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Der Israelit · 1893-01-05 · Heft 2 (5.1.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 2 (5.1.1893)
Date
1893-01-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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30 Schulbesuch freien Stunden mußte das Kind, kaum daß es seine Aufgabe für die nächste Lektion fertig hatte, das Cheder besuchen, um in althergebrachter Weise dem Studium der Bibel und des Talmud obzultegen. Wie viel Anstrengung das den armen Kleinen und mitunter auch den Eltern kostete, läßt sich denken. Allein man ersteht hieraus die lobenswerthe Standhaftigkeit, womit unsere hiesigen orthodoxen Brüder an ihrer Ueberzeugung festhalten. Daß diese Zustände nicht haltbar waren, ersieht Jedermann. In manchen kleinen Orten blieb außerdem der Schulzwang todter Buchstabe, denn aus Mangel an Mitteln errichtet das Land nicht die genügende Anzahl von Schulen, und die jüdische Jugend wuchs ohne Schulbildung heran. Da kam die großartige Zwölf-Millionen-Stiftung des Baron Hirsch, deren Ertrag netto 190,000 fl. ö. W. zur Errichtung von Schulen, in erster Reihe für jüdische Kinder, verwendet werden sott. Die Orthodoxen brachten anfänglich dieser wohltätigen Institution, in deren Vertretern sie Bundesgenossen jener berüchtigten „Aufgeklärten" erblickten *), Mißtrauen entgegen. In manchen Gegenden stieß sogar die Eröffnung der Schulen auf Widerstand; aber die Stiftung gewinnt immer mehr an Ausdehnung, gewinnt immer mehr das Zutrauen der Bevölkerung und dürfte mit der Zeit von großer Bedeutung für die Zukunft unserer Glaubensgenossen werden. Um so mehr ist es Pflicht des Curatoriums, für einen ausreichenden und gründlichen Unterricht in der jüdischen Religion wie im Hebräischen zu sorgen.**) Es ist schwer anzunehnehmen, daß der Knabe, der die Hirsch'sche Normalschule verlassen hat, späterhin ein Eheder besuchen wird, deßhalb ist es Aufgabe jener Schule, im Knaben den Grund zu einer tiefen Kenntniß der heiligen Schrift und auch der Anfangsgründe des Talmud zu legen. Es genügt nicht, daß der Knabe beim Verlassen der Schule die Gebete und etwasBibel verstehen solle, der Unterricht muß darauf zielen, daß der Schüler tvenigstens die leichtern Partien der Bibel, aber auch etwas Mischnajoth gründlich versteht. Wohin soll es denn mit uns kommen, wenn ein großer Theil unserer Jugend ohne gründliche Kenntniß der Bibel und wenigstens der Anfangsgründe des Talmud heranwachsen wird? Jenes Ziel läßt sich aber leicht erreichen, wenn man nur guten Willen haben wird. Bei der Einfügung des hebr. Elementarunterrichtes durch die zu errichtenden Fröbel- Schulen, wie auch bei einiger Ausdehnung der dem *) Und dies mit Recht. Red. **) Das ist bei der jetzigen Zusammensetzung der Verwaltung leider nicht zu erwarten. Red. Hebräischen zugemeffenen Zeit, kann und soll es geschehen! — Seit Jahren trug sich die Regierung mit dem Plane, die jüdischen Cultusangelegenheiten in^, Galizien zu regeln. In erster Reihe galt cs, von den Rabbinern einen höheren Bildungsgrad zu verlangen. Seinerzeit leiteten die Orthodoxen unter der Aegide des hochseligen Rabbiner Schreiber aus Krakau eine Action ein, aber diese blieb erfolglos. Die Regierung forderte, oder eigentlicher, sie bereitete einen d iesbezüglichen Gesetzentwurf vor, daß die galtzischen Rabbiner Mittelschulen absolvirt haben sollen, in einzelnen Fällen verlangte sie sogar akademische Bildung. Man daif sich durchaus nicht wundern, daß die Orthodoxen darüber unzufrieden waren. In Galizien ist das Rabbiner-Amt Gottlob noch nicht eine Parade, der Rabbiner hat noch andere Obliegenheiten als glänzende Leichen- und Trauungsreden zu halten und bei öffentlichen Feierlichkeiten zu paradiren. Es ist vielmehr den galizischen Juden ein Bedürfniß, einen Rabbiner zu haben, der die noch nicht aus der Mode gekommenen rituellen Fragen (nHuw) entscheide, auch als Schiedsrichter Sei Streitigkeiten (min p) fungire. Ja, es ist bei uns uralte Tradition, daß an jeden bedeutenden Rabbiner auch aus der Ferne praktische und theoretische Anfragen^sergehen, auf die er dann zu antworten hat. Die bedeutendsten Rabbiner der Vergangenheit j haben sich auf dem Gebiete der hervorgethan, und der drittletzte Rabbiner Lembergs, yyi jhhunbmj f]D1' '-) jiion, ist auch außerhalb Europas als Autorität angesehen worden. So bleibt in Galizien die Thätigkeit und Aufgabe des Rabbiners eine religiös-wissenschaftliche Funktion. Es ist demnach begreiflich, daß unsere orthodoxen Glaubensgenossen nicht etnsehen konnten, wozu der Rabbiner Latein oder Griechisch zur Ausübung jener Funktionen nölhig hätte. Dazu kam noch der in Folge der bereits erwähnten Umstände entstandene Verdacht gegen alles ^weltliche Wissen. Man darf indessen von den weltlichen Kenntnissen der Rabbinen nicht zu gering denken. In hebr. Sprache gibt es bekanntlich eine große Anzahl älterer und neuerer wissenschaftlicher Werke und aus diesen schöpfen die fleißigen Talmudjünger, so daß mancher Rabbiner hervorragende Kenntnisse in der Mathematik und Physik besitzt und in der Weltgeschichte gar wohl bewandert ist. Daher erklärt sich jener Protest der galizischen Orthodoxen. Allein sie haben durchaus über die Schnur gehauen. Die Regierung forderte alles, sie wollten auf nichts eingehen. Sie sollten doch aber etnsehen, daß die gründliche Kenntniß der deutschen, wie der Landessprache für einen Rabbiner unzweifelhaft nothwendig ist, und hätten daher einen Mittelweg einschla-

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