Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1893)
- Date
- 1893-01-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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31 gen sollen. Die Regierung hätte sich damit begnügt, von jedem Rabbtnats-Candidateu eine Prüfung zu fordern, die etwa der einer höhern Bürgerschule entspräche. Das dazu gehörige Wissen kann ein fleißiger und begabter Talmudjünger in verhältnrßmäßig kurzer Zeit erwerben und braucht man deßhalb seine Berufsstudien nicht zu vernachlässigen. Aber da die Orthodoxen bet ihrem „non possumus“ beharrteu, so hatten sie bald gänzlich verlorenes Sviel. Das Gesetz drang durch, welches von den Rabbinern der 20 größeren Städte Galiziens Gymnasial-Maturitätsprüfung verlangt. Durch den Tod des seligen Rabbiner Lichtenstcin in Kolomea gewann die Sache actuelle Bedeutung. Die Statthalterei richtete an die Gemeinde Kolomea die Aufforderung, binnen 30 Tagen einen neuen Rabbiner, dessen Qualifikation den Anforderungen des neuen Gesetzes entspräche, etnzusetzen. Allein, woher in so kurzer Zeit einen Rabbiner auftreiben, der mit tiefer Talmudgelehrsamkeit, auf die doch eine Gemeinde, wie Kolomea, eine o'DDn nabü *ry keinesfalls verzichten kann, auch die Bedingungen, die das Gesetz fordert, Vereinen soll? Die Gemeinde Kolomea protestirte, noch ist die Sache nicht entschieden; aber es scheint, daß die Regierung bei ihrer Forderung beharren will. Es dürfte sich nun ein unerhörter Gewissenszwang entwickeln. Die Regierung wird die hervorragendsten Rabbinerposten mit jungen Studenten besetzen, die frisch im Auslande sich den akademischen Grad erworben, und auch eine nmn mnn von einer Rabbinerschule mitbringen, die sie jedoch durchaus nicht befähigen würde, in Galizien den religiösen Bedüifnissen der Bevölkerung zu entsprechen. Es st-ht zu befürchten, daß sich bei uns jenes fatale Verhältniß herausbilden könnte, wie es in Rußland zum Theil noch herrscht, wo die Negierung die Rabbjnerposten mit ihren Creaturen besetzt, die jedoch für die Gemeinde, von deren Mark sie zehren, weiter keine Bedeutung haben. Diese besoldet vielmehr einen eigenen Rabbiner, der die Function versieht und die Seele der Gemeinde ist. Das sollten die jüdischen Landtags- und Reichsraths-Abgeordneten, obwohl sämmtlich der Fortschrittspartei angehörend, doch beherzigen und es nicht zulassen, daß ihre orthodoxen Brüder einem religiösen Gewissenszwang ausgesetzt werden, der es nothwendig mit sich bringen muß. daß unendlicher Zwist und Hader in den Gemeinden entstehe, und jeder gesunde Fortschritt für lange hinaus unmöglich gemacht werde. Den Orthodoxen aber bietet sich eine günstige Gelegenheit, nicht nur ihre oft bewiesene Energie zu bethätigen, sondern auch durch Besonnenheit und Maßhalten ihre Position im Lande erheblich zu befestigen. In Lemberg und Krakau haben die Behörden die Chedarim aus sanitären Maßregeln geschlossen. Es ist einzusehen, daß, wenn kein Ersatz für diese vielgeschmähten Anstalten geschaffen wird, würde, vn die min in Vergessenheit gerathen, denn in unseren Schulen, von unfern Religionslehrern, können keine rnirmni^ erwartet werden. Nun haben die Orthodoxen im ganzen Lande eine große Rührigkeit entfaltet, Aufrufe wurden erlassen und erhebliche Summen strömten zusammen, die zum Bau eines Gebäudes verwendet werden sollen, welches, den Anforderungen der Behörden entsprechend errichtet, alle bisher in der Stadt verstreuten Chedarim aufnehmen soll. In Lemberg sind zu diesem Behufe schon 15,000 fl. gesammelt, eine Summe, welche für unsere ärmlichen Verhältnisse enorm zu nennen ist. Das beweist, wie sehr man noch im Lande die Bedeutung dieser vielverschrieenen Winkelschulen schätzt. Allein nun mögen die Orthodoxen einsehen, daß es nicht rathsam ist und zuweilen gefährlich werden kann, wenn man von seinem Standpunkt kein Haarbreit weichen will. Man muß den Anforderungen der Zeit und der Verhältnisse Conzessionen machen und es ist nothwendig, daß in jenen Chedarim neben den üblichen Unterrichtsstoffen, auch die Elementargegenstände, in den höhern Abtheilungen aber Bügerschulgegenstände vorgenommen werden. So wird sich langsam ein Geschlecht heranbilden lassen, welchenasm mm, Talmudgelehrsamkeit und weltliche Bildung, Frömmigkeit und modernes Wesen harmonisch vereinigen und nicht durch einen plötzlichen Sprung in ein neues Gebiet das Gleichgewicht verlieren und aus der normalen Entwickelungsbahn gelenkt sein wird. Wenn die Orthodoxen Einsicht und Standhaftigkeit genug besitzen werden, um dieses Ziel zu erreichen, so werden sie sich um das Gesammtjudenthum ein großes Verdienst erworben haben, iwicr by Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzen. Deutschland. Berlin, 27. Dez. Der wegen seiner Erklärung in der „Judenflintengeschichte" bekannte Oberlehrer an der königlichen Realschule zu Berlin Dr. Paul Förster ist plötzlich aus der „Leitung" der deutsch-sozialen Partei ausgetreten, „weil er für das, was innerhalb der Partei vorgehe und was irrthümlicherweise einem Beschlüsse der Gesammtleitung zugeschrieben werden könnte, nach keiner Seite hin verantwortlich gemacht werden möchte und es darum vorziehe, bis zur Neuordnung der Partei als Wilder thätig zu sein. Sein Rücktritt solle indessen in keiner Weise eine Absage an die Partei bedeuten." Der Austritt bleibt auch nach dieser Erklärung noch etwas dunkel.