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Der Israelit · 1893-01-09 · Heft 3 (9.1.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 3 (9.1.1893)
Date
1893-01-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ner Mißdeutung seiner Ausführungen zeihen können, wenn wir als letztes Ziel der Reform Beseitigung des Judenthums zur Beseitigung des Judenhasses erklären. Sehen wir uns nun einmal die Dinae an, wie sie wirklich liegen. Das Abschließen des Judenthums soll den Judenhaß zu verantworten haben? Ist es denn nicht das vollendete Gegentheil, was uns unsere Feinde zum Vorwurf machen? Die Zudringlichkeit, die Aufdringlichkeit, nicht die Zurückgezogenheit der Juden ist es, die unsere Feinde gegen uns geltend machen. In allen Variationen wird doch von judenfeindlicher Seite in ihren offiziellen Preßerzeugnissen es laut bet jeder Gelegenheit hinausgerufen: „Nicht den Orthodoxen, den Reformjuden gelte ihr ganzer Kampf!" Wohl wissen wir, was von allen diesen Behauptungen unserer Feinde zu halten ist, wohl wissen wir, daß der blinde Haß seine Opfer nicht ertt einer Katechese unterwirft, um festzuftellen, ob sie Orthodoxe und Rcformjuden sind, aber weil wir dieses wissen, verzichten wir auch darauf, es unseren Feinden recht machen zu wollen. Aber, wenn man sich nun einmal auf den Standpunkt verirrte, den unser Berliner Rathgeber einnimmt, alles zu beseitigen, woran unsere Feinde Anstoß nehmen, ist es dann die Zurückgezogenheit, ist es dann das treue Festhalten an den Satzungen des Judenthums, die man uns zum Vorwurf macht? Man braucht sich nur in Berlin selber umzusehen, nein, es wird einem dort so nachdrücklich vor die Augen gehalten, daß man sich nicht einmal umzusehen braucht, um die ungeschminkte, bittere Wahrheit zu erfahren. Wo hat das Reformjudenthum seine Hochburg? In Berlin. Schon vor zwanzig Jahren hat ein Dr. Geiger daselbst öffentlich den Abrahamsbund zum Gespötte und Gelächter gemacht und seine Abschaffung verlangt und wer vermöchte sie alle zu zählen, die diesem Bundesbruche factisch Folge gegeben haben! Schon vor drei Dccennien hat in Berlin der selige Dr. Sachs gegen die jüdischen Christbäume geeifert, schon seit Anfang dieses Jahrhunderts geht von dort der ganze weltschichtige Abtall vom Judenthum aus und hat daselbst Dimensionen angenommen, die vielleicht in keiner zweiten jüdischen Gemeinde auf dem ganzen Erdenrund erreicht sind. In den jüdischen Gotteshäusern christliche Kircheninstrumente, von den Kanzeln der Abfall vom Judenthum als Fortschritt verkündet, bei der Jugend eine solche Unwissenheit über alles das Judenthum betreffende, daß ein jüdischer Gymnasiast auf die Frage des christlichen Lehrers, wer Moses gewesen sei, die Antwort schuldig bleibt, selbst im Tode noch die Beerdigung nach christlicher Art und Weise, zwangsweise dekretirt, in der Reformgemeinde der Sabbat auf den Sonntag gelegt, unser Berliner Herr Correspondent wird dieses Register am besten vervollständigen können und zugeben müssen, daß dort, wie nirgends sonst, sein Ideal bereits erreicht oder doch mit vollen Segeln angeftrebt wird, daß dort, wenn sein Rath richtig wäre, vom Judenhaß am wenigsten zu finden sein müßte, und dennoch! Wo ist die Hochburg des Judenhasses? Dort, wo die des Reformjudenthums ist! Vielleicht wendet man uns ein, es gäbe in Berlin trotz aller Bemühungen jüdischer Antisemiten, das Judenthum dort mit Stumpf und Stiel auszurotten, noch immer eine erkleckliche Zahl Juden, sogar orthodoxer Juden, und diese seien es, welche die dortigen judenfeindlichen Ausschreitungen zu verantworten hätten. Damit unser Partner nicht durch dieses Hinterpförtchen entschlüpft, möge aus der Fülle der uns vorliegenden hierhergehörigen Belege hier nur ein einziger folgen. Wir kennen einen Professor an der Universität, der zwar als Jude geboren ist, aber absolut nichts weiß von den Religionsvorschriften des Judenthums und sie noch viel weniger beobachtet. Dieser Gelehrte, der in seinem Fache eine Autorität, dabet von sympatischem Aeußern und höchst liebenswürdig im gesellschaftlichen Verkehr ist, der also das Ideal dessen repräsentirt, was hier zur Abwehr des Antisemitismus empfohlen wird, dieser Herr wird bet seinem Eintritt in den Saal von seinem Auditorium mit Hep, Hep empfangen!! Wir sind gern auf Verlangen bereit, unserem Herrn Berliner Rathgeber den Namen dieses Professors zu nennen, welcher Rath wird ihm für ihn übrig bleiben? Wir haben bisher nur von den offen daliegenden Thatsachen gesprochen, welche sämmtlich beweisen, wie wenig auf diesem Wege das Ziel erreicht würde, durch Aufgeben unserer religiösen Satzungen, es unseren Feinden recht zu machen. Nehmen wir aber einmal einen Augenblick an, es wäre dem wirklich so. Es läge ganz in unserer Hand, allen Wahn und alles Vorurtheil gegen Juden und Judenthum zu beseitigen, wenn wir nur die tausendjährigen Traditionen unseres Volkes Preis gäben, wenn wir uns von den Satzungen des Judenthums emancipiren wollten! Wäre das Heilmittel nicht schlimmer als die Krankheit? Hieße das nicht unser Erstgeburtsrecht um ein Gericht Linsen vertauschen? Daß das Bewußtsein für das Schmähliche, Treubrüchige, Fahnenflüchtige und Entwürdigende, das einem solchen Ansinnen zu Grunde liegt, vollständig verloren gegangen zu sein scheint, das ist das unsäglich Betrübende, mit dem uns derartige

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