübenden, das ihr anhaftet, auch ihr Tröstliches hat, so erblicken wir es darin, daß sie wie nichts anders geeignet ist, unseren abgefallenen Brüdern das Verfehlte und Irrige ihres Abfalls zum Bewußtsein zu bringen. Wenn dieses wirklich der Fall sein wird, so sind alle trüben, bisherigen Erfahrungen nicht zu theuer erkauft. Was der uns vorliegende Brief an dem orthodoxen Judenthum und seinem Organ, dem „Israelit" sonst noch auszusetzen hat, erscheint im Vergleich mit dem Bisherigen so unbedeutender, untergeordneter Natur, daß wir darauf zu entgegnen verzichten. „Es war mir nicht nur ein Bedürfnis, sondern es schien mir eine Pflicht, meine Meinung „Ihnen offen auszusprechen; und warum sollte „ein Jude einem andern gegenüber aus seiner „Meinung über die vitalsten Interessen der ge- „meinsamen Religion einen Hehl machen?" Es ist dies einer der wenigen Sätze aus dem uns vorliegenden Schreiben, mit welchem wir vollkommen einverstanden sind; wir hielten uns daher verpflichtet, der freimüthigen Begründung des gegnerischen Standpunktes die des unsrigen entgegenzusetzen. Wir glauben, daß der Gang der Dinge in der allernächsten Zeit darüber entscheiden wird, welcher von beiden der Wahrheit näher liegt. Zeitnngsuachrichte« und Correspouderrzerr. Deutschland. Berti«, 3. Januar. Berichte aus Petersburg versichern, daß alle Bemühungen der jüdischen Colonisations-Gesellschaft zur Lösung der Judenfrage es nicht vermocht haben, der Aera der Verfolgung und Unterdrückung der Juden in Rußland ein Ende zu machen. Der gehässige Geist, schreibt der Pester Lloyd, den die Gesetze und Verordnungen bekunden, macht es den Juden weder möglich, nach ihren traditionellen Satzungen und Bräuchen zu leben, noch auch in politischer und wirtschaftlicher Beziehung, in der Allgemeinheit der russischen Nation aufzugehen. Es bewährt sich das Wort des Patriarchen aus dem Lessiug'schen Nathan, daß, was auch immer geschehe, der Jude unter allen Umständen „verbrannt" wird. Die russischen Juden halten gleich ihren Brüdern in Galizien darauf, ihre besondere Tracht zu tragen: den langen, schwarzen Kaftan, die Pelzmütze und die Haarlocken um die Ohren. Darauf Bezug nehmend, hat der Warschawskt Dniewnik, das Organ des General- Gouverneurs, folgendes Kommunique veröffentlicht: „Die Vorschriften, welche den Juden ihre eigenthümliche Tracht und den ihnen eigenthümlichen Schnitt der Haare verbieten, sind in der letzten Zeit vielfach unbeachtet geblieben. Vom heutigen Tage an wird jede Verletzung dieser Vorschrift durch eine Strafe von fünf Rubel, im Nichteinbringungsfalle durch Arreststrafe geahndet." Damit werden jene Juden getroffen, die an ihren Traditionen halten. In Petersburg und Moskau kommt es dagegen vor, daß von den Juden, die aus diesen Städten noch nicht ausgewiesen worden, einige darauf halten, ihre Abstammung nicht zu verrathen, und demgemäß auch ihre Firmentafeln einfach mit ihren russischen Namen versehen haben. Diese Leute werden nun von Amts wegen bei Androhung großer Strafen gezwungen, aus ihre Firmatafeln ihre vollen hebräischen Namen zu setzen. Das Post- und Telegraphenamt hat ein Communiquö veröffentlicht, daß in Zukunft keinerlei Briefe, recommandirte oder unrecommandirte, an Juden, welche christliche Namen haben, auSgegcben werden dürfen. Die praktische Schlußfolgerung aus all dem führt dahin, daß die russischen Juden es weder wagen dürfen, mit der Nation, unter welcher sie leben, sich zu amalgamiren,noch auch ihre Eigenartzu behalten. Was sie immer thun mögen, und wenn sie auch gar nichts thun, gerathen sie in Confllct nut dem Gesetze und werden bestraft. Berlin, 4. Jan. Der Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus veröffentlicht einen Aufruf, in welchem er mittheilt, dag die verstärkte Agitation der Gegner und die zunehmende Ausbreitung des Vereins es hat nothwendig erscheinen lassen, die Organisation weiter auszugestalten. Der Vorstand hat beschlossen, einen eigenen Schatzmeister zu erwählen und außerdem das Arbeitsgebiet zwischen dem Berliner und Frankfurter Bureau zu theilen. Dem Bureau in Frankfurt a. M. ist ganz Süd- und Südweftdeutschlaud, iucl.Elsaß-Loihriugen, Hessen-Nassau und Rheiuprovinz, die übrigen Theile Deutschlands dem Bureau in Berlin zugewusen. Außerdem werden mehrere Uuterbureaux die Eentralstelle entlasten. Das Schatzmelsteramt hat der frühere Gursbesitzer, Reichstagsabgeordneter Jordan, zur Zeit in Berlin, zu übernehmen sich bereit erklärt.

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